Der Mekka-Pakt: Eine neue Machtachse entsteht
Mit dem „Mekka-Pakt“ entsteht im Nahen Osten eine neue militärische Achse, deren langfristige Folgen auch Israel mit größter Aufmerksamkeit beobachten muss. Saudi-Arabien, die Türkei und die Atommacht Pakistan verpflichten sich gegenseitig zum militärischen Beistand und schaffen damit eine Sicherheitsstruktur, die ausdrücklich nach dem Vorbild der NATO angelegt ist – während Pakistans Verteidigungsminister Israel bereits als „Bedrohung für die gesamte muslimische Welt“ bezeichnet und eine vereinte militärische Gegenfront fordert. Noch geben sich Riad und Ankara betont defensiv, doch mit gemeinsamen Manövern, enger Rüstungskooperation und einer möglichen Erweiterung um weitere islamische Staaten könnte aus dem Bündnis schon bald ein eigenständiger Machtblock entstehen. Dass ausgerechnet Washington diese Entwicklung begrüßt, könnte sich für Israel noch als existenzielle Bedrohung erweisen. (JR)
Mit dem in Mekka geschlossenen Verteidigungspakt schaffen Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan eine Sicherheitsstruktur, die in wesentlichen Punkten an die NATO erinnert. Die Vereinbarung ist damit weit mehr als ein weiteres regionales Kooperationsformat: Drei der militärisch und politisch bedeutendsten Staaten der islamischen Welt verpflichten sich gegenseitig zum Beistand – darunter mit Pakistan eine Atommacht und mit der Türkei ein NATO-Mitglied.
Unterzeichnet wurde das „Gemeinsame Verteidigungsabkommen von Mekka“ am 7. August 2026 von Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif. In der offiziellen Erklärung heißt es übersetzt: „Jeder bewaffnete Angriff auf einen der drei Staaten wird als Angriff auf sie alle betrachtet.“ Das pakistanische Außenministerium bestätigt zudem, dass die Zusammenarbeit in sämtlichen Bereichen der Verteidigung ausgebaut werden soll.
Der türkische Außenminister Hakan Fidan verglich die Konstruktion ausdrücklich mit Artikel 5 der NATO. Nach Angaben Ankaras sollen gemeinsame politische und militärische Mechanismen entstehen, an denen Außen- und Verteidigungsminister sowie die jeweiligen Militärführungen beteiligt sind. Vorgesehen sind außerdem gemeinsame Übungen zu Land, zur See und in der Luft, Kooperation bei Luftverteidigung und unbemannten Systemen sowie eine vertiefte Zusammenarbeit der Rüstungsindustrien.
Parallelen zur NATO
Die strategische Mischung ist bemerkenswert. Saudi-Arabien verfügt über enorme finanzielle Mittel und regionales Gewicht, Pakistan über Atomwaffen und umfangreiche militärische Erfahrung, die Türkei über die zweitgrößte Armee der NATO und eine stark gewachsene eigene Rüstungsindustrie. Gleichzeitig betonen die Beteiligten, das Bündnis richte sich gegen keinen bestimmten Staat und ersetze keine bestehenden Allianzen. Pakistans Außenminister Ishaq Dar bezeichnete es als „rein defensiver Natur“.
Doch gerade die Offenheit für weitere Mitglieder verleiht dem Pakt zusätzliche Bedeutung. Erdoğan will das Bündnis erweitern; Ägypten gilt nach Aussagen Fidans als möglicher Kandidat. Ein Ministerkomitee und ein Generalsekretariat in Saudi-Arabien sollen die Struktur institutionalisieren. Mitte August kündigte das türkische Verteidigungsministerium darüber hinaus gemeinsame Manöver sowie Kooperation bei elektronischer Kampfführung, künstlicher Intelligenz und autonomen Systemen an. Die Vorbereitungen für das Abkommen liefen nach Angaben Fidans bereits seit zwei Jahren und acht Monaten. Es handelt sich also nicht nur um eine kurzfristige Reaktion auf die jüngste Eskalation im Nahen Osten.
Für Israel ist die Entwicklung besonders heikel. Der israelische Diaspora-Minister Amichai Chikli bezeichnete die neue Allianz als „eine sehr gefährliche und sehr beunruhigende Entwicklung“ und sagte, sie sei „sehr, sehr schlecht für uns, für Israel“. Noch schärfer äußerte sich Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Asif. Er bezeichnete Israel als „eine Bedrohung für die gesamte muslimische Welt“ und forderte eine „vereinte militärische Front“ gegen den jüdischen Staat. Dass solche Worte nur einen Tag nach Unterzeichnung eines Beistandspakts mit einer Atommacht fallen, erhöht zwangsläufig die Aufmerksamkeit in Jerusalem.
Partner des Westens oder Bedrohung?
Auch Indien beobachtet die neue Konstellation aufmerksam. Für Neu-Delhi ist Pakistan der zentrale militärische Rivale; nun steht Islamabad in einem formellen Verteidigungsverbund mit zwei Staaten, die über erhebliche wirtschaftliche, diplomatische und militärische Ressourcen verfügen. Das bedeutet noch nicht, dass Ankara oder Riad bei einem künftigen indisch-pakistanischen Konflikt automatisch militärisch eingreifen würden. Die Beistandsklausel dürfte aber bereits durch ihre politische Signalwirkung Pakistans strategische Position stärken.
Allerdings wäre es voreilig, den Mekka-Pakt bereits als geschlossen antiisraelisches oder antiwestliches Militärbündnis zu behandeln. Saudi-Arabien und die Türkei verfolgen eigene Interessen und haben ausdrücklich erklärt, dass die Vereinbarung defensiv angelegt sei. Auch ein automatischer Einsatz pakistanischer Atomwaffen lässt sich aus dem veröffentlichten Text nicht ableiten. Der vollständige Vertrag mit möglichen operativen Einzelheiten ist bislang nicht öffentlich; die bekannte Erklärung spricht nur allgemein von umfassender Verteidigungskooperation.
Bemerkenswert ist zudem die inzwischen erfolgte Reaktion aus Washington. Präsident Donald Trump begrüßte die Vereinbarung ausdrücklich und erklärte, er sei „sehr erfreut“ über ihren Abschluss. Für ihn ist der Pakt offenbar zunächst ein Beispiel dafür, dass regionale Partner mehr Verantwortung für ihre eigene Sicherheit übernehmen. Damit passt er zur amerikanischen Forderung nach einer stärkeren Lastenteilung bei der Gewährleistung gemeinsamer Sicherheit.
Genau darin liegt jedoch die langfristige Brisanz. Was Washington als Entlastung begrüßt, kann sich zu einer eigenständigen Machtarchitektur entwickeln. Wenn weitere Staaten beitreten und die militärische Kooperation tatsächlich vertieft wird, entsteht neben den bestehenden westlich geprägten Bündnissen ein neues regionales Sicherheitszentrum. Ob es Partner des Westens bleibt oder sich zunehmend von ihm emanzipiert, dürfte eine der entscheidenden geopolitischen Fragen der kommenden Jahre werden.
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