Honig, Geschichte und Hoffnung – Nürnbergs erster koscherer Lebkuchen

„Shalom aus Nürnberg“© VITALI LIBEROV

Essen verbindet – und manchmal auch Geschichte. In Nürnberg, wo einst Synagogen brannten und jüdisches Leben ausgelöscht wurde, entsteht nun etwas Neues, das symbolischer kaum sein könnte: der erste koschere Nürnberger Lebkuchen. In Zusammenarbeit mit der Traditionsbäckerei „Lebkuchen Schmidt“ und dem „Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Nürnberg–Hadera“ wurde das süße Gebäck nach jüdischem Reinheitsgebot gefertigt – koscher und in Bio-Qualität. Dass ausgerechnet an diesem Ort, wo die Synagoge schon 1938 auf Geheiß Julius Streichers fiel, nun wieder koscher gebacken wird, ist mehr als ein kulinarisches Projekt: Es ist ein Stück gelebter Versöhnung.

Von Birgit Gärtner

Laut der Webseite der Firma „Lebkuchen Schmidt“ haben „schon die alten Ägypter Kuchen mit Honig bestrichen und zusammen gebacken“. Das gilt in der Zunft als Ursprung des Lebkuchens, der um 350 v. Chr. das erste Mal schriftlich erwähnt wird. Weiter heißt es dort:

„Nach der Mythologie der Ägypter, Griechen, Römer und Germanen war Honig eine Gabe der Götterwelt. Und auch in der Bibel ist die Rede vom ´gelobten Land, in dem Milch und Honig fließt`. So erklärt sich, dass man in alter Zeit dem Honig als göttlicher Gabe dämonenvertreibende, heilende und lebensspendende Wirkung zugeschrieben hat. Ebenso sollten natürlich alle Speisen und Backwerke, die mit Honig zubereitet waren, diese Eigenschaften haben“.

Dem „Honig-Verband“ zufolge wird in der Bibel „das Land in dem Milch und Honig fließen“ 16-mal erwähnt. Hintergrund ist die Flucht des Volkes Israel vor den Ägyptern in die Wüste. Den Israeliten ist ein Land versprochen worden, das weit und schön ist, ein „Land, in dem Milch und Honig fließen“, deshalb ziehen sie dorthin, erobern dieses Land und verteidigen es“.

Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass damit nicht wirklich Honig im Sinne eines Imkerei-Produktes gemeint ist, sondern einheimische süße Früchte wie beispielsweise Datteln. Doch diese Annahme ist falsch; tatsächlich wurde dort bereits vor 3.000 Jahren die Kunst der Imkerei betrieben – und zwar u.a. in der antiken Stadt Tel Rehov im Beth-Shean-Tal. Dort fanden Wissenschaftler bei Ausgrabungen im Jahr 2007 „ein vollständiges Apiarium, wie man ein Bienenhaus in Fachkreisen nennt, im Stadtzentrum. Es besteht aus beinahe einhundert zylindrischen Körben aus Stroh und Lehm. Sie sind teils sogar etagenweise übereinander gestapelt. Die größten von ihnen haben einen Durchmesser von 40 Zentimetern und sind fast einen Meter hoch. Die Auswertungen ihres Inhalts ergaben, dass sie tatsächlich als Bienenstöcke genutzt wurden.

Doch was bedeutet dieser Fund? Er ist nicht weniger als eine wissenschaftliche Sensation. Damit ist zweifelsfrei bewiesen, dass bereits vor 3.000 Jahren die Kunst der Bienenzucht betrieben wurde. Die Bienenstöcke in Tel Rehov sind die älteste bisher entdeckte Imkerei des gesamten Nahen Ostens“.

 

Nürnberger Lebkuchen wird koscher

Auch wenn der Lebkuchen 350 v. Chr. das erste Mal schriftlich erwähnt wurde, sollte es laut „Schmidt-Lebkuchen“ noch knapp 1.000 Jahre dauern, bis das Gebäck im 13. Jahrhundert nach Nürnberg kam: „In den Klöstern aß man während der Fastenzeit zum starken Bier gerne gepfefferte Lebkuchen, die sogenannten ´Pfefferkuchen`. `Pfeffer` war damals der Sammelbegriff für alle Gewürze, um deren magenfreundliche Wirkung man in Klosterküchen sehr wohl wusste: Sie fördern die Verdauung und lindern das Völlegefühl. Also würzten die findigen Mönche ihr ´panis piperatus` mit allem, was Venedigs Flotte hergab: mit Kardamom und Muskat, Zimt und Ingwer, Anis und Koriander, ´Nägelein` (Nelken) und natürlich mit schwarzem Pfeffer“.

Die Firma „Schmidt Lebkuchen“ ist seit 1926 im Geschäft und mauserte sich unterdessen zum größten Lebkuchen-Versandhandel der Welt. Produziert wird ausschließlich „Original Nürnberger Lebkuchen“, ein Qualitätsmerkmal, das sich im Namen ausdrückt. Seit der diesjährigen Saison ist die Produktpalette um ein Erzeugnis reicher: „Koscherer Nürnberger Lebkuchen“. Dass er koscher produziert wird, dafür bürgen zwei orthodoxe Rabbiner, die sowohl Inhaltsstoffe als auch Herstellung überprüfen.

 

Die jüdische Gemeinde Nürnberg

Mitte des 13. Jahrhunderts legte die jüdische Gemeinde Nürnberg auf dem Areal des heutigen Hauptmarkts ihr Quartier an. Neben Wohngebäuden aus Holz und Stein umfasste das Viertel auch eine Synagoge. Der Geldverleih bildete die zentrale Einnahmequelle der hier wohnenden Nürnberger Juden, da sie die meisten anderen Berufe nicht ausüben durften.

An der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde wurden mehrmals schwere Pogrome begangen. Beim sog. „Rintfleisch-Pogrom“ am 1. August 1298 fanden laut dem „Nürnberger Memorbuch“ 628 Gemeindemitglieder einen gewaltsamen Tod.

Geschäftsbesitzer Vitali Liberov versteht sich als Brückenbauer zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Nürnbergern. © VITALI LIBEROV

1349 wurden 562 jüdische Frauen, Kinder und Männer von Nürnberger Stadtbewohnern ermordet und das jüdische Viertel vollständig zerstört. Zur Vertreibung der Juden aus der Stadt, erwirkte der Nürnberger Rat eine Urkunde bei König Karl IV. (Kaiser ab 1355), der das Vorgehen im Vorfeld billigte.

Ein Großteil der jüdischen Häuser, die im Herz der mittlerweile zusammengewachsenen Stadt lagen, ließ der Rat der Stadt abreißen. An deren Stelle wurden zwei Marktplätze (heute Haupt- und Obstmarkt) angelegt. Die Frauenkirche wurde als kaiserliche Kapelle an der Stelle der alten Synagoge errichtet.

Auch die zweite Nürnberger Synagoge in der Wunderburggasse wurde 1499 aufgrund der anti-jüdischen Kirchenpolitik abgerissen. Am 8. September 1874 wurde die Synagoge am Hans-Sachs-Platz eingeweiht. Diese wurde 1938 abgerissen, auf Geheiß Julius Streichers und schon vor dem 9. November.

 

Als nächstes „koscheres Nürnberger Bier“

Diese Synagoge ziert die hübsche Dose, in der der Lebkuchen verpackt ist. Dem „Bayerischen Rundfunk“ (BR) zufolge war „das prachtvolle Gebäude […] von seiner Eröffnung im Jahre 1874 bis zu seinem Abriss durch die Nationalsozialisten im August 1938 Zentrum gelebter jüdischer Kultur in Nürnberg. Mit seiner großen, maurisch anmutenden Kuppel prägte die Synagoge über sechzig Jahre lang das Bild der Altstadt am Ufer der Pegnitz“.

Neben der Synagoge ist auf der Dose der Hauptmarkt abgebildet. In dessen Nähe liegt der kleine Laden, in dem die Leckerei zu erwerben ist. Ganze 18 m² ist das Geschäft laut Besitzer Vitali Liberov groß. Der Händler versteht sich als „Brückenbauer“ zwischen den jüdischen und nicht-jüdischen Nürnbergern. Mit dem Angebot soll nicht nur die große Nachfrage nach koscheren Lebensmitteln befriedigt werden, sondern „jeder soll hier was finden“, wie Liberov der JR gegenüber betonte.

Im Gespräch mit dem BR im September hat er sein nächstes Projekt erwähnt: Koscheren Glühwein. Inzwischen sei er etwas realistischer geworden, so Liberov. „Ich möchte gerne heimisches koscheres Bier. Schließlich ist jedes Bier, sofern es nach dem ´Deutschen Reinheitsgebot` gebraut wurde, koscher. Da scheint mir koscheres Nürnberger Bier machbarer als koscherer Nürnberger Glühwein.“

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden