Budapests Haus des Terrors – Bollwerk gegen das Vergessen

Das Museum „Haus des Terrors“ in Budapest. 
© AXEL SCHMIDT_AFP

Während die CDU mit judenfeindlichen Begriffskreationen wie etwa die Aussage von Johann Wadephuls „Zwangssolidarität“, die die Staatsräson zu Israel de facto aufkündigt, erinnert Ungarn an seine Geschichte mit Einsicht und Klarheit. Aus der Perspektive einer nationalkonservativen, stolzen Nation heraus, die eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen beider mörderischer Diktaturen des 20. Jahrhunderts nicht scheut: dem faschistischen Terror der Nationalsozialisten und dem Terror der Kommunisten. Abseits von Kotaus vor islamischen Migrantenströmen, gleichzeitiger „Nie-Wieder“-Obsession und eliminatorischer „Israelkritik“, zeigt Ungarn mit dem „Haus des Terrors“, wie Gedenken ohne Zerstörung nationaler Identität, funktionieren kann. Auch mit der Wahl eines Neorenaissance-Palais als Ausstellungsort, das sich auf einem der schönsten Boulevards Budapests befindet, unweit der prachtvollen Staatsoper, umgeben von ausländischen Botschaften, ist Viktor Orban gleichermaßen ein Befreiungsschlag gegen die Verharmloser der stalinistischen Gulag-Gräueltaten und der ungarischen Nazi-Kollaboration sowie im geschichtspolitischen Diskurs gelungen. (JR)

Von Filip Gašpar

Gedenken als nationalkonservatives Manifest

Mitten in Budapest, an der geschichtsträchtigen Andrássy út, erhebt sich ein Gebäude, das mehr als ein Museum ist. Es ist ein nationales Manifest. Das Haus des Terrors ist nicht nur Gedenkstätte für die Opfer zweier menschenverachtender Regime – des nationalsozialistischen und des kommunistischen –, sondern ein Ort, an dem Ungarn seiner eigenen Geschichte mit unerschrockener Klarheit begegnet. Es ist ein Ort, an dem Erinnerung nicht domestiziert wird, sondern unmissverständlich bleibt. Wo andere relativieren, benennt man hier. Wo anderswo das Weichzeichnen Mode geworden ist, wird in Budapest kantig erinnert – konkret, unbequem, aufrecht.

Die Entscheidung, das Museum gerade hier, im einstigen Hauptquartier der ÁVH, der kommunistischen Geheimpolizei, einzurichten, war ein Akt bewusster Symbolik. In denselben Räumen, in denen Oppositionelle gefoltert, inhaftiert und zur Kollaboration gezwungen wurden, begegnet man heute ihrer Geschichte – nicht steril hinter Glas, sondern spürbar, eindringlich und architektonisch raffiniert. Auch das Vorgängerregime, die faschistischen Pfeilkreuzler, hatte das Gebäude genutzt – und so wurde aus dem Ort des Terrors ein Ort des Erinnerns.

Seit seiner Eröffnung im Jahr 2002 hat das Haus des Terrors nicht nur Millionen von Besuchern empfangen, sondern auch internationale Aufmerksamkeit erregt – und Kritik. Warum? Weil es sich dem Trend zur moralischen Äquidistanz verweigert. Weil es nicht bereit ist, Täter und Opfer in einem gesichtslosen Strom von „historischen Prozessen“ verschwinden zu lassen. Und weil es sich nicht scheut, die Geschichte Ungarns aus einer nationalen, nicht aus einer globalistischen Perspektive zu erzählen. Dass dies ausgerechnet in einem EU-Mitgliedsstaat geschieht, der sich offen gegen ideologische Gleichmacherei und kulturrelativistische Erinnerungsrituale stellt, ist bemerkenswert – und notwendig.

Herzstück des Museums ist eine multimedial durchkomponierte Dauerausstellung, die in beklemmender Dichte durch die Kapitel des ungarischen 20. Jahrhunderts führt. Die Besucher schreiten durch Räume, die absichtlich düster und eng gehalten sind, durchdrungen von Bildern, Dokumenten, Zeitzeugenberichten und Originalobjekten. Keine Rauminstallation wirkt beliebig – alles ist durchdacht, bedeutungsgeladen. Man steigt hinab in Kellerzellen, in denen einst gefoltert wurde, sieht Gesichter von Ermordeten, liest ihre letzten Briefe, hört ihre Stimmen. Und mit jeder Stufe, die man tiefer geht, wird die Vergangenheit gegenwärtiger. Es ist ein Museum, das einen körperlich fordert, das den Besucher zwingt, Stellung zu beziehen. Neutralität ist hier nicht vorgesehen – und genau das macht seine Kraft aus.

 

Jüdischer Leidensweg im nationalen Kontext und unter dem jeweiligen Terrorregime erzählt

Besonders eindrücklich ist die konsequente Darstellung des jüdischen Leidensweges im ungarischen Kontext. Das Museum verschweigt nicht, dass ungarische Behörden, unter Horthy und später die faschistischen Pfeilkreuzler, mit fanatischer Energie an der Vernichtung der ungarischen Juden mitwirkten. Hunderttausende wurden deportiert, erschossen, in die Donau gestoßen – oft von Landsleuten, Nachbarn, Mitbürgern. Die Ausstellung zeigt auch, wie jüdische Familien bereits im kommunistischen Nachkriegssystem erneut stigmatisiert wurden – dieses Mal nicht als „rassisch minderwertig“, sondern als „bürgerlich“, „zionistisch“, „westlich orientiert“. Wer der Shoah entkommen war, lief Gefahr, im nächsten System erneut entrechtet zu werden.

Gerade in dieser doppelten Opferrolle jüdischer Bürger wird das gesamte Drama des ungarischen 20. Jahrhunderts greifbar. Das Museum verweist auch auf mutige Retter, auf Widerstand im Kleinen, auf Zivilcourage – ohne zu idealisieren, ohne falsches Heldentum zu beschwören. Es ist diese Balance aus nationaler Selbstkritik und patriotischer Würde, die das Haus des Terrors zu einem so einzigartigen Ort macht.

Dass dieses Museum unter der Leitung von Mária Schmidt steht, ist ein Glücksfall für Ungarn – und ein Ärgernis für alle, die sich ein geschichts- und rückgratloses Osteuropa wünschen. Schmidt, promovierte Historikerin und intellektuelle Vordenkerin der konservativen Szene, hat es verstanden, ein Museum zu schaffen, das nicht nur konservative Werte wie Nation, Familie, Verantwortung ernst nimmt, sondern sie auch durch historische Tiefenschärfe legitimiert. Ihre Deutungshoheit über das Narrativ ist manchen ein Dorn im Auge, gerade in Deutschland, wo man sich ungern mit selbstbewussten nationalkonservativen Stimmen konfrontiert sieht, die den Holocaust nicht relativieren, aber auch die kommunistischen Verbrechen nicht verharmlosen. Schmidt lehnt die Dominanz westlicher Erinnerungsschablonen ab – und macht sich dadurch zur Zielscheibe jener, die Geschichte am liebsten in Form moralpädagogischer Gleichmacherei exportieren möchten.

Doch Schmidt bleibt standhaft. Sie verteidigt das Museum gegen pauschale Vorwürfe, es sei „revisionistisch“ oder „instrumentalisiert“ – und hat stets betont, dass wahre Aufarbeitung nur dann gelingt, wenn sie aus dem Inneren einer Gesellschaft heraus erfolgt. Für Ungarn bedeutet das: sich nicht länger als ewiges Opfer der Geschichte zu begreifen, sondern als Subjekt mit Verantwortung, mit Schuld – aber auch mit Würde. Das Haus des Terrors verkörpert genau diesen Anspruch. Es erzählt die Geschichte Ungarns, ohne sie anderen zu überlassen. Und es tut dies mit einer Klarheit, die in Europa ihresgleichen sucht.

Wendepunkt im Umgang mit politisierter Erinnerung

Ein oft übersehener Aspekt ist auch die pädagogische Wirkung des Museums. Schulklassen, Soldaten, Studenten – sie alle besuchen diesen Ort und treten in einen Dialog mit der Vergangenheit. In Zeiten, in denen junge Europäer kaum noch wissen, was Kommunismus war, geschweige denn, wie er funktionierte, ist diese direkte Konfrontation mit der Realität einer Diktatur unverzichtbar. Auch der Nationalsozialismus wird hier nicht als isolierte deutsche Geschichte erzählt, sondern als transnationale Ideologie, die auch in Ungarn ihre Komplizen und Opfer fand.

Was bleibt also von einem Besuch im Haus des Terrors? Kein touristischer Aha-Effekt, keine glatte museale Ästhetik. Sondern ein Kloß im Hals, ein gedankliches Ringen, ein Respekt vor dem ungarischen Mut, sich nicht anzubiedern. In einer Zeit, in der europäische Staaten zunehmend bereit sind, ihre Identität zugunsten eines leeren Multikulturalismus aufzugeben, steht das Haus des Terrors wie ein Fels – unbequem, notwendig, standhaft.

Wer Budapest besucht und dieses Museum nicht betritt, verpasst nicht nur einen geschichtlichen Ort – er verpasst den Schlüssel zum Verständnis eines Volkes, das sich gegen alle ideologischen Zumutungen des 20. Jahrhunderts behauptet hat. Und das auch heute nicht bereit ist, seine Geschichte denen zu überlassen, die sie umdeuten wollen. Ungarn hat sich mit dem Haus des Terrors ein Denkmal geschaffen. Eines, das bleibt. Und eines, das Maßstäbe setzt – für Europa, für Erinnerung, für Wahrheit.

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