„Wozu braucht G´tt ein Raumschiff?“

Der Weltraum – die letzte Grenze© ROBERT GENDLER/SCIENCE PHOTO LIBRGNScience Photo Library via AFP

Was nur die wenigsten wissen: Tatsächlich bestand im fiktiven Weltraum von Star-Trek die Führungscrew der Enterprise 1701 komplett aus Juden. Auch ansonsten waren Star-Trek und sein Schöpfer bezüglich „Diversität“ ihren Zeitgenossen vielleicht nicht um Lichtjahre, aber um immerhin 40 Jahre voraus. Was wir aus der wenngleich nicht ungefährlichen, aber freundlichen Zukunft von Star-Trek lernen können – und warum G´tt kein Raumschiff braucht.

Von Peter Fischer

„Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt, dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

So beginnt der Vorspann der wohl berühmtesten Science-Fiction-Serie der Welt. Und wer erinnert sich nicht an die Abenteuer von Captain Kirk, dem Vulkanier Spock und dem Schiffsarzt McCoy aus den späten sechziger Jahren? Eine für die damalige Zeit revolutionäre Serie, in der die Befehle vom „Sternenkommando“ auf einer Art Diskette kamen, die Kirk, der amerikanische Held, in das Laufwerk seines Kommandosessels einschob. Die Enterprise war damals ihrer Zeit vielleicht nicht um Lichtjahre, aber immerhin 20 Jahre voraus.

 

Diverse Crew

Die gemischte Crew war für die damalige Zeit geradezu revolutionär besetzt: Kirk und Pille als Amerikaner, Pavel Chekov als Russe, Scotty der Schotte, Lieutenant Uhura, eine Afrikanerin, Steuermann Hikaru Zulu, der Japaner - und in einer Folge sogar ein Deutscher namens Jaeger, der aber nur eine Viertelstunde Gesteinsproben nehmen durfte, bevor er in der Episode „Tödliche Spiele auf Gothos“ getötet wurde. „Red Shirt“ eben. Und natürlich, nicht zu vergessen, der „Alien“ an Bord: Der erste Offizier, der Vulkanier Spock, gespielt von Leonard Nimoy.

Tatsächlich aber, weil wir gerade bei Diversität sind, bestand die Führung der Enterprise 1701 (Typenbezeichnung) „im Jahr 2200“ aus – Juden.

 

„Captain Kirk“ und „Spock“

William Shatner alias Captain James T. Kirk wurde zwar 1931 in Montreal geboren, sein Großvater Wolfgang Shatner, vormals Schattner, war jedoch ein jüdischer Emigrant deutscher Abstammung aus der Ukraine. Ebenso waren seine Großeltern mütterlicherseits jüdische Einwanderer aus Litauen und der Ukraine. Im „echten Leben“ war William Shatner nicht der erste Jude im Weltraum, diese Ehre gebührte Jeffrey A. Hofmann 1985 in der Raumfähre Challenger, aber er war auf jeden Fall der älteste Jude und der bis 2024 älteste Mensch, der je in den Weltraum flog: Im Oktober 2021 war Shatner im Alter von 90 Jahren und 6 Monaten als Weltraumtourist an Bord der „New Shepherd“ bei einem suborbitalen Flug.

Ähnlich der erste Offizier, „Commander Spock“: Leonard Nimoy. Seine Eltern, Max Nimoy und Dora Spinner waren jiddisch sprechende, jüdisch-orthodoxe Einwanderer aus einem 18.000 Seelen Ort in der Ukraine. Die Rolle des „Alien“, also des „Außerirdischen“, der eine absolute Ausnahme ist, war Nimoy somit sozusagen schon biographisch in die Wiege gelegt.

Ob diese „jüdische Besetzung“ Absicht war, darf bezweifelt werden und ist wohl mehr einem Zufall des Castings zu verdanken. Der Schöpfer der Serie, Gene Roddenberry, war zwar getaufter Baptist, sagte sich aber später von seiner Kirche los und bezeichnete Religionen als „Unsinn“. Er sah sich selbst lieber als Humanist – aus diesem Grunde finden sich im kompletten Star-Trek Universum von den Anfängen 1964 bis zum heutigen Datum bezüglich der menschlichen Protagonisten keine Religionen. Niemand bekreuzigt sich vor riskanten Außenmissionen, niemand spricht ein Totengebet für gefallene Kameraden oder unterbricht seinen Dienst auf der Brücke, weil er ein Gebet verrichten muss oder gerade Sabbath ist.

 

Die Klingonen und ihr Kriegerkult

Spiritualität und Religion sind in Star-Trek ausgelagert auf andere außerirdische Rassen, wie beispielsweise die kriegerkultischen Klingonen oder die an Religion grenzenden Glaubenssätze der rein logisch denkenden Vulkanier. Ebenfalls gibt es die tiefgläubigen Bajoraner aus dem dritte Serien-Spin-Off „Deep Space Nine“ oder die atheistischen Ferengi, die, außer an die Macht von „goldgepresstem Latinum“, an gar nichts glauben und keine G´ttheiten kennen.

 

Ethische Fragen

Die Macher von Star-Trek haben es seit jeher geschafft, plakative Religionsbekenntnisse aus ihren Drehbüchern herauszuhalten – klar, denn das Publikum von Star-Trek ist religiös so heterogen, wie es eben auch die ganze tatsächliche Welt ist. Star-Trek ist in der Türkei ebenso bekannt wie in Russland, Spanien, Japan, Indien oder Australien. Die Themen der Drehbuchschreiber kreisen dadurch eher um ethische Fragen, wie moralisch es beispielsweise ist, einige wenige zu opfern, um Tausende oder Millionen Anderer zu retten. Oder ob eine technologisch hoch entwickelte Spezies in den natürlichen Lauf der Evolution technisch und gesellschaftlich unterentwickelter Völker eingreifen sollte, um Leben zu retten oder diese sogar vor der kompletten Zerstörung zu bewahren. Was im Übrigen laut der „Obersten Direktive der Sternenflotte“ aus Gründen strengstens verboten ist.

Tatsächlich ist auch diese „Direktive“ äußerst interessant: Wechseln wir hier die Seite des Betrachters und stellen uns vor, der Iran, Russland oder auch die USA kämen in den Besitz von Alien-Technologie, die sie weder verstehen, noch beherrschen noch deren Zerstörungskraft sie abschätzen können – was würde wohl mit den falschen Waffen in den falschen Händen passieren?

 

Leben: Eine Definitionssache

Ein anderes, gerne behandeltes Thema betrifft die Definition, was eigentlich Leben ist. In einer der ersten Folgen des ersten Star-Trek-Spin-Offs „Die nächste Generation“ geht es um die Frage, ob der Android Data, der zwar ein positronisches Gehirn hat, aber nach dem „Mensch sein“ strebt, wie ein Staubsauger Eigentum der Sternenflotte ist, die seine Entwicklung gefördert und bezahlt hat oder tatsächlich ein Lebewesen mit einem Bewusstsein und einer einzigartigen Individualität. Was macht uns zu dem, was wir sind? Unsere Erfahrungen, unsere Emotionen, unsere Gene, unsere Abstammung? Oder ein Cocktail aus allem? Was ist schließlich Leben an sich?

Der als Verteidiger des Androiden „Data“ eingesetzte Captain Picard beendet sein Statement sinngemäß mit dem Satz: „Wir fliegen ins Weltall, um neues Leben und neue Lebensformen zu erforschen und direkt vor uns sitzen sie!“ Das Gericht, das final über das Wohl und Wehe eines Individuums mit einem An- und Ausschaltknopf entscheiden soll, kommt zu der Entscheidung: „Wir wissen es nicht und bewahren den Status quo.“ Eine auch unter dem Hinblick der sich heute immer weiter entwickelnden und selbst lernenden „künstlichen Intelligenz“ eine hochbrisante Frage!

 

Die Niederlage der Übermenschen

In der fiktiven Timeline der Star-Trek Geschichte wurde der Menschheit nach den grausamen „Eugenischen Kriegen“ – durch Genetik verbesserte Über- oder Herrenmenschen wollten den Rest der Menschheit versklaven (ein Schelm, wer Böses dabei denkt…) – und dem darauffolgenden III. Weltkrieg die Unterscheidung nach Religion, Rasse oder anderen Merkmalen allergründlichst und restlos ausgetrieben. Das Ergebnis ist eine geläuterte Menschheit, in der es niemandem an Wohlstand mangelt, in der es kein Geld mehr gibt und die sich aufgrund des fehlenden Drucks der Existenzsicherung mit der Erlangung von Wissen und Weisheit beschäftigen kann. Eine wunderbare Vision einer freundlichen Zukunft, in der fiktiven Geschichte mit Milliarden Opfern bezahlt.

 

Die letzte Grenze

Trotzdem beschäftigen sich viele Star-Trek-Folgen oder auch die Filme mit Spiritualität: In Star-Trek V beispielsweise fliegt die Enterprise „an den Rand“ (eigentlich ins Zentrum) des Universums, um hinter der „großen Barriere“ den Planeten Sha Ka Ree zu finden, der nach den Mythen verschiedener Völker der Galaxie das Paradies ist und von G´tt persönlich bewohnt wird. Wie sich im Laufe des Films herausstellt, gibt es den Planeten zwar und er wird von einem mächtigen Wesen beherrscht – aber G´tt ist es natürlich nicht. Captain Kirk erkennt dies, als das Wesen fragt, ob es mit der Enterprise die „große Barriere“ durchdringen könnte, um seine Weisheit in die Galaxie hinauszutragen. Er antwortet auf das Ansinnen mit einer Gegenfrage: „Wozu braucht G´tt ein Raumschiff?“

 

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