Syrien und die Schlächter im Nadelstreifenanzug

Der islamische Terror-Chef Ahmed al-Scharaa tauschte Turban gegen einen Anzug.
© BAKR ALKASEM AFP

Der mit einem Anzug getarnte Nachfolger der islamistisch-dschihadistischen Al-Nusra-Front hat die Macht in Damaskus errungen und muss diese zunächst absichern. Deshalb bietet er den Baerbocks dieser Welt und dem Westen alles, was sie hören wollen. Dass die scheidende grüne Außenministerin Annalena Baerbock bei ihrem Besuch von den Islamis verpixelt wurde, sorgte bestenfalls für hochgezogene Augenbrauen – aber nicht für Konsequenzen. Auch Europa signalisiert Unterstützung. Damit sichert es jene islamisch-terroristischen Machthaber ab, die bezeichnenderweise mit der Hilfe der Türkei, unseres keinesfalls verlässlichen NATO-Partners, in den Sattel gehoben wurden. Als im März über 1.300 Menschen, überwiegend Alawiten und Christen, innerhalb von nur 72 Stunden von den syrischen Terror-Schergen des Anzug-tragenden, Ex-Al-Qaida Terroristen ermordet wurden, gab es im sogenannten „Wertewesten“ weder bei Frau Baerbock, noch bei ihren westlichen Kollegen, einen Aufschrei. Ganz im Gegenteil: Nicht nur Frau Baerbock sagte im Gegenzug für die Morde weitere finanzielle Hilfe zu. Die EU schenkt dem syrischen Terror-Staat weitere 2,5 Milliarden Euro. (JR)

Von Julian M. Plutz

Es gibt Momente im Leben, da vergeht es sogar diesem Autor, der seit er 13 Jahre alt ist, nichts lieber wollte, als Sätze zu bauen, die Lust am Schreiben. Der 7. Oktober 2023 war so ein Datum. Wenn das schier Unvorstellbare zur Realität wird, dann ist die Realität schier unvorstellbar. Und was man sich nicht vorstellen kann, kann man auch nicht ausdrücken.

Ähnlich ging es mir vor wenigen Wochen. Und erschwerend kommt hinzu, dass die Welt sich in die Gleichgültigkeit schweigt. Gemeint sind die Ereignisse in Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024. Hierbei handelt es sich um einen Albtraum, der kaum Beachtung findet. Über 1.300 Menschen, überwiegend Alawiten, wurden innerhalb von nur 72 Stunden getötet – ein Massaker, das an den 7. Oktober 2023 erinnert. Doch der sogenannte Wertewesten hüllt sich in Wortlosigkeit.

Die Antwort liegt in einer traurigen Logik: Diese Opfer waren Alawiten, viele davon Anhänger Assads, und gelten daher für manche als bedeutungslos. Dabei war nicht jeder Alawit ein Befürworter des gestürzten Regimes. Viele waren einfach Menschen, die in ihrem Alltag überleben wollten, unabhängig von politischen Loyalitäten. Doch diese Unterscheidung scheint irrelevant: Ein Leben, das wegen ethnischer Zugehörigkeit ausgelöscht wird, ist immer ein Verbrechen – ob in Syrien, Israel oder irgendwo sonst. Jeder, der auch nur einen Funken Mitgefühl oder Vernunft besitzt, müsste das laut und deutlich sagen.

 

Latakia und Tartus sind besonders betroffen

Stattdessen sieht man im Westen eine seltsame Mischung aus Gleichgültigkeit und stiller Freude. Die deutschen Politiker etwa reagieren mit einer Haltung, die Fragen aufwirft. Der scheidende Bundeskanzler Olaf Scholz nannte den Sturz Assads laut ZDF eine „gute Nachricht“ und versprach in einem Telefonat mit Interimspräsident Ahmed al-Scharaa Unterstützung beim Wiederaufbau Syriens. Außenministerin Annalena Baerbock reiste mit ihrem französischen Kollegen Jean-Noël Barrot nach Damaskus, um mit der neuen Führung zu sprechen. Sie sprach von einem friedlichen Machtübergang, gesellschaftlicher Versöhnung und dem Schutz aller ethnischen Gruppen – wohlklingende Worte, die angesichts der Realität leer wirken. Innenministerin Nancy Faeser ging sogar einen Schritt weiter und warnte laut FAZ Personen, die an Assads Taten beteiligt waren, vor der Suche nach Zuflucht in Deutschland. Sie versprach harte Konsequenzen – eine klare Botschaft, doch sie ignoriert die aktuellen Opfer.

Was in Syrien tatsächlich passiert, ist für die Region ein präzedenzloser Vorgang. Nach Assads Fall haben bewaffnete islamistische Gruppen, die nun das Land kontrollieren, eine Welle der Gewalt entfesselt. Besonders betroffen sind die Küstenregionen Latakia und Tartus, traditionelle Hochburgen der Alawiten. Dort werden Menschen in systematischen Racheakten angegriffen. In al-Mukhtariya in Latakia wurden 40 Menschen in einem einzigen Vorfall getötet – Videos zeigen Leichen in Zivilkleidung, stumme Zeugen eines Verbrechens. Die Syrian Network for Human Rights (SNHR) meldet, dass in Nordwest-Syrien innerhalb von zwei Tagen mindestens 125 Zivilisten starben. In Latakia und Tartus sollen zudem 150 Alawiten von Sicherheitskräften hingerichtet worden sein. Diese Zahlen sind nur ein Bruchteil der Wahrheit, denn die Berichterstattung bleibt lückenhaft.

 

Geht es nur um wirtschaftliche Interessen?

Das Schweigen des Westens ist nicht neu. Man denke an die 1990er Jahre, als im ehemaligen Jugoslawien ethnische Säuberungen stattfanden und die internationale Gemeinschaft lange zögerte. Auch damals wurden Opfer ignoriert, weil sie politisch unbequem waren. Syrien heute zeigt Parallelen: Die Alawiten, eine Minderheit, die unter Assad eine privilegierte Rolle spielte, werden nun kollektiv bestraft. Doch Geschichte lehrt uns, dass Rache und Vergeltung keinen Frieden bringen, ganz im Gegenteil. Assads Herrschaft war autoritär, keine Frage – die Bombardierung Aleppos 2016 bleibt ein düsteres Kapitel, das auch eines Tages politische Konsequenzen haben muss. Doch unter ihm gab es immerhin eine gewisse Stabilität, die jetzt fehlt. Ist ein Regime islamischer Schlächter wirklich die bessere Alternative? Die Antwort liegt auf der Hand: Ein Terrorist an der Macht ist schlimmer als ein Diktator.

Warum hört man so wenig über diese Massaker? Die Medien im Westen berichten zurückhaltend, fast als gäbe es eine stillschweigende Übereinkunft, die neuen Machthaber nicht zu kritisieren. Vielleicht liegt es daran, dass der Sturz Assads als Sieg über einen alten Feind gefeiert wird – den Feind Russlands und Irans. Doch diese Sichtweise ist kurzsichtig und moralisch verdorben. Hinter den Kulissen spielen auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Syrien ist ein Land mit Ressourcen und strategischer Lage – der Wiederaufbau könnte lukrative Verträge für westliche Firmen bedeuten. Ist das Schweigen also auch eine Investition in zukünftige Profite? Die deutsche Politik scheint jedenfalls bereit, diese Chance zu nutzen, ohne die aktuellen Opfer zu thematisieren.

 

Vorgestern waren es Juden, gestern Alawiten und morgen könnten es Christen sein

Die deutsche Politik steht vor einer Entscheidung. Statt an alten Feindbildern festzuhalten – Russland als Bösewicht, Selenskyj als Held –, sollte sie pragmatisch handeln. Der radikale politische Islam ist eine Bedrohung, die nicht nur Syrien, sondern auch Europa betrifft. Hier könnte eine Zusammenarbeit mit Wladimir Putin sinnvoll sein. Er ist kein Demokrat im klassischen Sinne, doch im Kampf gegen Extremismus verfolgt er Ziele, die mit deutschen Interessen übereinstimmen könnten. Unter Assad war Syrien ein Bollwerk gegen solche Gruppen – jetzt ist es ein Nährboden dafür. Eine Allianz mit Russland könnte helfen, die Region zu stabilisieren und weitere Massaker zu verhindern. Doch der Wertewesten scheint blind für diese Option, gefangen in seiner eigenen Ideologie.

Wenn diese Entwicklung so weitergeht, ist ein nächster „7. Oktober“ nur eine Frage der Zeit. Die Politiker werden dann wieder betroffen reagieren, Statements abgeben und doch nichts ändern. Ihre Priorität scheint oft der eigene Machterhalt zu sein, nicht die Verantwortung für eine bessere Welt. Vorgestern waren es Juden, gestern Alawiten und morgen könnten es Christen auch in Deutschland sein. Die deutsche Politik muss endlich aufwachen und Entscheidungen treffen, die nicht nur moralisch klingen, sondern auch praktisch etwas bewirken. Der Schutz von Minderheiten, die Eindämmung von Terrorismus und die Stabilität der Region sollten im Vordergrund stehen, nicht leere Versprechen über Wiederaufbau.

 

Die Tatsache, dass das Unvorstellbare zur Realität wird, ist nicht in Stein gemeißelt

Syrien ist ein Warnsignal. Die über 1.300 Toten in 72 Stunden sind keine Statistik, sondern Menschen mit Familien, Geschichten und Hoffnungen. Ihr Tod darf nicht ignoriert werden, nur weil sie politisch unbequem sind. Die Welt – und besonders Deutschland – muss sich fragen, welche Werte sie wirklich vertritt. Ist es die Aufgabe einer führenden Nation, wegzusehen, wenn Unrecht geschieht? Oder sollte sie handeln, um Schlimmeres zu verhindern? Die Antwort liegt in den Taten, nicht in den Worten. Wenn der Wertewesten jetzt schweigt, wird er später teuer dafür bezahlen – mit Instabilität, Fluchtbewegungen und einem Erstarken des Extremismus, der auch Europa nicht verschonen wird.

Wenn das Unvorstellbare zur Realität wird, liegt es an den Herrschenden, die Interessen für ein möglichst friedliches Zusammenleben der Völker zu wahren. Assad war sicherlich nicht der richtige Mann dafür. Doch ganz bestimmt ist der islamische Terrorist Ahmed al-Scharaa nicht der richtige, um die Region zu befrieden. Man kann nur hoffen, auch wenn es angesichts des dürftigen deutschen Politikerpersonals schwerfällt, dass die neue Regierung, so wie sie überhaupt zustande kommt, endlich zur Vernunft kommt.

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