Der 10. Tewet – Jerusalem unter Belagerung

© Ralf Roletschek/Roletschek.at/WIKIPEDIA
Der 10. Tewet (Tewet ist der zehnte Monat des jüdischen Jahres) ist ein Fasttag im jüdischen Kalender. Vor rund 2.500 Jahren belagerten die Armeen des babylonischen Kaisers Nebukadnezar die Stadt Jerusalem. Damit begannen all jene Ereignisse, die schließlich zur Zerstörung des Tempels und zur Verbannung des jüdischen Volkes aus Israel führten. Es ist daher ein Tag des Fastens und der Besinnung – ein Tag, an dem wir den Tragödien jenes Tages nachtrauern, ihre tieferen Ursachen in unseren eigenen Seelen und Taten identifizieren und uns bemühen, diese zu verbessern. (JR)
In früheren Zeiten pflegten in gewissen Gemeinden die geistigen Führer an Fasttagen nach dem Mincha-Gebet einen Vortrag zu halten. Der Zweck war, in erster Linie die Zuhörer zu veranlassen, Tschuwa zu tun (reuige Umkehr zu zeigen). Der Baal Schem Tov, der Begründer des Chassidismus, pflegte zu betonen, dass "Haschgacha Pratit" (die G-ttliche Vorsehung) alles in der Welt beherrscht und kontrolliert. Daher ist es möglich (in der Tat es ist nötig) aus allem, das wir erleben, eine Lehre bezüglich unserer Verpflichtung G-tt gegenüber zu entnehmen. Dieser Grundsatz hat ganz besondere Gültigkeit für die vier Fasttage im jüdischen Jahr, die auf die Zerstörung Jerusalems Bezug nehmen.
Die vier Fasttage haben eines gemeinsam: Sie lehren uns, dass unser Exil durch die Versündigung des jüdischen Volkes herbeigeführt worden ist; und daraus folgt, dass das Exil enden wird, wenn das jüdische Volk, insgesamt Tschuwa getan hat. Außerdem jedoch gibt es für jeden einzelnen Fasttag eine mehr spezifische Lehre, entsprechend den besonderen Dingen, die sich an diesem Tage ereignet haben.
Belagerung Jerusalems
Der 10. Tewet nun erinnert daran, dass zu diesem Datum die Belagerung Jerusalems durch den babylonischen König Nebuchadnezar begann. Wo der Prophet Ezekiel diese Belagerung beschreibt, bedient er sich dabei des hebräischen Vers "samach" (Ezekiel 24, 2), mit der Bedeutung von "belagern". Anderswo jedoch, und im Allgemeinen, hat dieses Wort "samach" die mehr positive Bedeutung von "stützen" oder "unterstützen". Die Frage stellt sich sofort, warum hier der Prophet mit diesem gleichen Wort die Belagerung illustriert.
Die Antwort darauf stützt sich auf den elementaren jüdischen Lehrsatz, dass alles auf dieser Welt, auch das Unerwünschte und das "Böse", einen ersten Ursprung in etwas Positiven hat, in der Sphäre des Geweihten und Geheiligten. Diese Dinge machen, sozusagen, einen Prozess von "Verschleierungen" und "Verkrampfungen" durch; und danach sehen sie wie etwas Unheiliges und Ungeweihtes aus. Folglich war auch die Belagerung Jerusalems, ursprünglich und anfänglich, eine positive Handlung; und hätten die Juden richtig reagiert, dann wäre jener positive Aspekt bestehen geblieben. Das jüdische Volk aber nahm die gebotene Gelegenheit nicht wahr, und seine falsche Reaktion war erst Grund und Anlass für das schließlich negative Ergebnis. Genau um dies zum Ausdruck zu bringen, wendet Ezekiel das Wort "samach" an, als Zeichen dessen, dass auch eine ursprünglich gute Absicht in etwas Schlechtes umgewandelt werden kann.
Ein anderes Ereignis aus der jüdischen Geschichte kann als eine Illustration hierfür dienen: Nebuchadnezar war bekanntlich nicht der erste Feind, der Jerusalem belagerte. Viele Jahre vor ihm hatte schon Sancherib, der König Assyriens, die Stadt umzingelt. Tatsächlich stellten die Armeen Sancheribs eine weit größere Gefahr für Jerusalem dar als diejenigen unter Nebuchadnezar später. Sancherib verfügte über viel mehr Soldaten (185.000), und die Juden waren schlechter für einen effektiven Widerstand gerüstet. Bibelkommentare betonen, dass Snacherib Jerusalem in einem Tage hätte erobern können, wenn er nicht mit seinem Heere einen Tag unterwegs Halt gemacht hätte. Bei Nebuchadnezar dagegen dauerte es mehrere Jahre, bis er eine lange hingezogene Belagerung erfolgreich zum Abschluss bringen konnte.
Indessen: Warum schlug Sancherib Versuch fehl, trotz seiner großen Übermacht? Die Antwort ist bekannt: In einer einzigen Nacht ließ G-tt ein Wunder geschehen, das assyrische Lager wurde in die Flucht geschlagen, das jüdische Volk konnte einen gewaltigen Sieg feiern – und zwar deshalb, weil es spirituell dazu gerüstet war. Hätte zu Nebuchadnezars Zeit das jüdische Volk sich ähnlich verhalten und würdig erwiesen, dann wäre auch hier das Negative (der Angriff) wieder in etwas Positives (Sieg der Juden) umgeformt worden. Dies geschah nicht – und deshalb fasten wir.
Und doch ist das Wort hier: "samach" – "stützen". Das Potential bleibt weiter bestehen; es ist ein positives, wenn wir es nur ergreifen.
Belagerungsmentalität
Jeder kennt das Gefühl des Belagerungszustandes. Dieser kann ganz harmlos sein, wenn wir z.B. der einzige Vegetarier beim Familienessen sind oder der einzige Mensch im Büro, der George W. Bush bevorzugt. Doch kann dieser Zustand auch unheimlichere Formen annehmen, wie z.B. für den einzigen Weißen in Harlem oder für die einzige Dame im überfüllten Aufzug. Bedrohlichere Formen nimmt dieser Zustand an, wenn wir uns z.B. wegen eines Raketenangriffs in enge Bunker drängen müssen. Scheinbar haben diese verschiedenen Szenen nur wenig gemeinsam, - jedoch sprechen alle von einer Situation, in der wir einer gegnerischen Mehrheit gegenüberstehen.
Unter solchen Umständen lässt sich ein sehr interessantes Phänomen beobachten: Wir beginnen, eine ausgesprochene Sympathie für jene in gleicher Situation Befindlichen zu entwickeln. Leute werden plötzlich zu unseren engsten Verbündeten, mit denen wir weder etwas gemeinsam haben noch die wir unter normalen Umständen überhaupt beachten würden. Nun aber fangen wir an, uns um sie zu sorgen. Ihre Leiden und Freuden werden zu den unsrigen; wer sie angreift, greift uns an; – wir sitzen alle im selben Boot.
Ein Kennzeichen der chassidischen Lehren ist es, den Kern der Wahrheit zu finden, selbst wenn er unter der gröbsten Lüge begraben liegt, oder den Funken der Freude, selbst wenn er sich hinter der bedrückendsten Traurigkeit verbirgt, oder den Schimmer der Güte, selbst wenn er sich hinter den finsteren Wolken des Bösen versteckt.
Das heißt nicht, dass die Lüge jetzt weniger falsch, das Böse uns jetzt weniger zuwider, die Traurigkeit verringert ist. Ganz im Gegenteil: Wir empfinden die Falschheit jetzt als noch abscheulicher, weil wir die darin verborgene Wahrheit jetzt viel mehr schätzen. Wir bemühen uns noch mehr, das Böse zu bekämpfen, weil wir genau wissen, dass wir uns dabei dem in seinem tiefsten Innern enthaltenen Guten nähern, nach dem wir uns jetzt noch mehr sehnen. Der springende Punkt ist, dass selbst im Anzeigen des Falschen, im Bekämpfen des Bösen und in der Trauer über die Tragödien, wir gleichzeitig die negative Seite dieser Welt auf eine andere, wesentlichere Ebene erheben, indem wir ihren positiven Kern zurückgewinnen.
Das Positive erkennen
Wir bekämpfen das Böse, wo immer wir ihm begegnen. Doch wir können noch viel tiefgründiger heran gehen. Wir können uns fragen: Was ist die Quelle seiner Kraft? Auf welcher guten, positiven Macht basiert das Böse, um daraus seine Existenz zu schöpfen? Wie können wir dieses gefangene Gute befreien, so dass die das Gute umhüllende Schale des Bösen im Lichte des Guten dahinschmilzt?
Wenn wir auf eine Tragödie stoßen, trauern wir. Doch wir können noch viel tiefgründiger heran gehen. Wir können uns fragen: Welches positive Element liegt unter dieser negativen Tatsache begraben? Denn wir glauben fest an das Gute im inneren Wesen jeder Sache, Macht oder Erscheinung in G-ttes Welt. Wir können es zwar nicht immer sehen, aber immer danach Ausschau halten.
Der zehnte Tag des Monats Tewet ist ein Fasttag im Jüdischen Kalender. Vor rund 2.500 Jahren belagerten die Armeen des babylonischen Kaisers Nebukadnezar die Stadt Jerusalem. Damit begannen all jene Ereignisse, die schließlich zur Zerstörung des Tempels und der Verbannung unseres Volkes aus Israel führte. Es ist daher ein Tag des Fastens und der Reue, – ein Tag, an dem wir den Tragödien jenes Tages nachtrauern, ihre tieferen Ursachen in unseren eigenen Seelen und Taten identifizieren und uns bemühen, diese zu verbessern.
Doch die chassidischen Meister lehren uns, die positiven Seiten jenes Ereignisses zu suchen. Ohne uns im Geringsten von der Notwendigkeit des Trauerns und der Berichtigung der negativen Seite der Geschehnisse jenes 10. Tewet abzulenken, sollten wir uns auch mit dem positiven Kern dieses Tages befassen.
Wir alle sind eins
Unter Belagerung zu stehen, ist zwar äußerst unangenehm. Eine buchstäbliche Belagerung bringt Hunger, Seuchen und Tod. Auch eine bildliche Belagerung ruft überwiegend negative Gefühle der Hilflosigkeit hervor. Doch trotz allem Negativen ermächtigt sich uns die befreiende Erkenntnis, dass wir zusammen sind. Trotz den Unterschieden, trotz der manchmal vorhandenen Feindseligkeit und den Streitigkeiten, durch die wir uns auseinanderleben, teilen wir ein gemeinsames Schicksal, eine gemeinsame Identität, ein gemeinsames Ziel. Unter Belagerung zu stehen, bringt eine Wahrheit ins Licht, die eigentlich schon immer vorhanden war, doch die wir bis jetzt nicht sehen konnten – die Wahrheit, dass wir alle eins sind.
Die Kunst besteht im Erfassen und Festhalten dieser Wahrheit, um sie uns zu eigen zu machen und nicht mehr in die Falle ihrer negativen Seite zu laufen. Ereignisse sind stets neutral und wir allein entscheiden über seine positiven oder negativen Auswirkungen.
Mögen wir bald dazu im Stande sein, den positiven Kern des 10. Tewet zu erfassen und uns von all seinen negativen Auswirkungen loszusagen.
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