Purim – der Vorgeschmack auf Morgen
Das Leben ist ein unaufhörlicher Dialog mit G´tt. Jedes kleinste Ereignis ist Teil eines wechselseitig beeinflussenden Gesamtplans, der ein bestimmtes Ziel hat und seiner eigenen Logik folgt. Purim ist ein Vorgeschmack der Enthüllung des Wesen G´ttes. Indem wir durch unsere Purim-Feierlichkeiten auf dieses Wesen zu gehen, aktivieren wir heute die Offenbarungen des Wesens, das uns für morgen verheißen ist. Also, lasst uns essen, trinken und fröhlich sein. Lechaim! (JR)
Zugegeben, so gut wie jeder jüdische Feiertag beruht auf derselben Geschichte: "Sie haben versucht uns umzubringen, G´tt hat uns gerettet, lasst uns etwas essen und trinken!“. Jedoch für jeden Feiertag wird diese Geschichte anders erzählt. Eingeweihte wissen, dass reichhaltiges Essen an jüdischen Feiertagen – außer an Tischa B-Aw und Jom Kippur – immer eine zentrale Rolle spielt. Unter diesen Umständen schaffen es nur wenige von uns, schlank zu bleiben - kleiner Witz am Rande. Heute, kurz vor Purim sind wir etwas ausgelassener, daher sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich kleine Witze in meine Betrachtung einfließen lasse.
Vielfältige Wunder
Manche Wunder G´ttes sind großartig und lassen den Atem stocken. Wie zum Beispiel, das Meer zu teilen, Manna vom Himmel fallen zu lassen und die Sonne in ihrem Lauf aufzuhalten. Das sind heldenhafte übernatürliche Kräfte, die nur der Herr der Welt - bewerkstelligen kann.
Und dann gibt es Wunder wie Purim – unaufdringlich, bescheiden, ohne großes Getöse, völlig eingebettet in die Ebbe und Flut des Wandels von Natur und Gesellschaft. Wie ein anonymer Wandteppich webt die Megillat Esther ein verwickeltes, lebensnahes Drama, das kein einziges Mal den Namen G´ttes erwähnt, so gut verborgen ist Seine Einwirkung in dieser Geschichte.
Merkwürdig, nicht wahr? Ein Buch der Bibel und nicht eine einzige direkte Erwähnung G´ttes? Warum ist das so? Vielleicht können wir diese Frage durch eine andere Frage beantworten. (Kleiner Witz: Warum beantwortet ein Jude eine Frage mit einer anderen Frage? Ja, warum nicht?)
Denn das Wunder von Purim ist kein bestimmtes singuläres Ereignis. Es liegt vielmehr darin, wie alle Details zusammen verwoben sind.
Wie wendete sich das Blatt zugunsten der Juden in der Geschichte von Purim? Es begann, als der König Achaschwerosch zufällig mitten in der Nacht aufwachte und sich die Geschichtsbücher vorlesen ließ. Ich lasse hier einmal weg, dass der König nicht so sehr helle war und sich lieber in Gelagen erging, als zu regieren und das Regieren dem Haman, seinem Vizekönig und Großwesir des persischen Reiches überließ, der dann aber in seiner Eitelkeit alle Bürger des Reiches vor sich hinknien lassen wollte. Sich von Macht korrumpieren zu lassen, ist nicht erst seit den Tagen des Achaschwerosch eine Unsitte von Regierungen.
Hochmut kommt vor dem Fall
Jedenfalls erfuhr der König, dass Mordechai einen Plan seiner Palastwächter, den König zu ermorden, aufgedeckt hatte, aber nie dafür belohnt worden war. Dies veranlasste den König, Haman (hier müssten Sie eigentlich schon mit der ratsche lärmen, um seinen Namen zu übertönen) zu sich zu rufen, welcher in der Halle wartete, um Erlaubnis zu erhalten, Mordechai dafür hinrichten zu lassen, dass er sich nicht vor ihm verbeugt hatte. Haman glaubte in seiner Verblendung, die Ehrung gelte nur ihm und er sie entsprechend auf sich bezogen reich ausschmückte, also dass der zu Ehrende auf das beste Pferd zu setzen sei (für uns heute wahrscheinlich in einem Rolls Royce zu kutschieren wäre), ihm das beste Gewand des Königs anzuziehen sei und er über den Platz der Stadt geführt werde und man vor ihm ausrufe „seht den Mann, der vom König geehrt wurde“. Als er dann aber hörte, dass dies für den ihm verhassten Mordechai geschehen sollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als nach dem Befehl des Königs zu handeln. Hochmut kommt vor dem Fall.
Eine Folge von völlig alltäglichen Ereignissen läuft ab und das verblüffende Ergebnis ist, dass der Großwesir und Vizekönig Haman in Ungnade fällt und schließlich gehenkt wird, und Mordechai zum neuen Vizekönig ernannt wird, der Tag, der für die Vernichtung des gesamten jüdischen Volkes vorgesehen war wird zu dessen Nationalfeiertag und das Leben kehrt wieder in seine normalen Bahnen zurück. Was aber ist das Wunder daran?
Das Leben ist ein unaufhörlicher Dialog
Für mich ist die Botschaft von Purim: Es gibt nichts Natürliches in der Natur. Klingt paradox, ist aber so. Die Natur ist nur da, weil G´tt alles lenkt und bis ins Detail regelt, ohne dass es auffällt. Wir leben unser Leben, als ob dessen Ereignisse nicht untereinander verbunden wären, als ob G´tt ein passiver Zuschauer wäre, der vielleicht gerade noch irgendwo auf Wolke Siebzehn dem Spiel zusieht, während wir in der wirklichen Welt im Flipper des Lebens herum geschossen werden und hoffen, dass wir im Spiel bleiben. Das ist aber nicht, was wirklich passiert.
In Wirklichkeit ist das Leben ein unaufhörlicher Dialog mit G´tt. Jedes kleinste Ereignis ist Teil eines wechselseitig beeinflussenden Gesamtplans, der ein bestimmtes Ziel hat und seiner eigenen Logik folgt, jedoch subtil auf unsere Handlungen reagiert und die Welt als Konsequenz verändert.
Diese Ebene g´ttlichen Eingriffs ist weitaus beeindruckender als all die spektakulären Wunder. Aber die 2. Frage bleibt, warum wird der Name G´ttes nicht erwähnt?
Die Antwort gibt uns der Name der Rolle: Megillat Esther. „Esther" bedeutet die verborgene Ebene der G´ttlichkeit jenseits unserer Verstandeskräfte. „Megilla" heißt - Offenbarung. Nehmen Sie beide zusammen und sie erhalten die paradoxe Realität des jüdischen Lebens – eine unmögliche Aufgabe, welche trotzdem erfüllt wird – das Wesen G´ttes in der alltäglichen Welt zu enthüllen. Diese Anzeichen der kommenden Welt des Maschiach (mögen wir seine Ankunft noch zu unseren Zeiten erleben) ist die Erfüllung des Ziels, das G´tt mit der Schöpfung der Welt verfolgte: die profane Welt zu seinem Heim zu machen, in unseren Seelen eine Wohnung für ihn zu bauen.
Purim ist ein Vorgeschmack der Enthüllung des Wesen G´ttes. Indem wir durch unsere Purim-Feierlichkeiten auf dieses Wesen zu gehen, aktivieren wir heute die Offenbarungen des Wesens, das uns für morgen verheißen ist.
Also, lasst uns essen, trinken und fröhlich sein. Lechaim!
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