Koscherer Familienurlaub in Deutschland

Wie eine kinderreiche jüdische Familie einen Urlaub in Deutschland nach den Regeln des Judentums organisieren kann.

Koscheres Restaurant im mexikanischen Urlaubsort Playa del Carmen (Yucatan). © S. AKSTINAT

Von Rabbiner Elischa Portnoy

In letzter Zeit sprechen viele über jüdisches Leben in Deutschland. Nicht nur, weil in diesem Jahr 1700 Jahre jüdische Präsenz in Deutschland gefeiert wird. Es wird auch regelmäßig gefordert, dass dieses jüdische Leben sichtbar und sicher sein, und jüdische Bürger sich in Deutschland wohl fühlen sollten.

Doch wie sieht es mit dem realen jüdischen Leben ganz praktisch in Deutschland aus? Über die Sicherheit der Synagogen und Gemeinden, übers Kippa-Tragen auf der Straße wurde schon viel berichtet und viel diskutiert. Jedoch gibt es auch andere Bereiche des Alltags, die nicht weniger spannend sind. Besondere Herausforderungen ergeben sich für traditionelle religiöse Familien, die das Leben in einer säkularen Gesellschaft mit den jüdischen Gesetzen und der jüdischen traditionellen Lebensweise in Einklang bringen möchten.

Das tagtägliche Leben der jüdischen gesetztreuen Familien ist in großen und kleinen Städten einigermaßen organisiert. Die Eltern arbeiten und besuchen Synagogen und Gemeindezentren, die Kinder gehen in die jüdischen Schulen oder bekommen Religionsunterricht. Auch die Beschaffung der koscheren Lebensmittel ist mittlerweile kein großes Problem. Doch es gibt einen Bereich, wo die jüdischen Familien, die die Gebote der Tora halten, immer wieder vor Problemen stehen. Und das ist der Familienurlaub.

Ferien in einem koscheren Hotel (mit kleiner Synagoge, koscherem Essen und getrennten Badezeiten für Männer und Frauen) in der Schweiz oder Österreich zu verbringen, wäre natürlich traumhaft. Doch für eine Familie, die mit mehreren Kindern gesegnet ist, jedoch keine 6000 Euro pro Monat verdient, ist das unvorstellbar teuer und nicht umsetzbar. Auch jüdische Organisationen in Deutschland, die für die Mitglieder der jüdischen Gemeinden jüdischen Urlaub anbieten, haben zurzeit keine passenden Angebote für religiöse Familien.

Deshalb müssen solche Familien ihre Ferien selbst managen und dabei sehr viele Details beachten. Das erste Kriterium bei der Wahl des Urlaubs ist… die Zeit für den Urlaub. Während der Osterferien ist Pessach, die Herbstferien fallen mit Sukkot zusammen, so dass man eher an eine Synagoge gebunden ist und fast unmöglich diese Zeit an einem Kurort verbringen kann. Auch im Sommer, wo es keine jüdischen Feiertage gibt, kann man nicht zu jeder Zeit reisen: vom 17.Tammuz bis zum 9. Aw ist nach jüdischem Kalender (in diesem Jahr vom 27. Juni bis zum 18. Juli) Trauerzeit, in der der Zerstörung unserer beiden Tempel gedacht wird. In dieser Zeit wird von fröhlichen Aktivitäten abgeraten, weil sie von der Trauer ablenken. Und in der letzten Woche vor dem Fastentag Tischa beAw sind solche Aktivitäten sogar verboten. Deshalb wären jegliche Ausflüge oder Badespaß in diesem Zeitraum unmöglich. Und so muss man eine Zeit finden, in der noch Schulferien sind, aber gleichzeitig nach jüdischem Kalender keine Feiertage und keine Trauertage sind.

 

Eine eigene Küche ist ein Muss

Das zweite Kriterium ist zweifelsohne das koschere Essen. Um eine Woche koscher essen zu können, muss die Familie für sich selbst kochen können. Deshalb fallen hier schon mal alle Hotels und Pensionen aus, wo es keine Küche im Zimmer gibt. Wenn man mit etwas Glück eine erschwingliche Bleibe im Grünen oder am Strand gefunden hat, kann die Planung richtig losgehen: Wie viele Lebensmittel muss man mitnehmen, und was kann man im Supermarkt kaufen? Welche Aktivitäten und Ausflüge kommen für Kinder und Erwachsene in Frage? Wie kann der Schabbat organisiert werden? Je mehr Kinder die Familie hat und je höher ihr Kaschrut-Level ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man zum Urlaubsort nur mit dem Auto kommt. Denn es müssen nicht nur koschere Lebensmittel mitgebracht werden, sondern auch eigene Töpfe und Pfannen (örtliche sind nicht koscher), Sefarim (religiöse Bücher) zum Lernen, Spiele für Kinder und vieles mehr, was zum jüdischen Leben gehört. Und für den Schabbat müssen zusätzliche Gegenstände mitgebracht werden, wie eine Schabbat-Platte. Doch nur die Lebensmittel und Töpfe mitzunehmen, reicht nicht aus. Wenn man endlich am schönen Ferienort ankommt, muss man noch die Küche im gemieteten Appartement kaschern. Und wenn das Kaschern von Mikrowellen noch einfach und schnell gemacht ist, so erfordert das Kaschern von Herden je nach Art gründliche Kenntnisse in der Halacha und viel Fingerspitzengefühl, um weder den fremden Herd kaputtzumachen, noch den Feueralarm dabei auszulösen.

Auch die Freizeit mit Kindern verschiedenen Alters zu organisieren, ist kein Selbstläufer. Sollte es kein Swimmingpool im gemieteten Haus geben, wird es mit dem Badespaß wohl nichts. Aus Tznijut-Gründen darf man nämlich nicht zum Strand gehen, wo leicht bekleidete oder gar unbekleidete Menschen herumlaufen. Deshalb müssen öfters Ausflüge gemacht werden. Zum Glück gibt es in Deutschland genug Museen und Freizeitsparks, wo sich die Kinder nicht nur austoben können, sondern auch noch etwas dazulernen.

 

Wie Außerirdische

Ein anderer Aspekt des Urlaubs, dass die jüdischen Männer und Jungs äußerlich auffällig sind. Deshalb werden ein mit Talit und Tfillin betender Vater oder ein mit Kippa und Tzitzit spielender Junge oft angeschaut, als ob sie Außerirdische wären. Auch das müssen religiöse Kinder wegzustecken lernen.

Die Einhaltung der Taharat haMischpacha (Familien-Reinheitsgebote) kann manchmal ebenfalls zur Herausforderung werden. Eine jüdische verheiratete Frau soll nach Ende ihrer Menstruation in das Ritualtauchbad (Mikwe) eintauchen, um wieder für ihren Mann erlaubt zu sein. Sollte die Ehefrau ausgerechnet in den Ferien einen Mikwe-Besuch brauchen, werden zum Teil sehr kreative Lösungen nötig. Denn die nächste koschere Mikwe könnte mehrere hundert Kilometer entfernt sein.

 

Ein Reisebüro kann sich einiges abgucken!

Trotz Entspannung und der anderen Umgebung darf das tagtägliche jüdische religiöse Leben auch in den Ferien nicht vergessen werden. Jüdische Männer müssen trotz aller Ausflüge und Spiele immer noch dreimal pro Tag beten und Zeit fürs Tora-Lernen finden. Gerade dann, wenn keine Synagoge oder kein Ferien-Minjan in der Nähe ist, bedarf es der Selbstdisziplin und des Zeitmanagements. Manchmal muss man während des Besuchs eines Freizeitparks einen ruhigen Platz finden, um das Nachmittagsgebet (Mincha) zu verrichten.

Es erfordert also für eine einfache Urlaubsreise mit Familie eine echte logistische Meisterleistung, von der sogar manchem Reisebüro schwindelig würde. Dennoch ist ein Urlaub trotz aller Schwierigkeiten und Herausforderungen ein schönes Erlebnis. Allein schon der „Tapetenwechsel“ bringt neue Energie und Freude. Und die logistischen Eventualitäten können die Familie sogar noch mehr zusammenschweißen und die Fernreise zu einem bunten und unvergesslichen, und auf jeden Fall abenteuerlichen Ereignis machen.

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