Rabbi Schimon Bar Yochai und die Kabbala

Der Einblick in den „Maschinenraum“ der Schöpfung

Seit Jahren interessiert sich die amerikanische Sängerin Madonna für die jüdische Mystik.© Ben STANSALL / AFP

Von Dovid Gernetz

Lag BaOmer (wörtlich 33.Tag der Omer-Zählung, 18.Iyar) war ursprünglich als der Tag bekannt, an dem die Schüler von Rabbi Akiva zu sterben aufhörten. Dies basiert auf der Erzählung im Talmud (Yevamot 62b), dass der große Gelehrte der Mischna-Epoche, Rabbi Akiva, 24.000 außergewöhnliche Schüler hatte, und ein großer Teil davon innerhalb von nur wenigen Wochen auf sehr qualvolle Art und Weise starb. Diese Epidemie war offensichtlich eine Strafe vom Himmel, und der Talmud (ibid.) offenbart, dass sie diese verdient hatten, weil sie sich gegenseitig (ihrem Niveau entsprechend) nicht genug respektierten.

Als Erinnerung an diese schreckliche Tragödie gelten zwischen Pessach und Schawuot diverse Trauergesetze, es werden keine Hochzeiten durchgeführt, man hört keine Musik und besucht keinen Friseur. Der Talmud fährt fort, dass diese Epidemie an Lag BaOmer aufhörte und so wurde dieser Tag zum Feiertag. Es ist üblich, Musik zu hören und Feierlichkeiten zu veranstalten.

Jedoch markiert dieser Tag auch ein weiteres Ereignis und dieses scheint heutzutage sogar bekannter zu sein, als der ursprüngliche Grund für den Feiertag: der Todestag von Rabbi Schimon Bar Yochai.

Rabbi Schimon Bar Yochai war einer der größten Gelehrten seiner Zeit und gilt als der Begründer der jüdischen Mystik. Nachdem die Schüler von Rabbi Akiva gestorben waren, begab sich Rabbi Akiva in den Süden (von Israel), wo er auf Rabbi Yehuda, Rabbi Meir, Rabbi Yossi, Rabbi Eliezer Ben Schamua und Rabbi Schimon Bar Yochai traf. Er begann sie zu unterrichten und von ihnen stammt die gesamte mündliche Überlieferung der Tora, die uns heute vorliegt.

 

Politische Verfolgung durch die Römer

Nachdem Rabbi Akiva von den Römern zu Tode gefoltert wurde, war Rabbi Schimon Bar Yochai den römischen Besatzern verständlicherweise nicht mehr wohlgesonnen. Der Talmud (Schabbat 33b) berichtet, dass einst eine Gruppe von jüdischen Gelehrten, Rabbi Schimon Bar Yochai unter ihnen, zusammensaßen und über die Römer diskutierten.

Als Rabbi Schimon Bar Yochai an der Reihe war, ließ er seinem Zorn freien Lauf. Ein Zeuge dieser geheimen Unterhaltung erzählte den Römern davon und Rabbi Schimon Bar Yochai wurde zum Tode verurteilt.

Um sich zu retten, floh er gemeinsam mit seinem Sohn, Rabbi Eliezer, und sie versteckten sich in einer Höhle. Durch ein Wunder entsprang in der Höhle eine Wasserquelle und ein Johannisbrotbaum reifte innerhalb kürzester Zeit heran, sodass sie nicht an Hunger und Durst leiden mussten.

Ganze 12 Jahre versteckten sie sich in dieser Höhle, während der gesamten Zeit vollkommen ins Tora-Studium vertieft.

Es wird angenommen, dass Rabbi Schimon Bar Yochai während diesen 12 Jahren den Zohar (zu Deutsch der „Schein“), das Hauptwerk der Kabbala, verfasste.

Normalerweise feiert man im Judentum den Todestag eines Gerechten nicht, aber Rabbi Schimon Bar Yochai bat in seinen Schriften ausdrücklich darum, dass man sich an seinem Todestag freuen soll. Obwohl es keinen direkten Hinweis darauf gibt, dass er am Lag BaOmer gestorben ist, wurde es dennoch so überliefert und heutzutage wird dieser Tag bei vielen eher mit Rabbi Schimon Bar Yochai assoziiert als mit den Schülern Rabbi Akivas.

Zuvor hatte ich erwähnt, dass der Zohar, das Hauptwerk der Kabbala, wohl von Rabbi Schimon Bar Yochai verfasst wurde.

„Kabbala“ ist eine sehr verbreitete Bezeichnung und es gibt sogar einige Prominente, die angeblich die „Kabbala“ studiert haben. Generell denken Menschen, dass Kabbala für Mystik und übernatürliche Kräfte steht, und manchmal wird Kabbala sogar mit dunklen Mächten und „der Unterwelt“ in Verbindung gebracht.

Im Judentum wurde die Kabbala stets geheim gehalten und hauptsächlich mündlich von Meister zu Schüler überliefert (aus dem Hebräischen übersetzt bedeutet Kabbala „das Empfangene“). Auch die relativ kleine (im Verhältnis zum Rest der Tora) Anzahl von Werken, die zu diesem Thema verfasst wurden, sind sehr kurz gefasst und für Laien nicht zu verstehen. Es ist eine interessante Frage, wie diese geheime Lehre trotz Diskretion an die Öffentlichkeit gelangen konnte. Wahrscheinlich liegt es an der menschlichen Neugier und dem Interesse am Unbekannten und Geheimnisvollen, dass die Kabbala dermaßen an Berühmtheit gewann.

 

Womit beschäftigt sich die Kabbala?

Die Lehre der Kabbala beschäftigt sich hauptsächlich mit dem spirituellen Teil der g´ttlichen Schöpfung und deren Ursprung in der Tora. Um das zu verstehen, müssen wir uns zuerst bewusst machen, dass unsere materielle Welt wie wir sie kennen, nur ein „Bruchteil des Eisbergs“ der gesamten Schöpfung ist.

Unsere materielle Welt hat einen spirituellen Teil und es kommen noch zahlreiche weitere spirituelle Welten hinzu. Wie ein Mensch ohne Seele nichts weiter als ein Stück Fleisch ist, so ist das auch unsere Welt – denn jede Form von Materie braucht einen spirituellen Partner, der die Materie mit Energie versorgt.

Der Ursprung und „Kernreaktor“ dieser spirituellen Energie ist G´tt selbst und er versorgt und unterhält konstant die ganze Schöpfung. Wenn G´tt auch nur für den Bruchteil einer Millisekunde die Welt nicht mit dieser Energie versorgen würde, dann würde die gesamte Schöpfung nicht zerstört werden oder zerfallen, sondern einfach verschwinden. G´tt erschuf „Alles aus dem Nichts“ und ohne seinen ununterbrochenen Unterhalt würde Alles wieder zu Nichts werden.

Die jüdischen Weisen geben uns im Talmud und den Midraschim einen kleinen Einblick in diese „Parallelwelt“ bzw. „Parallelwelten“, hauptsächlich in Form von Gleichnissen und Beispielen. So lehren unsere Weisen: „Jeder Grashalm hat einen Engel, welcher darauf schlägt und ihn zum Wachsen auffordert.“ (Zohar und Bereschit Rabba Kap.10)

Der Engel steht für die spirituelle Kraft, die für das Leben und das Wachstum jedes Grashalms verantwortlich ist. In dem recht einfachen Verständnis der Natur zur Zeit des Talmuds symbolisiert ein Grashalm die Kulmination der Präzision des Einflusses der spirituellen Kraft sogar auf die kleinste Form eines lebenden Körpers. In unserem fortgeschrittenen Zeitalter verstehen wir, dass es viel kleinere Organismen gibt und jede Zelle ihren spirituellen Unterhalt braucht.

Bisher haben wir nur über den spirituellen Teil unserer materiellen Welt gesprochen, aber unsere Weisen lehren, dass es zahlreiche weitere spirituellen Welten gibt, die (in spiritueller Hinsicht) über unserer Welt stehen (siehe Traktat Chagiga 12b).

Auch diese spirituellen Welten sind von G´ttes Energie abhängig und verdanken ihre Existenz nur ihr. Diese Welten sind stufenartig (in spiritueller Hinsicht) gebaut, d.h. sie unterscheiden sich im Level der Spiritualität voneinander und dementsprechend auch die Engel, welche sich auf der jeweiligen Welt bzw. Stufe befinden. Umso spiritueller die Welt ist, desto näher ist sie G´tt.

Unsere Weisen lehren, dass G´tt die gesamte Schöpfung mit Hilfe der Tora erschuf. Natürlich ist damit nicht gemeint, dass G´tt eine Tora-Rolle aus Pergament bei sich hatte und mit deren Hilfe die Welt erschuf, sondern damit sind die verborgenen Dinge in der Tora gemeint, die in ihr codiert sind. Mit diesen versteckten „Codes” beschäftigt sich die Kabbala und erklärt, wie die spirituellen Welten funktionieren.

Kurzgefasst: Die Kabbala verschafft einen Einblick in den spirituellen „Maschinenraum” der Schöpfung und die Art und Weise, wie G´tt die Welt erschaffen hat und sie unterhält. Dazu gehört auch die Beschreibung der verschiedenen Arten von Engeln, ihre diversen Funktionen und Aufgaben.

Der wahrscheinlich berühmteste Meister der Kabbala (nach Rabbi Schimon Bar Yochai) war der Arizal (Abkürzung für Rabbi Yizchak Luria, 1534-1572), dessen Lehre von seinem Schüler Rabbi Chaim Vital (1543-1620) niedergeschrieben und überliefert wurde.

 

Warum ist die Kabbala geheim?

Nun kommen wir zum Grund, warum die Kabbala im Judentum stets geheimgehalten und nur nach gründlicher Vorbereitung von Meister zu Schüler überliefert wurde. Wie schon erwähnt, beschäftigt sich die Kabbala mit spirituellen und abstrakten Dingen, und aus diesem Grund kann nur ein Mensch, der einen spirituell reinen Körper und Geist hat, diese Dinge verstehen und nachvollziehen.

Ein Mensch, der diese Voraussetzung nicht erfüllt und dennoch versucht die Kabbala zu studieren, wird im besten Fall überhaupt nichts verstehen. Im schlimmeren Fall wird es ihn ein wenig verwirren und im schlimmsten Fall kann man von diesen Botschaften den Verstand verlieren. Im Talmud (Chagiga 14b) wird über einige jüdische Gelehrte berichtet, die ohne ausreichende Vorbereitung versuchten diese Dinge zu verstehen, die sie aber nicht erfassen konnten und so teilweise den Verstand verloren und sogar starben.

Obwohl wir (zumindest ich) uns nicht mit der Kabbala beschäftigen, müssen wir uns dennoch bewusst sein, dass sich unsere Welt nicht nur auf das beschränkt, was wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können.

An Lag BaOmer feiern wir einerseits die Rettung der restlichen Schüler von Rabbi Akiva, aber auch den Todestag von Rabbi Schimon Bar Yochai. Und es ist hauptsächlich ihm zu verdanken, dass diese erhobene Lehre (mit großer Vorsicht und nach sorgfältiger Vorbereitung) genossen werden kann.

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