Lag BaOmer - Die Seele der Torah

Zu Lag BaOmer werden traditionell Feuer angezündet. 
© JACK GUEZA FP

Lag BaOmer ist der Todestag von Rabbi Schimon bar Jochaj. Mit ihm begann die Offenbarung der inneren Dimensionen der Torah, die jüdische Mystik. Er verfasste das Buch Sohar, das Grundwerk der Kabbala und Quelle tiefgründiger Geheimnisse der Torah, welches im Wesentlichen die Beziehung des Menschen und der Welt zu G-tt behandelt.

Was ist Lag BaOmer?

Lag BaOmer, der 33. Tag von Omer, feiert die Jahrzeit von Rabbi Schimon Bar Jochai. Er war der Erste, der die mystischen Aspekte der Tora – die Kabbala - öffentlich verkündete, und er schrieb auch den Sohar, das grundlegende Werk zur Kabbala.

Die Kabbala ist „das Empfangene“, das, was wir nicht durch Forschung oder logisches Denken erfahren können. Die Kabbala ist ein inneres Wissen, das weise Männer seit Anbeginn der Zeit an ihre Schüler weitergegeben haben und das uns das Wesen aller Dinge bewusst macht.

Wenn wir in diese Welt kommen, nehmen unsere Sinne nur ihre äußere Schale wahr. Wir berühren die Erde mit den Füßen; unsere Haut spürt Wind und Wasser; und wir schrecken vor dem Feuer zurück. Wir hören Laute und Rhythmen, wir sehen Formen und Farben, wir messen, wiegen und beschreiben materielle Dinge präzise. Aber wir selbst, das Bewusstsein, das diese Welt ergründet, wohnen auf einer tieferen Ebene. Darum müssen wir fragen: Was war vor der Materie da, die wir untersuchen? Was ist Materie überhaupt, und was sind Energie, Zeit und Raum? Wie sind sie entstanden? Wenn wir diese Welt erklären wollen, ohne die tiefere Ebene zu erforschen, gleichen wir einem Menschen, der einen Computer „erklärt“, indem er die Bilder auf dem Monitor beschreibt. Haben die Symbole auf der Bildlaufleiste wirklich Einfluss auf die Seite innerhalb des Fensters? Sind hinter der Menüleiste tatsächlich Pull-down-Menüs verborgen?

Der Designer einer benutzerfreundlichen Software hat präzise Regeln befolgt, damit wir bequem damit arbeiten können. Und wenn die Software komplex ist, musste er sehr viele Regeln einhalten. Dennoch kann eine Aufzählung dieser Regeln nicht die Software erklären. Dafür müssten wir den Code lesen, die Hardware untersuchen und vor allem den ursprünglichen Plan des Designers analysieren. Wir müssten alles so sehen, wie der Designer es gesehen hat, um zu verstehen, wie das Programm sich in seinem Kopf Schritt für Schritt entwickelt hat, bis zu den glühenden Punkten auf dem Bildschirm.

 

Der Code hinter der Realität

Es gibt einen Code hinter der Realität, eine Idee, die den Gleichungen Leben einhaucht und sie wirklich macht. Jede Kultur auf der Welt hat solche Codes. Bei den Juden sind sie in der Kabbala niedergelegt.

Es ist überliefert, dass schon Adam die Kabbala kannte. Er übermittelte einen kleinen Teil seines Wissens einige wenigen großen Seelen, die von ihm abstammten. Sie belehrten Noach, und dieser belehrte wiederum seine Schüler, darunter Awraham. Awraham studierte bei Schem, Noachs Sohn, und schickte auch seinen Sohn Jizchak zu Schem. Jizchak ließ seinen Sohn bei Schem und dessen Urenkel Ewer lernen. Adam, Noach und Awraham waren die Väter der ganzen Menschheit. Darum finden wir in jeder Kultur Hinweise auf ihr Wissen. Dennoch ist weder Adam noch Noach noch Awraham die wahre Quelle der Kabbala. Die wahre Quelle ist das Ereignis am Berg Sinai. Dort wurde die Ur-Essenz des Kosmos einem ganzen Volk offenbart. Dieses Erlebnis hat in der jüdischen Seele unauslöschliche Spuren hinterlassen und unser Denken und Handeln bis zum heutigen Tag geprägt. Seither ist innere Weisheit nicht mehr auf Intuition angewiesen, und sie ist keine Privatoffenbarung mehr. Am Berg Sinai strömte diese Weisheit in die Welt und wurde zu einem Teil der Geschichte und der Erfahrung gewöhnlicher Sterblicher.

Darum kann man die Kabbala nicht als Philosophie bezeichnen. Eine Philosophie ist das Produkt eines menschlichen Geistes, mit dem ein anderer menschlicher Geist spielen und das er zusammenpressen oder dehnen kann, bis es seinem Denken und seiner Intuition zusagt. Doch die Kabbala ist das Offenbarte, und sie wurde nicht von einem menschlichen Lehrer offenbart.

Wer dieses empfangene Wissen verstanden hat, kann es erweitern, so wie ein Baum Äste entwickelt. Aber es wird immer organisch wachsen und sein wahres Wesen nie verlieren. Die Äste, Zweige und Blätter werden stets dort wachsen, wo sie hingehören. Niemals wird aus einer Buche eine Eiche werden, und kein Kenner der Kabbala wird je ein Geheimnis enthüllen, das nicht in den Worten seines Lehrers verborgen war.

 

Die Botschaft von Lag BaOmer

In mehreren Quellen finden sich Hinweise auf Lag BaOmer, den 33. Tag im Omer und Erklärungen seiner Bedeutung. In Bezug auf die Pluralität der Erläuterungen gilt hier, wie anderswo, das Diktum unserer Weisen: „Diese wie jene sind die Worte des Lebenden G-ttes“. Diese Regel kommt sogar dort zur Anwendung, wo eine klar erkennbare Unterschiedlichkeit oder Gegensätzlichkeit in den Erklärungen feststellbar ist. Oft aber lässt sich sehr wohl die Ansicht vertreten: „Der eine Meister hat eine Sache gesagt und ein anderer eine andere, und doch widersprechen sie sich nicht.“

Was Lag BaOmer betrifft, so nennt der Schulchan Aruch – unser halachischer Kodex für die tägliche Praxis – für das Begehen dieses Tages den bekannten Grund, dass bei einer schlimmen Epidemie, die unter den Schülern Rabbi Akiwas wütete, das Massensterben an diesem Tage aufhörte. Dies ist eher ein passiver Grund, und zwar deshalb, weil nichts wirklich getan wurde, keine menschliche Aktion erfolgte, es war lediglich das Ende einer Katastrophe.

Auf der anderen Seite aber wird uns bedeutet, dass Lag BaOmer ein großer Freudentag für den Tannaiten Rabbi Schimeon bar Jochai (Raschbi) war. An ihm starb er, und er schwang sich himmelwärts, wie er es ausdrückte: „Dies ist ein Tag von Erfüllung … Meine Seele ist mit ihm vereint, entfacht durch Ihn, vertieft in Ihn …“. „Diese Freude war so groß, dass daraus ein Freudentag für alle Juden wurde; für alle wurde es eine Mizwa, sich in Raschbis Freude mitzufreuen.“

Trotz der scheinbaren äußerlichen Unterschiedlichkeit besteht eine unverkennbare Verbindung und Wechselbeziehung zwischen diesen beiden Aspekten von Lag BaOmer. Denn nach der Epidemie unter den Schülern Rabbi Akiwas war gerade Raschbi einer der wenigen, die verschont blieben, um eine verwüstete Welt (spirituell) wiederherzustellen. In der Tat war er einmalig und ausgezeichnet unter den Schülern, wie Rabbi Akiwa selbst bezeugte, als er zu ihm sagte: „Sei beruhigt – ich sowohl wie Dein Schöpfer sind uns Deines Wertes bewusst.“

Bekanntlich war jene Epidemie ausgebrochen (wie der Talmud betont), weil die vielen Schüler es versäumt und vernachlässigt hatten, sich gegenseitig mit gebührender Rücksicht und Achtung zu begegnen. Unter solchen Auspizien nun konnte Raschbi diese Aussage machen: „Ich bin gewillt und in der Lage, die Welt von der Verurteilung freisprechen zu lassen, von dem Tage an, da ich geschaffen worden bin, bis zu diesem Augenblick – im Gegensatz zu dem, und in Wiedergutmachung dessen, was die anderen Schüler mit ihrer Vernachlässigung der gegenseitigen Achtung versäumt haben.“

 

Tora-Studium als „Beruf“

Wie bei allen anderen Gedenktagen unseres Kalenders muss man sich der Bedeutung und „Botschaft“ von Lag BaOmer so bewusst sein, dass aus diesem „Lernen“ dann das entsprechende „Tun“ folgt: Raschbi ist bezeichnend (neben anderen Eigenschaften) für eine Person, die (1.) das Studium der Tora als ihren „Beruf“ ansieht und (2.) eine solche „Ahawat Israel“ (Liebe zum Nebenmenschen) fühlt und zeigt, dass sie „die ganze Welt“ umfasst, jeden einzelnen, sogar denjenigen, auf den G-ttes Urteil harrt und für den daher ein Freispruch dringend wichtig ist.

Was das notwendige praktische Verhalten betrifft, so ergibt sich diese Frage: Wer kann heutzutage für sich beanspruchen, er könne das Niveau von Raschbi und seiner Kollegen erreichen, Männern, für die das Tora-Studium ihr „Beruf“ (gleich „Berufung“) war? – Dennoch ist es jedem einzelnen möglich, feste Termine für das Lernen von Tora zu bestimmen, damit wenigstens zu solchen Zeitpunkten das Lernen eine Norm erreicht, wo es für ihn zum „Beruf“ wird – das heißt, dass dann alle anderen Tätigkeiten ruhen.

So ist zu hoffen und zu wünschen, dass dieser Tag von Lag BaOmer, wie er unter so günstigen Vorzeichen steht, jeden Juden anfeuern und ihm die Kraft geben wird, für das Lernen der Tora regelmäßige Termine festzulegen, so dass dann die Tora sein „Beruf“ ist. Jemand, der diese schon immer einhält, soll seinen Einsatz vergrößern und verdoppeln, dem Ausspruch unserer Weisen gemäß: „Jemand, der einhundert hat, wünscht für sich zweihundert“ – und alles im Geiste von „Ahawat Israel“.

 

Copyright „Chabad Lubawitsch Deutschland"

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden