Pessach Scheni – das zweite Pessach

Das Mazza-Brot, ein ungesäuertes Fladenbrot, wird zu Pessach gegessen. An Pessach Scheni soll es das Schmura Mazza sein.© CREATIVE TOUCH IMAGING LTD NurPhoto NurPhoto via AFP
Pessach Scheni bedeutet „Zweites Pessach-Fest“. Der Tag steht für die „zweite Chance“, die durch Teschuwa, die Kraft der Reue und der Umkehr, erreicht wird. Mit den Worten von Rabbi Josef Jizchak von Lubawitsch: „Das zweite Pessach-Fest bedeutet, dass es nie einen ‚verlorenen Fall‘ gibt.“
Wie das zweite Pessach entstand
Ein Jahr nach dem Exodus wies G-tt das Volk Israel an, das Opfer zum Pessach-Fest am Nachmittag des vierzehnten Nissan zu bringen und es am Abend zu essen, über dem Feuer gebraten, zusammen mit Mazza und bitteren Kräutern, wie sie es im Jahr zuvorgetan hatten, kurz bevor sie Ägypten verließen.
Es gab jedoch bestimmte Personen, die durch den Kontakt mit einer Leiche rituell unrein geworden waren und daher das Pessach-Fest an diesem Tag nicht vorbereiten konnten. Sie traten an Mosche und Aaron heran und sagten: „Warum sollen wir benachteiligt werden und nicht in der Lage sein, G-ttes Opfergabe rechtzeitig unter den Kindern Israels darzubringen?“ (Numeri 9:6–7).
Als Antwort auf ihre Bitte führte G-tt den 14. Ijar als Tag für das „Zweite Pessach-Fest“ (Pessach Scheni) für alle ein, die nicht in der Lage waren, das Opfer zur festgesetzten Zeit im Vormonat zu bringen.
Was bedeutet das zweite Pessach-Fest?
Der Tag steht für die „zweite Chance“, die durch Teschuwa, die Kraft der Reue und der „Umkehr“, erreicht wird. Mit den Worten von Rabbi Josef Jizchak von Lubawitsch: „Das zweite Pessach-Fest bedeutet, dass es nie einen ‚verlorenen Fall‘ gibt.“
Eine zweite Chance?
Sind Sie einmal beim Schwarzfahren erwischt worden, oder auf der Autobahn, als Sie viel zu schnell rasten? Wie sehr wollten Sie der Geldstrafe entgehen. Selbst, wenn Sie es ehrlich meinten, als Sie versprachen es nie wieder zu tun, so mussten Sie doch immer etwas einbüßen. So ist das in unserer Welt; eine zweite Chance bekommen wir so gut wie nie.
Und wie steht das Judentum dazu? Da stoßen wir auf ein Gebot, das sich Pessach Scheni, „das zweite Pessachopfer“, nennt, wie es in unserem Wochenabschnitt beschrieben wird. Bekanntlich gebietet uns die Thora am Vorabend des Pessachfestes ein Pessachopfer darzubringen. So wichtig ist dieses Gebot, dass einem bei seiner Nichterfüllung die künftige Welt gestrichen wird. In bestimmten Fällen aber, bei Unreinheit oder wenn man weit entfernt war, ermöglicht die Thora jedem Juden dieses Opfer nachzuholen, und zwar einen Monat später, am vierzehnten Ijar.
„Weit entfernt“?
Was bedeutet „weit entfernt“? Einigen Kommentatoren zufolge heißt „weit entfernt“, dass der Betroffene sich an einem Ort befindet, von dem es ihm unmöglich ist, rechtzeitig zum Tempel zu gelangen, wo die Opferung stattfindet.
Raschi kommentiert aber auf andere Weise.1 Laut Raschi bedeutet „weit entfernt“, wenn man sich während der Opferung auch nur außerhalb des Tempels befand. Und obwohl man ihn betreten konnte, dies aber absichtlich unterließ, bekommt man die Möglichkeit das Pessachopfer einen Monat später nachzuholen! Raschis Kommentar ist völlig unklar. Pessach Scheni gilt doch nur für diejenigen, welche nicht die Möglichkeit hatten das Pessachopfer darzubringen! Aber Raschi zufolge kann auch derjenige das Pessach Scheni darbringen, welcher das Pessachopfer absichtlich unterließ.
Stufen im Vorsatz
Die Erklärung dazu ist folgende: Raschi unterscheidet hier zwischen zwei Arten absichtlichen Handelns. Das Vergehen kann in der Nichtopferung des Pessachopfers selbst liegen, oder es geht um eine nebensächliche Missetat, welche die Nichtopferung zur Folge hatte. Das heißt, wer während der Opferung im Tempel war und trotzdem sein Opfer nicht darbrachte, über den verhängt man, dass er keinen Teil an der künftigen Welt habe, also keine zweite Chance. Aber jemand, der sich gar nicht im Tempel befand, ist „nur“ wegen seiner Nichtanwesenheit schuldig. In Bezug auf die Opferung selbst aber trägt er den Status von „weit entfernt“, also verhindert, da man das Opfer nur im Tempel darbringen darf.
Somit wird Raschis Kommentar verständlich: Das Vergehen dieser Person bestand nicht in der Unterlassung der Opferung selbst, sondern in der Lage, in welche sie sich absichtlich begab. Und in dieser aber gilt sie als „weit entfernt“. Ihr Handeln war mehr als unverantwortlich, doch erhält sie eine zweite Chance.
Warum gibt es nur für Pessach einen Nachholtag?
Die einfache Antwort: Das Pessach-Fest kann man leicht verpassen
Aus praktischer Sicht ist das Pessach-Fest der einzige Feiertag, dessen zentrale Feierlichkeiten aufgrund von Umständen, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen, leicht verpasst werden können. Zum Beispiel kann man mit genügend Aufwand fast immer sicherstellen, dass man zu Rosch ha-Schana Zugang zu einem Schofar, zu Sukkot zu einem Lulaw und Etrog usw. hat.
Andererseits stand beim Pessach-Fest zu Zeiten des Tempels im Mittelpunkt, dass man das Korban Pessach (Pessach-Opfer) mit der Mazza und den bitteren Kräutern aß. Tatsächlich leitet sich der Name des Feiertags, „Pessach“, vom Pessach-Opfer ab.
Dies konnte nur in unmittelbarer Nähe des Tempels in Jerusalem (oder seines Vorgängers, des Stiftszeltes) geschehen, und man musste sich in einem Zustand ritueller Reinheit befinden. Aufgrund dieser logistischen Hürden war es durchaus denkbar, dass jemand das Pessach-Opfer verpasste und daher eine „zweite Runde“ in Anspruch nehmen musste.
Dies erklärt auch, warum das zweite Pessach-Fest nur für diejenigen gedacht ist, die das Opfer nicht gegessen haben; es ist jedoch nicht für diejenigen gedacht, die Mazza, Maror, das Lesen der Haggada usw. verpasst haben, um dies nachzuholen.
Der tiefere Grund: Pessach ist unsere Geburt
Die chassidischen Meister erklären, dass das zugrunde liegende Thema des zweiten Pessach-Festes das Konzept der Teschuwa („Umkehr“) ist und dass es nie zu spät ist, unsere Fehler zu korrigieren. Um den Hajom Jom vom 14. Ijar zu zitieren:
Das Thema von Pessach Scheni ist, dass es nie zu spät ist. Es ist immer möglich, Dinge in Ordnung zu bringen. Selbst wenn man rituell unrein war oder weit weg war und selbst in einem Fall, in dem dies (Unreinheit usw.) absichtlich geschah, kann man es dennoch korrigieren.
Der Lubawitscher Rebbe erklärt, dass dies in einzigartiger Weise mit dem Pessach-Fest verbunden ist, das die „Geburt der jüdischen Nation“ markiert.
Man kann viele Dinge verpassen (Busse, Prüfungen, Meetings und sogar Flüge) und sie später nachholen. Aber wenn man die eigene Geburt verpasst, verpasst man wirklich den Anschluss.
Deshalb wollte G-tt, dass jeder Mensch, auch diejenigen, die das erste Pessach-Fest absichtlich verpasst haben, eine zweite Chance für das Pessach-Fest erhalten, und lehrte, dass es wirklich nie zu spät ist, unsere Mängel zu beheben, selbst die grundlegendsten.
Heutzutage ist es Brauch, das zweite Pessach-Fest zu feiern, indem man Mazza isst – wenn möglich Schmura Mazza – und Tachanun in den G-ttesdiensten auslässt, auch wenn wir kein Pessach-Opfer darbringen können. Wenn wir diesen Tag begehen, sollten wir uns die klare Lehre zu Herzen nehmen, dass G-tt uns den Weg ebnen wird, egal wie weit wir gegangen sind und wie unrein wir geworden sind, wenn wir aufrichtig Wiedergutmachung leisten wollen.
Copyright „Chabad Lubawitsch Deutschland"
Sehr geehrte Leser!
Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:
alte Website der Zeitung.
Und hier können Sie:
unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen
in der Druck- oder Onlineform

Werbung
Judentum und Religion












