Der Leopardenfänger von Midreschet Ben Gurion

Ein Besuch bei Arthur du Mosch, der die Negev-Wüste kennt wie kaum ein anderer.

Arthur du Mosch

Von Michael G. Fritz

Arthur ist eine Berühmtheit, nicht nur in Israel, sondern in einschlägigen Kreisen weltweit. Im Internet kann man noch heute von seiner Tat lesen. Er hat einen Leoparden ganz allein und ohne Hilfsmittel überwältigt. Das ausgehungerte Tier war auf der Suche nach Nahrung in Arthurs Schlafzimmer in seinem Wohnort Midreschet Ben Gurion aufgetaucht, einer kleinen Ansiedlung, in der der Staatsgründer begraben ist. Kurz entschlossen sprang der Fremdenführer auf den Leoparden und klammerte ihn, der, zwar geschwächt, immer noch scharfe Zähne und Krallen hatte. Seine Frau informierte die Naturschutzbehörde, gemeinsam gelang es, die Raubkatze in die Auffangstation zu transportieren. Natürlich nannte man den Leoparden Arthur, später erhielt er den Spitznamen Maschiach, also Messias.

Solchermaßen eingestimmt, sehe ich den Mann auf mich zukommen. Er trägt einen Cowboyhut, in dem eine Sonnenbrille steckt, sandfarbene Safarikleidung und ein rotes Halstuch. Seine Handschuhe zieht er nicht aus. Das Ziel ist, möglichst viel Haut abzudecken. Wenn man sich wie er täglich in der Wüste aufhält, muss das oberstes Gebot sein.

„What‘s the common language“, fragt er. „Deutsch? Deutsch ist gut, ich bin Holländer.“

„Was hat dich in die Wüste verschlagen, Arthur?“, frage ich ihn noch im Hotel.

Er nimmt den Hut ab, wischt sich über die Stirn, seine Haare sind blond und schon etwas grau. „Ich habe mir die Negev früh in den Kopf gesetzt. Aber versorge dich erst einmal mit Wasser, du brauchst mindestens eine Flasche“.

Im Geländewagen, der über steinige Wege holpert und uns mit Staub einhüllt, erzählt er mir seine Geschichte.

Als Achtjähriger sieht Arthur mit seiner Mutter in den Niederlanden im Kino den Film „Die Wüste lebt“, jenen Dokumentarfilm aus dem Jahre 1953 der Walt-Disney-Studios über die Tier- und Pflanzenwelt der Wüstenregion, der ein Welterfolg wurde. Und er überzeugt auch Arthur, der von nun an von der Idee erfüllt ist, in die Wüste zu gehen. 1985 hat er es geschafft, er kommt als Agrarstudent nach Israel. Arthur studiert in der Negev an der Hebräischen Universität die antiken Bewässerungstechniken der Nabatäer, jenes aus Arabien um 550 vor Christus zugewanderten Wüstenvolkes. Beim Studium trifft er seine spätere Ehefrau, mit der er inzwischen vier Kinder hat. „Ich muss ihr manchmal sagen, dass ich des Landes wegen kam und sie erst hier kennenlernte, und nicht umgekehrt“, sagt er lächelnd.

 

Ein Spezialist für Wüstentiere

Mehrere Jahre arbeitet er am Jacob Blaustein Institut für Wüstenforschung. Er hat sich besonders mit Nubischen Steinböcken und Onager, einer wilden und fast ausgestorbenen syrischen Eselart, beschäftigt, die neben Hyänen, Gazellen, Oryxantilopen und Wildpferden die Negev bevölkern. Anschließend erwirbt er die Touristenführerlizenz. Du Mosch, der neben Deutsch und Holländisch, natürlich auch Englisch und darüber hinaus Hebräisch spricht, bietet Geländewagen- und Pferdetouren, außerdem Wanderungen an.

„An dieser Stelle“, unterbricht er sich, „hier überfielen vor einigen Jahren palästinensische Terroristen einen Bus. Sie erschossen alle Insassen, sämtlich Zivilisten, bloß ein Baby überlebte, weil es von den Leichen verdeckt wurde“. Später ergänzt er: „In diesem Land herrschte schon immer Unfrieden, aber wenn alle wollen, wenn sie es wirklich wollen, ließe sich friedlich miteinander leben“.

Wir erreichen einen riesigen Erosionskrater, den Makhtesh Ramon, bei dessen Anblick ich vor Ehrfurcht erstarre. Die Luft ist klar, die Sicht reicht weit: um uns herum hellbraunes Gestein, darüber ein fast schmerzhaftblauer Himmel mit weißen Wolkenstrichen. Durch den beständigen Wind ist es trotz der starken Sonne nicht drückend.

„Dort hinten“, stellt Artur fest, „weit hinten ist Kanaan, das Abraham von Gott versprochen wurde: das gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen. Moses, der gemeinsam mit Ramses II. aufwuchs, führte sein Volk aus Ägypten ins gelobte Land, wozu sie vierzig Jahre benötigten. Moses selbst sah es nicht mehr.“

In der Ferne steigen Rauchwolken auf, erst danach höre ich den Donner. Das Militär übt, so erfahre ich. Ein großer Teil der Negev ist Truppenübungsgelände, 60 % des israelischen Staatsgebietes besteht ohnehin aus Wüste. Sehr bestimmt fügt er hinzu: „Mein jüngster Sohn ist eingezogen worden, drei Jahre sind Pflicht. Frauen müssen zwei Jahre zur Armee“.

Wir fahren über extrem steile und holprige Gebirgspässe zu einer Straße in der Wüste, die seit mehr als zweitausend Jahren existiert. Sie führt vom Süden der arabischen Halbinsel bis zum Hafen in Gaza.

„Warum Gaza?“, erkundige ich mich. „Die Stadt besaß den wichtigsten Hafen der Antike in dieser Region, bis König Herodes den Hafen in Caesarea baute“.

Durch Kamelkarawanen wurden Weihrauch und Myrrhe von Petra und aus dem fernen Mesopotamien transportiert: im Grunde keine lebensnotwendigen Dinge. Weihrauch opferte man den Göttern oder den Königen, Myrrhe galt als Arznei und mit ihr wurden Leichname einbalsamiert. Doch die Waren hatten einen so großen Handelswert, dass die Kaufleute Millionäre wurden.

Bei der Weiterfahrt öffnen sich vor mir schmale, tiefe Schluchten, die eng und verwinkelt sind, ragen Hänge steil auf. Wie ist es bei Regen?

„Es regnet nicht oft, aber wenn, dann sehr heftig, in der Wüste ertrinken mehr Menschen, als dass sie verdursten.“

 

Gefährliches Wasser

Er weiß, wovon er spricht, Arthur wird immer dann geholt, sobald Menschen in Gefahr sind. Wenn man in den Wintermonaten in der Negev unterwegs ist, sollte man einen erfahrenen Tourenführer dabeihaben. Es kann Sturzfluten geben, die entstehen, wenn starker Regen auf Felsen und verkrustete Böden fällt und von Steilhängen hinunter in Wadis abfließt. Dort bilden sich reißende Flüsse, die alles mitnehmen, was sich ihnen in den Weg stellt.

Durch Regen blüht die Natur auf. Arthur träufelt etwas Wasser aus einer Flasche über scheinbar vertrocknete Knospen an einem Busch. Sofort richten sich die Zweige in die Höhe und die Knospen öffnen sich zu kleinen rosa Blüten. Was ich in Filmen über die Wüste für einen Trick oder für Aufnahmen im Zeitraffer gehalten habe, entspricht der Realität!

In wenigen Wochen ist Weihnachten. Es ist wohltuend, jene Geschäftigkeit, die Deutschland schon jetzt erfasst hat, hier nicht zu finden. Feiert er Weihnachten?

„Auf jeden Fall ohne Weihnachtsbaum.“ Ein überlegenes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Den brauche ich hier nicht. Meine Frau und ich, wir feiern Chanukka, das Lichterfest, überhaupt die jüdischen Feste, allen voran das Pessachfest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert“.

Wir erklimmen einen Berg und laufen auf dem Grat entlang auf einen höheren Berg zu. Nichts verstellt den Blick, in meinem Rücken ist Eilat am Roten Meer, dort unten das Jordantal, dahinter Jordanien, zu meiner Linken befindet sich der Sinai, der zu Ägypten gehört. Der Moment ist erhaben in seiner Einzigartigkeit. Der Wind frischt auf, ich schlage den Kragen meiner Jacke hoch.

„Und du“, sagt Arthur, „hat dich die Wüste gepackt?“

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