Koschere Obstbrände aus Hannover

Ein Interview mit Katerina Simon, die in der niedersächsischen Landeshauptstadt eine alte Marke für koschere Schnäpse wiederbelebt.

Die stolze Gründerin präsentiert ihre Produkte.

Die „Simons of Hannover“ sind zurück! Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg brennen sie wieder Obstschnaps und weitere zehn koschere Spirituosen. Das jüdische Unternehmen dieser angesehenen Familie des 18. und 19. Jahrhunderts ist wieder mit Leben erfüllt – Katerina Simon hat die Lister Distille in Betrieb genommen und produziert zusammen mit ihrem Mann Marc mit regionalen (und überregionalen) Zutaten.

Die JÜDISCHE RUNDSCHAU hatte die Gelegenheit Katerina Simon zu interviewen.

 

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Koscher, Obstbrände, Hannover: drei gewöhnliche Wörter, die auf ungewöhnliche Weise zusammengehören – können Sie das erklären?

Katerina Simon: Ich empfinde Hannover, anders als das häufig verwendete Bild der Stadt, ausdrücklich nicht als langweilig oder gewöhnlich, sondern als attraktive Metropole in Norddeutschland mit einem vielfältigen jüdischen Leben. Was mich als Zugezogene ebenfalls überraschte: Es gibt hier vier Synagogen und mit über 6.000 Menschen auch eine für deutsche Großstädte beeindruckende Präsenz von Jüdinnen und Juden.

Hier hatte ich die zugegebenermaßen ungewöhnliche Idee ein Start-up für koschere Spirituosen zu gründen. Gebrannt werden diese in einer kleinen Obstbrennerei in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, mitten im Herzen der Stadt.

Unter der Aufsicht von Rabbiner Wolff von Chabad Lubawitsch Hannover habe ich für unsere insgesamt fünfzehn verschiedenen Brände, Liköre und den Gin ein Koscher-Zertifikat erhalten.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Koschere Obstbrände – hat das überhaupt Tradition?

Katerina Simon: Ja, eine sehr lange Tradition sogar. Denn in osteuropäischen Ländern wie Polen hatten die Juden bereits im 17. und 18. Jahrhundert von den lokalen Behörden Brennrechte bekommen und in lokalen Tavernen ihren Obstschnaps, häufig Obstbrände aus Kirschen oder Pflaumen, an die überwiegend nicht-jüdische Kundschaft verkauft. Auch in meiner Heimat Tschechien gibt es eine weltbekannte Obstbrennerei, die Destillerie Rudolf Jelinek, die sogar noch heute ihren Slivovitz nach Amerika exportiert. In Ungarn gibt es die Firma Zwack, die neben dem Kräuterlikör Unicum, auch traditionelle Obstbrände herstellt. Diesem Erbe fühlen wir uns verbunden. Für viele religiöse Juden sind unsere Spirituosen auch ein Stück Nostalgie, was ihre osteuropäischen Wurzeln betrifft. Zudem ist die Herstellung, ganz ohne künstliche Zutaten und auf Obstbasis, für Konsumenten koscherer Lebensmittel nachvollziehbar simpel.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wer sind denn die namensgebenden „Simons von Hannover“?

Katerina Simon: Namensgeber sind zwei Hannoveraner Königsberater und Bankiers, Alexander Moritz Simon (1837-1905) und Israel Simon (1807-1883), die während der Zeit des Königreichs Hannover im 19. Jahrhundert den hiesigen Welfen-Königen mit Rat und Tat beistanden und gleichzeitig irrsinnig viel für die Stadt Hannover und die jüdische Gemeinde getan haben. Israel Simon ist sogar mit dem letzten Hannoverschen König gemeinsam ins Exil nach Wien gegangen, als die Preußen das norddeutsche Königreich eroberten. Alexander Moritz Simon stiftete die Gartenbauschule in Hannover-Ahlem, die heute als Holocaust-Gedenkstätte fungiert, aber eigentlich gegründet wurde, um jungen Jüdinnen und Juden aus Osteuropa die Landwirtschaft und Handwerk zu lehren, und diese für ein Leben in Deutschlands eher landwirtschaftlich geprägten Provinzen vorzubereiten. Später im 20. Jahrhundert diente die Schule als Ausbildungsstätte für junge Jüdinnen und Juden, die in das britische Mandatsgebiet Palästina flohen, wo sie ebenfalls in der Landwirtschaft, zum Beispiel in Kibbuzim, tätig wurden. Unsere Firma knüpft an die Unternehmungen der historischen Simons an, denn Alexander Moritz Simon hatte in einem Gasthaus in der Nähe der königlichen Gärten in Hannover-Herrenhausen auch einen Ausschankbetrieb.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Woher kam die Idee, die Firma wieder aufleben zu lassen?

Katerina Simon: Unser Familienname Simon sowie der Name von Hannovers bekanntesten jüdischen Familien aus der Hannoverschen Königszeit stimmt zufällig überein. Meinem Mann und mir wurde dies bewusst, als wir 2012 von München nach Hannover zogen. In Hannover gibt es noch viele Orte, die an die historische Familie Simon erinnern, zum Beispiel die „Villa Simon“ am Königsworther Platz in der Calenberger Neustadt, die von Israel Simons Bruder, dem Rechtsanwalt Eduard Simon (1805-1867), erbaut wurde.

Der Jin der Jungunternehmerin wird von einem Rabbiner überwacht.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Obstbrände von Wildkirsche, Apfel, Himbeer- und Vogelbeere; Mandarinengeist, Ingwergeist und Gin…das lässt das Herz jedes Alkohol-Genießers höherschlagen. Was ist ihr „Kassenschlager“?

Katerina Simon: Unser Kassenschlager ist der „Kosher Obstler“, ein Obstbrand aus Äpfeln und Birnen. Dies sind typische regionale Früchte in Niedersachsen. Außerdem hat uns von Beginn an die Kombination des ziemlich deutschen Wortes Obstler und Koscher fasziniert, was wir bei dem Produkt in englischer Schreibweise verwenden. Unsere Kunden sind ebenfalls davon begeistert und kaufen dieses Produkt als Hannover-Spirituose mit jüdischer Tradition. Nebenbei ist natürlich – aufgrund der aktuellen Gin-Phase – auch unser Wacholder-Schnaps ein absoluter Bestseller. Hier bieten wir zwei Sorten – einen traditionellen Dry Gin mit vierzehn verschiedenen Botanicals sowie den sommerlichen Orange Gin, der mit Orangenbrand angereichert ist.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Gin feiert heutzutage ein großes Comeback. Ein guter Gin lebt von den Zutaten – woher beziehen die „Simons“ ihre Zutaten?

Katerina Simon: Für die beiden Gin-Sorten werden Kräuter und andere Botanicals aus verschiedenen Ländern bezogen. Zum Beispiel Vanille oder Kardamom kann man natürlich nicht „Made in Germany“ kaufen. Hier gibt es unterschiedliche Herkunftsländer. Wir bemühen uns aber ansonsten um regionale Zutaten.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie schmeckt der Gin? Ist er auch für Cocktails tauglich – oder ist er pur besser?

Katerina Simon: Der Dry Gin hat eine blumige Note aus Kardamom, Lavendel und Minze. Viele trinken den Gin deshalb auch gerne pur und finden die Spirituosen zu edel für ein Mix-Getränk. Selbstverständlich sind beide Gin-Sorten aber gut geeignet für einen klassischen Gin-Tonic. Manche Bars in Hannover machen auch Cocktails auf Gin-Basis aus unseren Produkten.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Frau Simon, vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Jan Bentz.

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