Jom Kippur: Die große Versöhnung

Jom Kippur ist der Tag, um mit sich, seiner Umgebung und mit Gott ins Reine zu kommen.

Von Patrick Samuel Goldfein

Für viele ist Jom Kippur ein eher anstrengender Tag. Über 24 Stunden fastet man, und steht dann mit wackeligen Beinen den ganzen, langen Tag in der Synagoge - oft, ohne die wahre Bedeutung der langen Gebete zu verstehen. Der Körper wird langsam etwas schwächer, und ab dem Nachmittag geht der Blick immer öfter auf die Uhr: wann ist es endlich vorbei, wann kann ich endlich wieder etwas zu mir nehmen?

Die Mischna im Traktat „Ta`anit“ sagt jedoch genau das Gegenteil. Das ganze Jahr über gibt es keinen glücklicheren Tag als Jom Kippur. Gleichgesetzt wird er sogar mit Tu BeAw, dem jüdischen Tag der Liebe, an dem junge Paare verkuppelt werden. Aber ist Jom Kippur nicht eher ein ernster, ja sogar düsterer Termin? Der Tag, an dem unser Schicksal im Himmel besiegelt wird, nachdem es an Rosch HaSchana bestimmt wurde? Wieso also, hebt ihn die Mischna als Freudentag hervor?

 

Die Energie des Tages

Ein Blick auf die Entstehung von Jom Kippur hilft, um seine Bedeutung und Wirkungskraft besser zu verstehen. Denn jeder Feiertag im Judentum hat eine innere Energie, in die man eintreten kann, um das Potential eines jeden Tages voll auszuschöpfen. Diese Energie wurde bereits bei der Entstehung der Welt festgelegt, und trat dann zu Bibelzeiten richtig in Erscheinung. So ist zum Beispiel die Zeit von Pessach, eine gute Gelegenheit eine persönliche Befreiung zu erleben, weil wir an Pessach aus der ägyptischen Sklaverei befreit wurden. An Sukkot wiederum kann man sich mit Freude auffüllen, die das ganze Jahr anhalten kann, und an Schavuot ist es möglich, nicht nur auf nationaler, sondern auch auf persönlicher Ebene die Torah zu empfangen. Weil dies der Tag ist, an dem das jüdischen Volk die Torah erhielt. Auch Purim und Chanukka sind Gelegenheiten des spirituellen Wachsens: an Purim durch das Betrinken, bis man nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden kann, weil sich in der Purim-Geschichte alles zum Guten wandte, und an Chanukka durch das Kerzenzünden, welches unsere jüdische Identität stärken kann, weil wir uns den Griechen nicht assimilierten.

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