Der Sieg des Geistes

Über die bewegenden Tagebücher der niederländischen Jüdin Etty Hillesum, die im Alter von 29 Jahren im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Sie hinterlässt einzigartig hoffnungsvolle Gedanken voll jüdischer Spiritualität.

Etty HIllesum, 1939

Von Anat Schneider

Etty Hillesum war eine niederländische Jüdin, die im Alter von 29 Jahren im Vernichtungslager Auschwitz im Holocaust umkam. Während des Krieges schrieb sie Tagebücher, die vergraben wurden, um erst 40 Jahre später wieder ausgegraben zu werden. Sie sind in allen möglichen Sprachen veröffentlicht worden. In ihren Tagebüchern gibt Etty die Erkenntnisse einer jungen Frau in einem Vernichtungslager wieder. Sie weiß, wohin sie gehen wird. Sie weiß, dass sie bald dem Tod begegnen wird. Und doch bewahrt sie sich ein gewisses Glück und ist dankbar. Sie hat keine Angst, sie hat aufgegeben, Angst zu haben. Der Titel des Buches ist „Der Himmel in mir“.

Die Tagebücher erzählen von den schrecklichen Tagen des Krieges und von ihrem spirituellen Weg, der so erhaben und bedeutsam ist und Etty in den schrecklichen Tagen des Krieges begleitet.

Etty studierte Psychologie und war mit dem deutschen Psychologen Julius Shapir befreundet, der einer der Schüler von Karl Jung war. In ihren Aufzeichnungen kann man die Einflüsse Jungs auf ihre Stimmung und ihre Denkweise deutlich spüren. Die Tagebuchaufzeichnungen faszinieren durch ihre innere Aufrichtigkeit und die emotionalen Umbrüche, die sie durchlebt, sowohl wegen ihrer Liebe und Anziehung zu Julius als auch wegen der Kriegslage. Das Erstaunliche an dem Tagebuch ist, dass Etty, als sich die Situation der Juden verschlimmert und der Weg in die Freiheit immer enger wird und das Ende näher rückt, in ihrer Seele existenzielle Freude und die Fähigkeit findet, das Beste aus dem Moment zu machen. Selbst an den schwierigsten Stellen, als sie der Auslöschung, dem schweren und brutalen Leiden, der Grausamkeit des Verlustes, den Abgründen der Unmenschlichkeit gegenüberstand. Genau dort ist ihr großer Glaube entsprungen.

Das Leid ist überall, ob im Privaten, ob für ein Volk wie Israel oder als kollektive und globale Tragödie auf der ganzen Welt. Es hört nie auf. Ettys Worte sind zu einer Inspiration für die ganze Welt geworden. Sie verdeutlichen, dass wir trotz der Schwierigkeiten, des Leids und der Verzweiflung immer eine ruhige Ecke im Leben finden können. Durch ihre Tagebücher verbinden wir uns mit dem Guten, das immer existiert. Durch ihre Tagebücher verstehen wir, dass es kein vergebliches Leid gibt, sondern es zum Zweck des Wachstums und der Entwicklung besteht.

Ich stehe staunend vor ihren Schriften und erkenne, wie unbedeutend ich bin angesichts ihrer wunderbaren und unkonventionellen Fähigkeit, im Schatten von Schmerz und Angst zu leben, sich mit dem täglichen Überleben zu befassen und dennoch in der Lage zu sein, solch erhabene Einsichten zu gebären.

Etty Hillesums Worte unterstreichen die spirituelle Fähigkeit des Menschen und das unendliche Bedürfnis nach der Transzendenz des Geistes über die Materie.

Hier ist eines der schönsten Zitate aus ihrem Tagebuch.

„Ich habe viel Glauben und bin dankbar, dass das Leben so schön ist, deshalb ist dies ein historischer Moment: nicht weil ich bald zur Gestapo muss, sondern weil mir das Leben noch schön erscheint.“

Das ist der Sieg des Geistes.

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Rosch Haschana: Der kurze Weg zum Segen

Rosch Haschana: Der kurze Weg zum Segen

Es ist der Jahrestag der Schöpfung der Menschheit, der uns an die spezielle Beziehung zu G-tt erinnern soll. Am Neujahrsfest sollen wir besonders innig beten und die in Honig getauchten Äpfel nicht vergessen: Ein Zeichen dafür, dass selbst in schwerster Zeit, der jüdische, lebensbejahende Optimismus nie versiegt. (JR)

Daf Yomi – Stellen aus dem Talmud

Daf Yomi – Stellen aus dem Talmud

11923 hat Rabbi Meir Shapira aus Lublin die Initiative „Daf Yomi“ angeregt. Heute befinden wir uns im 14. Zyklus. Als Teil davon können Juden überall auf der Welt dasselbe Blatt aus dem Talmud lernen. Der Beitrag stellt eine Fortsetzung der in der Jüdischen Rundschau im Januar 2022 begonnenen jüdischen Lern-Initiative dar. (JR)

Leben in Israel?

Leben in Israel?

Welche Beziehung haben wir zu Israel? Erwartet G’tt von uns, dass wir alle im „Gelobten Land“ leben?

Reine Nervensache

Reine Nervensache

Paar- und Familientherapeut Rabbi David Kraus erklärt uns mit alltäglichen Geschichten aus dem Leben, wie wir, auch in herausfordernden Zeiten, Mut und Zuversicht schöpfen können.

Daf Yomi – Stellen aus dem Talmud

Daf Yomi – Stellen aus dem Talmud

In der Ausgabe vom Januar 2022 hat die Jüdische Rundschau damit begonnen, auszugsweise Stellen aus dem Talmud darzulegen und zu erörtern. Die Auswahl der Stellen erfolgt dabei anhand des festgelegten Lesezyklus, der als „Daf Yomi“ bezeichnet wird. Vgl. die Informationen in der genannten Ausgabe. Folgendes stellt eine Fortsetzung dar.

Warum das jüdische Volk immer  existieren wird

Warum das jüdische Volk immer existieren wird

Eine Replik auf das allzu resignative und kleingläubige Menetekel von Michael Wolffsohn zum Untergang des jüdischen Volkes. (JR)

Daf Yomi – Stellen aus dem Talmud

Daf Yomi – Stellen aus dem Talmud

11923 hat Rabbi Meir Shapira aus Lublin die Initiative „Daf Yomi“ angeregt. Heute befinden wir uns im 14. Zyklus. Als Teil davon können Juden überall auf der Welt dasselbe Blatt aus dem Talmud lernen. Der Beitrag stellt eine Fortsetzung der in der Jüdischen Rundschau im Januar 2022 begonnenen jüdischen Lern-Initiative dar. (JR)

Schawuot: Die Tradition der „Lernnacht“

Schawuot: Die Tradition der „Lernnacht“

Daf Yomi – Stellen aus dem Talmud

Daf Yomi – Stellen aus dem Talmud

Die Feier der Geheimnisse

Die Feier der Geheimnisse

Pessach Scheni: Die zweite Chance

Pessach Scheni: Die zweite Chance

Daf Yomi – Stellen aus dem Talmud

Daf Yomi – Stellen aus dem Talmud

Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden