Ende gut – alles gut

Der große Schabbat, eine symbolträchtige Pessach-Feier, die Auferstehung von den Toten und Einblicke in die Messianische Zeiten in der Übersicht der Haftarot des Monats April.

Die Matze, das ungesäuerte Brot, das während Pessach gegessen wird.© JOHANNES EISELE, AFP

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Auch wenn es im April nur vier Schabbosim gibt, werden in diesem Monat gleich acht Haftarot gelesen! Das liegt daran, dass im April das Pessach-Fest gefeiert wird. Dabei gibt es vier Festtage, an denen verschiedene Tora-Abschnitte und die dazugehörigen Haftarot gelesen werden. Diese festlichen Abschnitte aus den Propheten sind oft nicht nur mit einem gelesenen Tora-Abschnitt verbunden, sondern mit dem Fest generell oder mit der aktuellen Zeit.

 

Großer Schabbat

Am ersten Schabbat im April wird der Wochenabschnitt „Tzaw“ gelesen. Jedoch ist dies kein gewöhnlicher Schabbat, weil dieser Schabbat direkt vor dem Pessach-Fest liegt. Deshalb trägt dieser Schabbat einen eigenen Namen, und wird „Schabbat-Hagadol“ (Großer Schabbat) genannt. Und, wie an allen besonderen Schabbosim, wird auch an diesem Schabbat im Anschluss an den Wochenabschnitt eine besondere Haftara vorgelesen, eine Prophetie aus Malachi (3:4-23).

Diese Prophetie beinhaltet viele wichtigen Verse mit grundlegenden Prinzipen des Judentums. Die Verbindung der Haftara mit dem Ereignis des Tages finden wir im Vers 3:10: Hier erwähnt Malachi das Zehntel (von der Ernte), das entsprechend der Halacha bis Pessach abgegeben werden musste (Schulchan Aruch haRav 430:3). Deshalb lesen auch viele Gemeinde diese Haftara nur dann, wenn Schabbat auf den unmittelbaren Vorabend von Pessach fällt.

Andere lesen diese Haftara jedoch immer am Schabbat vor Pessach, selbst wenn noch eine Woche bis zum Fest bleibt. Der Grund dafür ist ein anderer Vers (3:23): „Siehe, ich sende euch den Propheten Elijahu, ehe denn da komme der große und furchtbare Tag des Ewigen“. Im Talmud gibt es die Meinung, dass die finale Erlösung im jüdischen Monat Nissan stattfindet, deshalb passt dieser Vers sehr gut zum Pessach, der im Nissan gefeiert wird.

 

Erster Pessach im Land Israel

Nur ein paar Tage später beginnt das Pessach-Fest selbst. Da außerhalb von Israel an Pessach jeder Jom Tov zwei Tage lang gefeiert wird, werden an diesen Tagen zwei verschiedene Tora-Abschnitte gelesen, die mit dem Auszug aus Ägypten zu tun haben und entsprechend auch zwei verschiedene Propheten-Abschnitte dazu.

Die Haftara des ersten Tages kommt aus dem Buch Josua. Dabei besteht die Haftara aus zwei Teilen: Zuerst werden drei Verse aus dem 3. Kapitel (5-7) gelesen und dann noch dreizehn Verse aus dem 5. Kapitel (2-15).

Im 2. Teil der Haftara wird unter anderem davon erzählt, wie das jüdische Volk seinen ersten Pessach im Land Israel gefeiert hat: „Während nun die Kinder Israel sich in Gilgal lagerten, hielten sie das Pessach am vierzehnten Tage des Monats am Abend auf der Ebene von Jericho“. Das ist die Verbindung zur Lesung aus der Tora über den 1. Pessach im Ägypten.

Das erste Pessach-Fest im Land Kenaan, das die Juden erst vier Tage zuvor betreten hatten, war für das jüdische Volk sehr bedeutend. Vor nur fünf Wochen war ihr großer Anführer, „G’ttes Mensch“ Mosche, gestorben und sein Nachfolger Josua bin Nun hatte die Leitung übernommen, der seine Fähigkeit das Volk zu führen später noch beweisen sollte. Vor ihnen stand die große Festung Jericho, deren Eroberung eine große Herausforderung darstellte. Deshalb war dieser Pessach einfach nur symbolträchtig: wir haben es geschafft und wir sind in unserem Land. Das gab auch Zuversicht: „So wie unser G’tt für unsere Vorfahren große Wunder vollbracht hat, so wird Er auch für uns große Wunder machen, damit wir in diesem Land Ruhe finden“. Diese Botschaft soll auch für uns am kommenden Pessach-Fest in dieser Krisenzeit von Bedeutung sein.

 

Zurück zur Tradition

Die Haftara des 2. Pessach-Tages (Könige II 23:1-25) erzählt von noch einer symbolträchtigen Pessach-Feier. Es gab eine dunkle Periode in der jüdischen Geschichte, als die Könige von Jehuda und Israel statt unserem G’tt zu dienen, Götzendienst betrieben und auch das jüdische Volk dazu verführt haben. Das Ausmaß des Götzendienstes war so gewaltig, dass die Tora im Volk fast in Vergessenheit geraten war und nur noch insgeheim von Gelehrten studiert und praktiziert wurde. Selbst die Kohanim (Priester) im Tempel haben nur den Götzen und Baalen gedient, und die Tora nicht mal in Erinnerung behalten.

Nach einigen turbulenten Ereignissen kam im Königreich Jehuda Joschijahu an die Macht, der ein gerechter und frommer König wurde. Nach einigen Jahren seiner Herrschaft entdeckte der Hohepriester Chilkijahu Sefer Tora und ließ sie dem König präsentieren. Joschijahu war davon sehr beeindruckt und entschied zum jüdischen Erbe zurückzukehren: „Da sandte der König hin und ließ alle Ältesten von Jehuda und Jerusalem zu sich versammeln. Und der König ging hinauf in das Haus des HERRN, und alle Männer von Jehuda und alle Einwohner von Jerusalem mit ihm, auch die Priester und Propheten und alles Volk, klein und groß, und man las vor ihren Ohren alle Worte des Bundesbuches, das man im Hause des HERRN gefunden hatte.“ Gleich danach rotte der König mit eiserner Hand ganzen Götzendienst im Land aus und da kam auch die Pessach-Zeit: „Dann gebot der König allem Volk und sprach: Feiert dem HERRN, eurem G‘tt, das Pessach, wie es in diesem Buch geschrieben steht! Denn es war kein solcher Pessach gehalten worden, seit der Zeit der Richter, die Israel gerichtet hatten, und während der ganzen Zeit der Könige von Israel und der Könige von Jehuda“.

Diese Pessach-Feier war sehr wichtig für das gereinigte und erneuerte Volk, das zu seinen Wurzeln zurückgekehrt war. Interessant, dass gerade dieses Fest heutzutage auch unter ziemlich assimilierten Juden beliebt ist. Viele sowjetische Juden haben trotz religiöser Unterdrückung Matza gebacken und einen Pessach-Seder durchgeführt. Auch heutzutage kommen viele säkulare Israelis, wenn sie irgendwo in Indien oder im Fernen Osten wandern, zu den Chabad-Zentren, um dort Pessach zu feiern.

 

Auferstehung von „trockenen Knochen“

Da das Pessach-Fest acht Tage dauert, gibt es mindestens einen Schabbat während des Festes. Dieser Schabbat heißt dann Schabbat Chol haMoed und es wird beim Morgengebet nicht ein regulärer Wochenabschnitt gelesen, sondern ein Abschnitt, in dem Pessach erwähnt wird.

Merkwürdigerweise wird in der Haftara dieses Tages (Jezechiel 37:1-14) das Pessach-Fest mit keinem Wort erwähnt. Was aber ist dann die Verbindung?

Es geht hier um eine der berühmtesten und eindrucksvollsten Prophetien, die unter dem Namen „Trockene Knochen“ bekannt ist: „Die Hand des HERRN kam über mich und führte mich im Geiste des HERRN hinaus und ließ mich nieder mitten auf der Ebene, und diese war voller Totengebeine. Er führte mich an denselben vorüber ringsherum; und siehe, der Gebeine waren sehr viele auf der Ebene; und siehe, sie waren sehr trocken“. G’tt befehlt Jezechiel diese Gebeine zum Leben zu erwecken, was der Prophet auch erfolgreich macht. Unsere Weisen lernen daraus die Idee von „Tchechijat HaMetim“ – von der Wiedererstehung der Toten. Im Talmud gibt es die Vermutung, dass dieses Ereignis im Monat Nissan stattfindet. Da der Pessach-Schabbat einen Ausblick darauf bietet, was das Leben in der zukünftigen Welt bereithält, ist es auch passend die Haftara an diesem Tag zu lesen.

In unserer Zeit wurde der Ausdruck „Trockene Knochen“ zur Bezeichnung von Juden, die ihre Tradition nicht kennen und entsprechend weit weg von der Religion sind. Und diese außergewöhnliche Prophetie ist ein Symbol, dass jeder Jude und jede Jüdin zu ihren Wurzeln zurückkehren kann und zum „lebenden Körper“ werden kann. Egal wie alt man ist, egal wo man wohnt, ist es jederzeit und für jeden möglich. Man muss nur einen eigenen Schritt zu G’tt machen und G’tt wird schon helfen, den Menschen „wiederzubeleben“.

 

Das Lied von David

Am 7. Tag des Auszugs aus Ägypten hat das jüdische Volk das Schilfmeer überquert und wurde auf diese Weise vor den Verfolgern gerettet. Als die Geretteten die toten Ägypter am Ufer gesehen haben, sangen sie das berühmte „Shir al haJam“ (Loblied am Schilfmeer). Passend zu diesem Lied wird das Dankeslied von König David aus Schmuel II 22 als Haftara vorgelesen: „Und David redete zu dem HERRN die Worte dieses Liedes, am Tage, als der HERR ihn aus der Hand aller seiner Feinde und aus der Hand Sauls errettet hatte“. Auch wenn dieses Lied für sich selbst interessant ist, so ist vor allem die Wahl dieses Abschnittes als Haftara des Tages ganz besonders interessant.

„Loblied am Schilfmeer“ ist Bestandteil des Wochenabschnittes „Beschalach“ und wird jedes Jahr an einem Schabbat des Jahreszyklus gelesen. Auch die dazugehörige Haftara ist mit diesem Lied verbunden: es ist das Loblied der Richterin Debora (Richter 4-5). Stellt sich die Frage, warum die Prophetenabschnitte so angeordnet wurden. Warum wird für den Wochenabschnitt „Beschalach“ das Lied von Debora gelesen, und am 7. Pessach-Tag das Lied von David, und nicht umgekehrt?

Der 7. Ljubawitscher Rebbe Rabbi Menachem Mendl Schneerson hat eine interessante Erklärung dafür. Das Loblied am Schilfmeer haben bekanntlich nicht nur Männer, sondern auch Frauen gesungen (Schemot 15:22): „Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm die Handpauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Handpauken und im Reigen“. Der Ljubawitscher Rebbe bemerkt, dass die Frauen im Gegensatz zu den Männern nicht nur gesungen haben, sondern auch Musik mit Instrumenten gemacht haben, was die Freude noch vergrößerte! Deshalb wurde dem Wochenabschnitt, welcher die Hauptlesung ist, das Lied einer Frau (Debora) zugeordnet, und dem 7. Tag vom Pessach „nur“ das Lied von einem Mann (David). Daran sehen wir wie wichtig die Freude ist: Es ist nicht genug G’tt zu dienen und Ihn zu loben – es muss mit Freude und mit Enthusiasmus geschehen, erst dann wird es ein gewünschter und emotionaler G’ttesdienst.

 

Einblick in Messianische Zeiten

Am 8. Tag von Pessach (der nur außerhalb Israels gefeiert wird) wird die Prophetie von Jesaia gelesen. Diese Haftara besteht aus drei Teilen: Die Verse 32-34 des 10.Kapitels, das ganze 11. Kapitel und die ersten 6 Verse aus des 12. Kapitels.

Jeder dieser Teile ist auf eine bestimmte Weise mit dem 8. Pessach-Tag verbunden. Der 8. Tag wird nur außerhalb Israels gefeiert, weil es früher Zweifel gab, ob er eventuell der 7. Tag von Pessach sein könnte. Und da das Hauptthema des 7. Tages das Loblied am Schilfmeer ist, gibt es eine Anspielung darauf im 3. Teil unserer Haftara: „Siehe, G‘tt ist mein Heil; ich will vertrauen und lasse mir nicht grauen; denn der HERR, der HERR, ist meine Kraft und mein Lied, und er ward mir zum Heil!“

An Pessach feiern wir auch die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei und die Zerstörung von Ägypten, als Strafe für die Unterdrückung. Diese Zerstörung ist symbolisch für den Niedergang und das Verschwinden aller Feinde Israels, die uns während aller Epochen unterdrückt haben. Die letzten Verse des 10. Kapitels (die am Anfang der Haftara gelesen werden) weisen darauf hin und trösten uns in schwierigen Zeiten.

Der mittlere Teil der Haftara (11. Kapitel) spricht über die Messianische Zeit. Unter anderem gibt es hier den berühmten und oft zitierten Vers: „Da wird der Wolf bei dem Lämmlein wohnen, der Leopard bei dem Böcklein niederliegen. Das Kalb, der junge Löwe und das Mastvieh werden beieinander sein, also dass ein kleiner Knabe sie treiben wird“. Wie schon erwähnt wurde, gibt es im Talmud die Meinung, dass die Erlösung im Monat Nissan kommen wird (wenn der Pessach gefeiert wird). Im Chassidismus wird gelehrt, dass wir am 8. Tag von Pessach die zukünftige Erlösung und Messianische Zeiten „erblicken“ können. Deshalb ist es auch passend uns Gedanken über eben diese Zeit am Ende des inspirierenden und aufregenden Pessach-Festes zu machen.

 

Vorsicht bei Heiligkeit

Die Haftara zum Wochenabschnitt „Schnimi“ ist die einzige Haftara dieses Monats, die tatsächlich dem Wochenabschnitt „gehört“, und nicht aus bestimmten Gründen abgeändert wurde.

Der Wochenabschnitt „Schmini“ beinhaltet einen tragischen Vorfall: bei der Einweihung des Mischkans (mobiles Heiligtum bei der Wüstenwanderung) haben zwei Söhne von Aharon haKohen, Nadaw und Awihu, ein unerlaubtes Räucheropfer gezündet und wurden von G’tt auf der Stelle verbrannt. Auch unsere Haftara (Schmuel II 6:1-7-7:17) berichtet über ein ähnliches Unglück.

König David entschied sich den Mischkan aus seiner provisorischen Bleibe beim Hause Abinadabs nach Jerusalem zu überführen. Unterwegs passierte jedoch die Tragödie: „Und als sie zur Tenne Nachons kamen, griff Ussa nach der Lade G‘ttes und hielt sie; denn die Rinder waren ausgeglitten. Da entbrannte der Zorn des HERRN über Ussa; und G‘tt schlug ihn daselbst um des Frevels willen; so starb er daselbst bei der Lade G‘ttes“. Dieser Tod erschütterte alle Beteiligten und David stoppte den Umzug. Erst eine Weile später wurde es fortgesetzt und unter besonderer Vorsicht erfolgreich beendet.

Aus diesen beiden Tragödien lehren unsere Weise eine, auch für uns, wichtige Idee. Wenn man mit den heiligen Dingen zu tun hat, ist Vorsicht und Ehrfurcht geboten! Auch wenn wir heutzutage keinen Tempel und keine Opfer haben, haben wir trotzdem mit der Tora-Rolle und Tfillin heilige Gegenstände. Man soll mit diesen Gegenständen sehr vorsichtig und ehrenvoll umgehen. Zum Beispiel darf man alte und abgenutzte Tora-Rollen und Tfillin nicht einfach wegschmeißen, sondern auf dem jüdischen Friedhof respektvoll begraben. Auch wenn wir die Heiligkeit manchmal nicht spüren, sie ist ja vorhanden und falscher Umgang damit kann schwere Folgen haben.

 

Positiv bis zum Ende

Am letzten Schabbat des Monats April wird der Wochenabschnitt „Tazria-Metzora“ gelesen. Jedoch ist das schon wieder ein besonderer Schabbat: an diesem Schabbat beginnt der Monat Ijar und es ist ein Rosch Chodesch. Deshalb wird als Haftara der Prophetenabschnitt für Rosch Chodesch, und nicht für den aktuellen Wochenabschnitt gelesen. Diese Haftara ist die letzte Prophetie von Jesaia 66:1-24 und erzählt von der wunderschönen Messianischen Zeit und über die Rache an den Feinden Israels. Die Verbindung zum Monatsanfang finden wir fast am Ende des Abschnittes: „Und es wird dahin kommen, dass an jedem Neumond und an jedem Schabbat alles Fleisch sich einfinden wird, um vor mir anzubeten, spricht der HERR“.

Merkwürdigerweise endet diese ganze Prophetie mit einem sehr negativen Satz: „Und man wird hinausgehen und die Leichname der Leute anschauen, die von mir abgefallen sind; denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen; und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch“. Jedoch haben unsere Weisen betont, dass man immer positiv enden soll. Denn alles, was passiert, ist zum Besten („haKol leTowa“). Deshalb wird am Ende unserer Haftara nochmal der 23. Vers („Und es wird dahin kommen…“) gelesen, damit sie positiv beendet wird.

Dieses Prinzip müssen wir uns auch heutzutage vor Augen halten: Krisen kommen und gehen, wichtig ist nur, ob wir die Zeit richtig und produktiv nutzen. Wenn wir uns auf das Positive konzentrieren, werden wir auch das Ende der Krise gesund und gestärkt erleben.

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