Viduj – Warum klopfen wir für fremde Sünden?

Eine Analyse des Sündenbekenntnisses an Jom Kippur

Von Rabbiner Dovid Gernetz

An Jom Kippur befinden wir uns fast den ganzen Tag in der Synagoge und beten. Der wahrscheinlich wichtigste Teil des Gebets an Jom Kippur ist das Viduj – das lange und ausführliche Sündenbekenntnis. Insgesamt zehnmal sagen wir es, fünfmal im stillen Gebet und wieder fünfmal in der Wiederholung des Vorbeters. Nach Meinung der meisten Rischonim (mittelalterliche halachische Autoritäten und Kommentatoren) ist es ein Gebot der Torah an Jom Kippur das Viduj zu sprechen. Es stellt sich die Frage, was so besonders am Viduj ist, dass die Autoren des Gebets es für nötig fanden, es so zahlreich ins Gebet zu integrieren, und warum es zu unserer hauptsächlichen Aufgabe am Jom Kippur gehört.

Um dies zu verstehen, müssen wir zuerst die Natur des Menschen näher betrachten: Der Mensch neigt dazu, seine Fehler und schlechten Taten zu rechtfertigen und versucht sich stets der Verantwortung zu entziehen. Er sieht sich immer im Recht und tut sich schwer damit, seine Schuld einzugestehen. Unsere Weisen haben dies schon vor langer Zeit erkannt und in einem Satz zusammengefasst: „Ein Mensch sieht nicht die eigenen Geschwüre“ (Traktat Negaim Kap. 2 Mischna 5). Außer der einfachen Bedeutung, dass ein Mensch nicht für die Bestimmung der eigenen spirituellen Unreinheit geeignet ist, liegt darin auch der tiefere Sinn, dass ein Mensch in aller Regel seine Unvollkommenheiten nicht sehen will und kann.

Aus diesem Grund ist es der erste Schritt der Tschuva (Rückkehr zu G´tt) zuzugeben, dass man etwas Falsches getan hat und sich dafür verantwortlich fühlt, anstatt sich wie immer zu rechtfertigen und die Schuld jemand anderem in die Schuhe zu schieben. Erst nachdem ein Mensch zugegeben hat, dass er gesündigt hat, kann er es bereuen und G´tt um Verzeihung bitten – und darum geht es an Jom Kippur!

Unsere Weisen lehren im Talmud (Schabbat 56a und Sanhedrin 107a), dass König David genau aus diesem Grund seine monarchische Herrschaft nicht genommen wurde, obwohl er mehrmals gesündigt hatte, wo hingegen König Schaul sein Königtum schon nach einem Mal verlor. Sobald der Prophet Nathan König David damit konfrontierte, dass er mit Bat Scheva gesündigt hatte, gab er dies sofort zu und sagte „Ich habe geben G´tt gesündigt“. König Schaul hingegen versuchte sich zu rechtfertigen und schob die Schuld auf das jüdische Volk.

 

Schauls verlorene Königsherrschaft

Das Verhältnis der Monarchie zur selbstkritischen und demütigen Einstellung des Königs liegt auf der Hand, denn nur ein Mensch, welcher bereit ist, seine Schuld einzusehen, kann es auch bereuen und um Vergebung bitten. So einem Menschen kann G´tt sogar mehrere Sünden vergeben, denn niemand ist perfekt und auch gerechte Menschen irren sich manchmal. Aber ein Mensch, welcher sich seiner Schuld nicht bewusst ist und keine Verantwortung für seine Taten übernimmt, kann auch nicht die Verantwortung für das ganze Volk übernehmen, sodass er nicht für den Posten des Königs geeignet ist. Deshalb verlor König Schaul schon nach einer Sünde seine Monarchie.

Sie können diesen Artikel vollständig in der gedruckten oder elektronischen Ausgabe der Zeitung «Jüdische Rundschau» lesen.

Vollversion des Artikels

€ 0,75 inkl. MwSt.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Hier können Sie

die Zeitung abonnieren,
die aktuelle Ausgabe oder frühere Ausgaben kaufen
oder eine Probeausgabe der Zeitung bestellen,

in gedruckter oder elektronischer Form.

Vollversion des Artikels

€ 0,75 inkl. MwSt.
Zugang erhalten

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Die wahre Botschaft von Chanukka

Die wahre Botschaft von Chanukka

Hinter dem Entzünden der Kerzen steckt ganz viel Geschichte

Hamburg bekommt eine neue Synagoge

Hamburg bekommt eine neue Synagoge

Die 1938 zerstörte Synagoge am Bornplatz soll mehr als 80 Jahre nach der Zerstörung wieder aufgebaut werden. Ein Interview mit dem Gemeindevorsitzenden Philipp Stricharz.

Gerettetes Scheit aus dem Feuer

Gerettetes Scheit aus dem Feuer

Scharfe Zurechtweisungen, spannende Prophezeiungen und das Geheimnis der Engel in der Übersicht von den Haftorot der Wochenabschnitte, die im Dezember gelesen werden.

Jüdisches Leben in Mainz

Jüdisches Leben in Mainz

Die Neue Synagoge hat dem Gemeindeleben in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt frischen Wind eingehaucht.

Nach 99 Jahren Dornröschenschlaf:

Nach 99 Jahren Dornröschenschlaf:

Neues jüdisches Leben für eine 1920 aufgegebene Landsynagoge in Mecklenburg-Vorpommern

Der bedeutungsvolle Wurm

Der bedeutungsvolle Wurm

Der „Tzaddik im Pelz“, die gefährliche Erziehung und die richtige Einstellung für den Synagogen-Besuch in der Übersicht der Haftarot zu den Wochenabschnitten, die im Monat November gelesen werden.

Schana towa umetuka!

Schana towa umetuka!

Der herbstliche Feiertagsmarathon beginnt

Die Tora – ohne Ende

Die Tora – ohne Ende

Tiefe Vergleiche, heilige Partnerschaft und existenzielle Fragen in der Übersicht der Wochenabschnitte der Tora des Monats Oktober

10 Jahre Neue Synagoge Mainz

10 Jahre Neue Synagoge Mainz

Das neue jüdische Gotteshaus der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ist eine architektonische Perle

Der König im Feld

Der König im Feld

Interessante Bräuche und inspirierende Ideen für eine bedeutungsvolle Vorbereitung zum jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana

Die Thora im Himmel lernen

Die Thora im Himmel lernen

Die Zufluchtsstädte in der Maschiach-Ära, der schwerste Krieg, idealer Feminismus und gut dosierte Freude in der Übersicht der Wochenabschnitte der Thora im Monat September

Der Messias war noch nicht da!

Der Messias war noch nicht da!

In Jesaja 53 wird von vielen Christen bis heute fälschlich Jesus als „Messias“ hineininterpretiert.

Werbung

Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden