Der Messias war noch nicht da!

In Jesaja 53 wird von vielen Christen bis heute fälschlich Jesus als „Messias“ hineininterpretiert.

Der Prophet Jesaja (Michelangelo)

Von Igor Itkin

Christen – und leider viele Juden – wachsen mit der Vorstellung auf, Jesaja 53 spreche über Jesus. Ist das wirklich so? Die Propheten Jesaja, Jermija, Hesekiel, Zecharia und Micha prophezeiten über die Tage der Endzeit und über den Messias. Der Messias wird die Juden aus dem Exil nach Erez Israel führen, alle Welt wird den Messias als solchen erkennen. Der Messias wird den Tempel aufbauen, auf der ganzen Welt wird die Gewalt aufhören und nur Frieden wird herrschen und alle Juden werden nach dem Gesetz der Torah leben. Diese Ereignisse münden in der Auferstehung der Toten. Das alles wird der Messias erreichen.

Da keines dieser Ereignisse eingetreten ist, wäre die logische Schlussfolgerung, dass der Messias noch nicht erschienen ist. Doch nicht so für das Christentum. Jesus kündigte sich als Messias an, seine Anhänger erwarteten die ersehnte Erlösung, doch sie kam nicht. Jesus starb und erfüllte keine messianische Prophezeiung. Das Christentum befand sich in einer Krise, man suchte nach Antworten, um seinen Tod zu rechtfertigen. Die Christen erwarteten, dass Jesus wiederkehren wird – und zwar noch zur Lebzeiten seiner Anhänger –, doch auch das trat nicht ein. Ab diesem Zeitpunkt begannen christliche Theologen Konzepte zu entwickeln, die dem Judentum völlig fremd sind. Hierzu gehören z.B. die Vergebung aller Sünden durch den Tod eines Menschen, und die Aufhebung der Torah und der Mizwot. Doch das ist nicht alles. Die Autoren des Neuen Testaments, von denen kein Einziger Jesus persönlich kannte, weil sie alle erst nach seinem Tod zur Welt kamen, wollten ihre neu geschaffene Theologie in die Torah hineinlesen, um das Neue Testament als „Wort Gottes“ zu vermarkten. Dabei war ihnen der Kontext der Texte bedeutungslos.

 

Jesus fälschlich in die Torah hineininterpretieren

So erfand man Prophezeiungen, die keine waren und setzte das Wort „Messias“ ein, wo es nicht stand. Hierbei spielte Jesaja 53 eine wesentliche Rolle. Der Text besteht aus 15 Versen. Es ist sozusagen die Lebensader des Christentums, weil es den Anschein hat, dass Jesus wirklich damit gemeint sei. Verse wie „unsere Krankheit hat er getragen und unsere Schmerzen als Last geduldet“ oder „hingemordet durch unsere Verbrechen, niedergedrückt durch unsere Sünden“ oder „er hatte doch die Versündigung der Gesamtheit getragen“, das alles hört sich nach Jesus an. Doch der Anschein trügt. Der Leser assoziiert diese Texte mit Jesus, weil er Jesus in diesen Versen finden will, er liest mit Erwartung und Vorurteil. Der Text ist sehr kryptisch, man kann alles Mögliche hereinlesen. Es ist nicht deutlich, wer die erzählende Stimme ist, nicht deutlich wer hinter den Personalpronomen „er“, „sie“ oder „wir“ steht. Zudem ist das Vokabular vieldeutig, zwei Menschen werden den Text nicht identisch übersetzten. Fast alle christlichen Übersetzungen sind voreingenommen und übersetzen absichtlich falsch. Auf meinem YouTube Kanal widme ich diesem Thema mehr als zwei Stunden Zeit, hier folgt nur das Wesentliche. Die folgenden Verse sind mit der traditionellen jüdischen Interpretation verwoben, wie sie von Rabbi Schimon Schwab gelehrt wurde:

 

52:13 – Gott spricht durch seinen Propheten Jesaja: Siehe, am Ende der Zeiten wird das jüdische Volk, Israel, mein Diener erfolgreich sein. Mein Diener Israel wird erhöht und emporgehoben werden, dass ungemein hoch, in Weisheit und Ehre dastehen wird.

14 — Die Völker haben dich herabgewürdigt als unmenschliches Monster. Sie sprachen mit Erstaunen, Hass und Vorurteil: So misslungen, gar nicht wie ein Mensch, ist des Juden Aussehen und seine Gestalt nicht wie die Anderer.

15 — Bald werden die Völker etwas erleben, das ihre Vorstellungskraft sprengen wird. Israel, tausend Jahre entmenschlicht und erniedrigt, wird von Gott erlöst und emporgehoben werden. Nationen und Könige werden aus Erstaunen ihren Mund verschließen.

53:1 – Am Ende der Zeiten werden die Völker sprechen: Schaut für wen Gott seine Macht offenbart hat. Gott liebt sein Volk Israel, welches wir, die Völker, für unmenschlich hielten. Wer hätte dies jemals gedacht!

2 – Weiter sprechen die Völker: Wir hätten nie gedacht, dass aus diesem Volk etwas Gutes werden wird, wir hielten es für verdorben. Es hatte keine Gestalt und keine Schönheit; und als wir es uns angesehen haben, diese Kleidung, diese Bärte, diese Hüte, da empfanden wir Ekel.

3 – Wir haben Israel verachtet, wir wollten uns mit ihm nicht befreunden, wir hielten die Juden für Menschen der Schmerzen und der Krankheit; wir konnten Israel nicht leiden.

4 – Wir haben Israel Schmerzen und Krankheiten verursacht, wir dachten die Juden seien von Gott gepeinigt, verlassen und dazu vorbestimmt, Schmerzen zu erleiden, weil sie an ihrer veralteten Religion festhielten.

5 — Aber dem ist nicht so, sondern wir sind an all dem schuld. Wir haben Israel hingemordet durch unsere Verbrechen, als wir sie der Brunnenvergiftung beschuldigten. Wir haben die Juden niedergedrückt, haben sie als Kindermörder verbrannt. Das sind unsere Sünden. Wir dachten, es werde uns Frieden bringen, wir dachten nach Gottes Plan gehandelt zu haben als wir die Juden verfolgten.

6 — Wie Schafe ohne Hirten irrten wir. Jegliches Volk fand seinen eignen Grund die Juden zu verfolgen. Christen und Muslime verfolgten die Juden, weil sie nicht übertreten wollten, Nationalisten beschuldigten die Juden, den Sozialisten anzugehören, Kapitalisten, den Kommunisten und umgekehrt. Dauernd wurden Juden beschuldigt, auf der falschen Seite zu stehen. Jetzt erkennen wir, der Ewige ließ unsere Willensfreiheit gewähren, er ließ Israel durch unsere Hände schlagen, wofür wir jetzt zur Rechenschaft gezogen werden.

7 – In Israels Exilgeschichte führten Juden keinen Aufstand gegen ihre Unterdrücker. Sie ergaben sich schweigend, machten ihren Mund während der Folter nicht auf, wie ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird, und wie ein stummes Schaf vor seinem Scherern, als sie ihres gesamten Besitzes beraubt wurden.

8 – Israel lebte schutzlos unter den Völkern, von Herrschaft und Recht waren sie ausgeschlossen. Kein Gericht verurteilte die Mörder. Israels schmerzvolle Geschichte, wer vermöchte die im Einzelnen zu erzählen? Für jeden Fehler, für jedes Verbrechen, welches irgendein zu uns gehörendes Volk sich zuschulden kommen ließ, musste die Judenheit büßen, ihr ward die Schuld an jedem unliebsamen Geschehnis aufgebürdet und sie hatte auf das Empfindlichste darunter zu leiden und zwar jeder einzelne Jude besonders.

9 – Juden wurden des Mordes oder anderer Gewaltverbrechen angeklagt, obwohl sie unschuldig waren. Dennoch wurden sie getötet und neben Kriminellen begraben, die wirkliche Gewalttaten begingen.

10 – Jetzt erkennen wir, als Gott sein Volk während des Exils durch unsere Hände schlug, war es sein Wille, dass Israel sich selbst die Schuld dafür gebe, um sich zu bessern und ihre Mission zu erfüllen. So konnte Israel überleben, sich vermehren und alle seine Unterdrücker überdauern. So soll Israel die Zeiten durchdauern und es soll Gottes Zweck durch ihre Hand gelingen.

11 – Jetzt spricht wieder Jesaja im Namen des Ewigen zu Israel: Israel hat alle Mühsal erfolgreich erduldet. Selbstvergessen, den Blick seiner Seele über das eigene Duldergeschick emporheben und sich sattsam befriedigt zu fühlen, wenn ein Fortschritt zum Gelingen seiner Sendung zu erkennen ist. Durch Israels Wort und Beispiel verbreitet es in der Menschheit die Erkenntnis und Huldigung Gottes, erstrebt nicht eigene Größe und Machtstellung, überlässt die Gestaltung seines Geschickes Gott und fühlt sich glücklich in dem absoluten Gehorsam gegen die Anforderungen des göttlichen Sittengesetzes seiner Torah, deren Herrschaft es sich kampflos mit eingehendster Liebe unterordnet.

12 – Israel, das so furchtbar schwer an dieser Versündigung der Menschen zu tragen hatte, Israel gewinnt den Gipfel der sittlichen Höhe, indem es dem Priester gleich, zu Gott für die Menschheit betet und seine Vergebung erfleht für alles, was sie an dem Volke des Exils verbrochen hatte.

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Der größte Trost

Der größte Trost

Die Stärke eines Tzaddiks, Geld von G’tt und der ewige Bund in der Übersicht der Haftarot, die zu den jeweiligen Wochenabschnitten im August gelesen werden

Die „Drei Wochen der Trauer”

Die „Drei Wochen der Trauer”

Im Monat Juli gedenken wir der Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels von Jerusalem.

Propheten zwischen Wut und Hoffnung

Propheten zwischen Wut und Hoffnung

Verborgene Rettungen, das Leben des Propheten, der Löwe mit den zwei Gesichtern und das versteckte Hemd in der Übersicht der Haftarot des Monats Juli.

Die gefundene Seele

Die gefundene Seele

Das Geheimnis der Erziehung und elterliche Pflichten in der Übersicht der Haftarot des Monats Juni

Schawuot: Von welchen „Wochen“ ist hier die Rede?

Schawuot: Von welchen „Wochen“ ist hier die Rede?

Die Hintergründe und der tiefere Sinn des jüdischen Wochenfestes

Elektrizität statt Kabbala

Elektrizität statt Kabbala

Die Auferstehung Israels, Fett für G’tt, falscher Glaube und kabbalistische Visionen in der Übersicht der Haftarot des Monats Mai

Nachmanides: Einer der größten Rabbiner aller Zeiten

Nachmanides: Einer der größten Rabbiner aller Zeiten

Der Todestag von Rabbi Moshe Ben Nachman, besser bekannt als Nachmanides, jährt sich in diesem April zum 750. Mal.

Ende gut – alles gut

Ende gut – alles gut

Der große Schabbat, eine symbolträchtige Pessach-Feier, die Auferstehung von den Toten und Einblicke in die Messianische Zeiten in der Übersicht der Haftarot des Monats April.

Tannaim: Weise Lehrer in katastrophaler Zeit

Tannaim: Weise Lehrer in katastrophaler Zeit

Eine Studienreise mit angehenden christlichen Akademikern zu den jüdischen Akademien von vor 2000 Jahren

Pessach in Zeiten von Corona

Pessach in Zeiten von Corona

Ironie des Lebens: Ausgerechnet wegen einer Plage fallen die meisten Pessach-Feiern in diesem Jahr aus. Doch aus Prüfungen ist das jüdische Volk schon oft gestärkt hervorgegangen.

Das verlorene Königreich

Das verlorene Königreich

Der große Fehler eines Königs, eine himmlische Reinigung, ein Check-Up für die Seele und gefährliche Illusionen in der Übersicht der Haftorot, die im Monat März gelesen werden.

Symbol für die Zukunft jüdischen Lebens in Berlin und Deutschland

Symbol für die Zukunft jüdischen Lebens in Berlin und Deutschland

Das Richtfest des Pears Jüdischer Campus (PJC) von Chabad Lubawitsch in Berlin-Wilmersdorf

Werbung

Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden