Die Zukunft der jüdischen Gemeinden

Beim Gemeindetag in Berlin wurde das Problem der schrumpfenden Gemeinden thematisiert.

Jüdisches Gemeindehaus in Berlin-Charlottenburg

Von Victor Sanovec

Der Zentralrat der Juden lud im Dezember 2019 zum Gemeindetag nach Berlin ein. Unter anderem fand dort auch eine Veranstaltung zum Thema Zukunft der jüdischen Gemeinden statt. Mit dem drastischen Titel „Der Letzte macht das Licht aus“ wurde das Problembewusstsein des Zentralrates der Juden aufgezeigt. Das Thema war richtig gewählt und stieß auf großes Interesse; die für die Diskussion vorgesehenen 90 Minuten reichten nicht aus, um alle Fragen zu beantworten.

Jetzt sind die Delegierten wieder zurück und die Gemeinden sind an der Reihe. Was ist zu tun, was wird sich in Zukunft ändern müssen? Können wir es uns leisten die notwendigen Änderungen auf die lange Bank zu schieben? Die Debatte in Berlin kommt weder plötzlich noch unerwartet, auch ist die Situation nicht neu. Der Schwund der Mitgliederzahlen wird die Verkleinerung der Gemeinden nach sich ziehen. Vielleicht auch die Zusammenlegung mehrerer, nicht mehr funktionsfähiger Gemeinden zu einer größeren Einheit. Oder wird sogar die Aufgabe von bestehenden kleinen Synagogen unumgänglich, die nicht mehr die notwendige Infrastruktur für Verwaltung und zunehmende Sicherheitsanforderungen darstellen können?

 

Synagogen auf dem Land

Das sind schwerwiegende Veränderungen und sie sollten rechtzeitig vor Ort, in den Gemeinden, diskutiert werden und dann entsprechende Vorschläge entworfen und behandelt werden. Die Probleme zentral zu lösen macht zunächst wenig Sinn, denn die Realität des jüdischen Lebens in Deutschland findet unter durchaus unterschiedlichen Bedingungen statt. Es ist grundsätzlich immer schmerzhaft, wenn Gemeinschaften schrumpfen, nur wirkt es sich überall anders aus. Das jüdische Leben in Berlin wird nicht wirklich gefährdet sein, wenn dort morgen 100 Juden mehr oder weniger leben. Eine Synagoge auf dem Lande hingegen kann schon durch den Wegzug nur einer einzigen Familie in ihrer Existenz bedroht sein.

Zusammen mit anderen war Chajm Gusky (www.sprachkasse.de) an der Diskussionsrunde in Berlin beteiligt. Er verfolgt schon seit langem aufmerksam die Entwicklung der Mitgliederzahlen in den Gemeinden. Im Internet sind genaue Zahlen zu seinen Untersuchungen zu finden. In meinem Aufsatz will ich an seine Beobachtungen anknüpfen. Und drei weiteren Aspekte aufzeichnen ohne die keine zukünftige Entwicklung möglich sein wird: Es sind Jugendarbeit, Sicherheit und Bezug zu Israel. Alle diese Bereiche sind nicht nur direkt voneinander abhängig, sondern sie wurden in vielen Gemeinden jahrelang vernachlässigt. Oft auch unbewusst, zugunsten der Bemühung um Integration der Kontingentflüchtlinge. Die Gemeinden haben in den 90er Jahren diese Aufgabe voll des guten Willens übernommen und sie prägt sie bis heute, und wird sie weiter auch in der Zukunft belasten. Leider erfüllten sich die Hoffnungen vieler Gemeinden nach einem Erstarken des jüdischen Lebens durch den Zuzug nicht ganz, weil die schon in Deutschland aufgewachsene Generation der Kontingentflüchtlinge kaum in den Gemeinden zu finden ist. Was sind die Gründe?

 

Zentralisierte Organisations-Hilfe?

Die Kinder und Enkel der ehemaligen Kontingentflüchtlinge sind oft gut ausgebildet und machen Karriere in der Mehrheitsgesellschaft. Warum aber bleiben die meisten den Gemeinden fern? Die Synagogen werden den Alten überlassen, die gerne insbesondere zu feierlichen Anlässen kommen. Damit sind aber nicht die jüdischen Feste alleine gemeint. Besucht werden gerne Folklore-Veranstaltungen. Ein Beispiel dafür ist der 9. Mai, der als Tag des Sieges gefeiert wird. Faktisch ist es eine Feier der stalinistischen Unterjochung großer Teile Europas. Die Vorliebe für diese Art der Folklore ist nicht ohne Folgen. Sie wird durch die weiterbestehende Sprachbarriere am Leben erhalten. Sowjetisch geprägte Verhältnisse finden sich bei den Wahlen der Vorstände. Die Ämter werden als Ehre, als Auszeichnung verstanden, die nicht nach Eignung oder Qualifikation vergeben werden. Schon ein Versuch einer Neuerung oder Änderung wird als Bedrohung der Funktionäre empfunden. Die bisherige Struktur der Gemeinden, als Vereine organisiert, stützt diese rückwärtsgerichtete Orientierung. Wäre es nicht an der Zeit verstärkt Geschäftsführer einzusetzen? Steuer- und Verwaltungsangestellte? Leute, die professionell mit den Behörden umgehen können? Sollte nicht der Zentralrat Beobachter zu den Wahlen in die Gemeinden schicken, die bei strittigen Punkten, wie geheimen Abstimmungen und Auszählungen der Stimmen eine neutrale, eine beratende Position einnehmen?

Die Zeiten haben sich geändert. Es muss sich entsprechend auch die Gesinnung in den Gemeinden ändern. Weg von der Versorgung durch die Gemeinde zur Sorge für die Gemeinschaft! Es muss über alles gesprochen werden können, mit dem Bewusstsein und dem Ziel, wir wollen gemeinsam als Juden überleben. Und dementsprechend müssen wir handeln.

Um das Überleben zu sichern, müssen die jüdischen Gemeinden deutlich jüdischer werden. Das ist die große Aufgabe für die nächsten zehn Jahre. In den Gemeinden sollen alle Juden ohne Rücksicht auf Herkunftsländer oder ihr Alter einen Platz und eine Aufgabe finden, die ihren Fähigkeiten und Interessen entsprechen.

 

Jugendarbeit

Die Gemeinden müssen eine absolute Priorität auf die Jugendarbeit legen. Das betrifft die Einrichtung von Kindergärten bis zu Wohnungen für Studenten und Cafés und Clubs für die Jugendlichen. Lasst in den Gemeinden die israelische Clubmusik dröhnen, keine Folkloretänze mehr. Unsere Bedrohung durch den Terror ist seit Halle nicht weit weg, sie ist gegenwärtig geworden. Können sich die Gemeinden auf die beruhigenden Zusagen der Politik verlassen oder sollten wir auch selbst Initiative zeigen?

Es gibt gute Beispiele für erfolgreiche Sicherheitsarbeit in den Gemeinden. Da sind z.B. Frankfurt/Main, Offenbach und Wiesbaden zu nennen. Es sind Gemeinden unterschiedlicher Größe, die alle drei unterschiedlich Beispielhaftes leisten. Alle drei haben Kontakte zu entsprechenden Behörden aufgebaut. Aber ihren eigenen Beitrag haben sie nicht vernachlässigt.

Eine Verbindung zu Israel aufzubauen und zu stärken muss eine Herzensangelegenheit für jeden Juden sein. Die Existenz des Staates Israel hat die Situation aller Juden in der Welt verändert. Wir alle profitieren davon. Lasst unsere Verbindung zu Israel deutlich werden. Wie das zu tun ist, das ist der Kreativität der einzelnen Menschen in den Gemeinden überlassen. Ob im Bereich der Kultur, des Kultus oder aus Interesse an Historie oder Natur – alles ist möglich und bereichend. Wir dürfen nicht vergessen, dass jede Krise, jede Änderung auch unvorhergesehene Möglichkeiten birgt. Lasst uns das Leben annehmen: Am Jisrael Chai!

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