Das Theaterstück des jüdischen Dramatikers Arthur Miller tourt in neuer Bearbeitung durch Deutschland 

Mai 10, 2019 – 5 Iyyar 5779
„Zwischenfall in Vichy“ 

Von Jeanette Krymalowski

Zu den Jüdischen Kulturtagen Rhein-Ruhr 2019, die vom 28. März bis zum 14. April 2019 stattfanden, ist das Theaterstück „Zwischenfall in Vichy“ von Arthur Miller realisiert worden. Die Premiere fand am 31. März im Saal der Kölner Synagogen-Gemeinde statt – dann ging es weiter u.a. nach Essen, Wuppertal, Dortmund und Düsseldorf.

Geschrieben hat Miller das Stück im Jahre 1964 nach einer Recherche beim Auschwitzprozess in Frankfurt. Es behandelt das Problem der mittelbaren Schuld und thematisiert die unbewusste Teilhabe jedes Einzelnen am unaufhörlichen Unrecht dieser Welt. Es spielt im September 1942 auf einer Polizeiwache in Vichy am Sitz der mit den deutschen Besatzern kollaborierenden französischen Regierung Petain.

Verschiedene Menschen, zum größten Teil jüdischer Herkunft, sind mit falschen Papieren in diesen unbesetzten Teil Frankreichs geflüchtet. Die Zuschauer erleben diese Personen, während sie darauf warten, dass sie einzeln zu einem Verhör gerufen werden, bei dem auch ein Professor für Rassenkunde anwesend ist. Ihre wahre Identität soll damit herausgefunden werden, und ihr Schicksal wird sich gleich danach entscheiden.

Jeder dieser Flüchtlinge reagiert anders auf die lebensbedrohliche Gefahr. Auf Nachrichten, die besagen, dass jüdische Menschen in Öfen verbrannt werden, sagt einer, dass diese Nachricht völlig unglaubhaft und unvorstellbar sei. In ihren Aussagen und Dialogen versuchen die Flüchtlinge ihre willkürliche Festnahme zu begreifen und zu analysieren; dabei zeigen sich verschiedene, individuelle, politische und gesellschaftliche Haltungen und Denkmuster. Wir sind mittendrin – was nun, was jetzt?

Die Dialoge nehmen die Zuschauer mit – konfrontieren sie mit Wahrheiten, regen an zur Auseinandersetzung mit dem Thema, wie es zur Katastrophe kam, richten sich gegen Gleichgültigkeit und sind für das Hinterfragen, appellieren an die ethische Verantwortung jedes einzelnen Menschen.

Am Schluss geschieht etwas, womit keiner rechnet: Der österreichische, nicht-jüdische Aristokrat von Berg, der sich ebenfalls unter den Flüchtlingen befindet, rettet den Familienvater und Psychiater Leduc unter Aufgabe seines eigenen Lebens, indem er seinen lebensrettenden Passierschein Leduc überlässt und selber in der Polizeistation verbleibt – ein erleuchtender Moment, der zeigt, dass der Mensch in Eigenverantwortung mutig handeln kann. Es gab diese Menschen, aber sie waren Ausnahmen.

Die Schauspieler lassen Millers Werk überzeugend präsent werden. Bühnenausstattung und Hintergrundgeräusche setzen Effekte genau da, wo sie hingehören.

Die Regisseurin und Schauspielerin Britta Shulamit Jakobi hat hiermit zum zweiten Mal Arthur Miller auf die Theaterbühne gebracht. Sie gründete 2014 „rimon productions“ und realisiert Theaterinszenierungen, Lesungen und Hörspiele. Das Debut erfolgte mit den Produktionen „Scherben“ von Arthur Miller als Theaterstück und „Paul Celan – Atemwende und Herzzeit Briefe. Ein Dialog durch die Zeit.“ als konzertante Lesung zu den Jüdischen Kulturtagen im Rheinland 2015.

Beide Produktionen wurden in 2016 und 2017 weiterhin zu Festivals in verschiedenen Theatern und zu Gedenktagen im jüdischen Kontext als Gastspiele bundesweit aufgeführt. Sie setzt ihren inhaltlichen Fokus auf jüdische Themen in Politik und Gesellschaft, verbunden mit der Zielsetzung, Vorurteile und Einseitigkeit im Denken, Berichterstatten und Handeln gegenüber der jüdischen Gemeinschaft aufzuzeigen.

„Die Auswahl der Stoffe von jüdischen Autoren bis hin zur allgemeinen, gesellschaftlichen Auseinandersetzung zeitgenössischer Autoren mit dem Thema hat unsere Arbeit bisher bestimmt,“ so Britta Shulamit Jakobi.

Daher fiel es ihr auch nicht schwer sich ein zweites Mal für den amerikanischen Schriftsteller Arthur Miller zu entscheiden, der als wichtiger, gesellschaftskritischer Dramatiker der neueren Zeit gilt. Er wurde 1915 als Sohn des jüdischen Textilfabrikanten Isadore Miller und dessen Ehefrau Augusta im New Yorker Stadtteil Harlem geboren. Die Familie siedelte nach der Insolvenz des Familienunternehmens während der Weltwirtschaftskrise 1929 nach Brooklyn über. Schon als Student hatte er mehrere Theaterstücke geschrieben und erhielt mit nur 33 Jahren 1949 den berühmten Pulitzerpreis für sein Drama „Tod eines Handlungsreisenden“ und u.a. 2003 den Jerusalempreis für die „Freiheit des Individuums in der Gesellschaft“.

Millers „Zwischenfall in Vichy“ spricht uns an und fordert uns heraus. Das Thema zur Sprache bringen – nicht schweigen will auch die Regisseurin des Theaterstücks und bietet nach jeder Aufführung ein Publikumsgespräch an. Jeder kann Fragen stellen, ins Gespräch kommen, seine Stimme einbringen und seine Meinung sagen.

Neben dem geschichtlichen Hintergrund ist das eine der Botschaften, die am Premierenabend wohl die meisten Zuschauer erreicht hat, was an den vielen, begeisterten Wortmeldungen zum Ausdruck kam.

Auch in Berlin und Leipzig wird dieses Jahr gespielt, weitere Informationen unter:

www.rimon-productions.de