Ein Jahr voller Wunder in den Wochenabschnitten, die im Januar gelesen werden.  

Januar 11, 2019 – 5 Shevat 5779
Von Sklaven-Baracken zum einmaligen Gipfel

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Im den Wochenabschnitten der Thora, die im Januar gelesen werden, nimmt die Erzählung über den Exodus ihren Lauf und wir bekommen damit das Gänsehaut-Gefühl des Pessach-Festes.
Es ist kaum zu glauben, aber die ergreifenden Ereignisse der Parschijot „Vaera“, „Bo“, „Beschalach“ und „Itro“ mit den berühmten Zehn Plagen, dem Auszug aus Ägypten, der Spaltung des Schilfmeeres, dem Krieg mit Amalek und dem Empfang der Thora auf dem Berg Sinaj spielen sich innerhalb nur eines Jahres ab!
Versuchen wir aus dieser intensiven Handlung die spannenden Höhepunkte herauszupicken.

Die Dankbarkeit von Mosche
Im Wochenabschnitt „Vaera“ („Und er erschien“) lesen wir über die ersten sieben von zehn Plagen, mit denen G’tt Ägypten bestraft hat und den Auszug ermöglichte. Es fällt jedoch auf, dass auch wenn generell Mosche derjenige war, der für die Rettung der Juden verantwortlich war und mit Pharao kommuniziert hat, die ersten drei Plagen nicht er, sondern sein Bruder Aharon „umgesetzt“ hat! Und das war auch nicht die Eigeninitiative von Mosche, sondern ein Befehl von G’tt. Doch woran liegt das?
Unsere Weisen geben uns hier einen tiefen und lehrreichen Einblick: die ersten zwei Plagen hatten mit Nilus zu tun, die dritte Plage mit der ägyptischen Erde. Mosche konnte diesen beiden Substanzen nichts antun, weil er ihnen verpflichtet war, wie es der große Kommentator Raschi (Rabbi Schlomo ben Jizchak, 1040-1105) schön auf den Punkt bringt: „Weil der Fluss Mosche geschützt hatte, als er in denselben geworfen worden war, darum wurde er nicht von ihm geschlagen, weder beim Blut noch bei den Fröschen, und wurde von Aharon geschlagen“. Eine ähnliche Erklärung finden wir bei der dritten Plage mit dem Staub: „Der Staub verdiente nicht durch Mosche geschlagen zu werden, weil er ihn geschützt hatte, als Mosche den Mizri (den Ägypter) erschlagen hatte und ihn im Sande verbarg; darum wurde er (Staub) durch Aharon geschlagen“.

Diese Geschichte zeigt uns, wie groß die Dankbarkeit sein soll: wenn Mosche dem Fluss und dem Staub für ihre „Hilfe“ so dankbar sein sollte, dass er sie nicht berühren durfte, um wie viel mehr sollen wir unseren Eltern, Nächsten und Freunden Dankbarkeit erweisen, die uns oft selbstlos helfen und unterstützen?

Realitätsverlust
Die Zehn Plagen, die Ägypten erschüttert haben, hatten mehrere Zwecke: sowohl die Bestrafung der Mizrim für die grausame Unterdrückung der Juden, als auch ein anschaulicher Unterricht für die Ägypter und Juden, dass G’tt allmächtig ist und die ganze Natur in dieser Welt unter Seiner absoluten Kontrolle steht. Die Zauberer von Pharao – und zwar sehr gute – versuchten zuerst die Plagen nachzumachen, um zu beweisen, dass sie nicht von G’tt kommen, sondern ein Werk Mosches sind.
Bei den ersten zwei Plagen (Blut und Frösche) klappte das noch, doch sind die Zauberer schon bei der dritten Plage machtlos und müssen zugeben: „Da sprachen die Zauberer zu Pharao: Das ist G‘ttes Finger!“

Jedoch hindern Stolz und Arroganz den Pharao die Realität anzuerkennen. Nach dem Motto „wir überstehen das“ weigert er sich die Juden ziehen zu lassen und die schweren Schläge prasselten weiter auf Ägypten ein. Doch reichen seine Kräfte nur für die ersten fünf Plagen, danach, als die Zerstörung des Landes schon weit fortgeschritten ist, würde sogar er aufgeben. Jedoch lässt das G’tt nicht mehr zu, „verhärtet das Herz“ von Pharao und vervollständigt die Plagen.
Stellt sich die Frage, wenn G’tt selbst das Herz von Pharao „verhärtet“ hat und ihm quasi den freien Willen entzogen hat, was konnte Pharao und besonders sein Volk dafür? Darauf gibt es so viele Antworten unseren Weisen, die für ein Buch reichen würden. Jedoch liegt hier ein wichtiges Prinzip zu Grunde, das man unbedingt kennen sollte. Unsere Weisen formulieren es im Traktat „Makot“ folgendermaßen: „Den Weg, den ein Mensch gehen will, führt man ihn“. Das bedeutet, dass wenn man etwas Gutes unbedingt erreichen möchte, wird G’tt dabei helfen, wenn man jedoch unbedingt etwas gegen G’ttes Willen machen will, will G’tt den Betreffenden auch daran nicht hindern und sogar beim Versuch umzukehren (was schwer genug ist) nicht unterstützen.
Deshalb ist es wichtig die Realität und G’ttes Willen richtig zu erkennen und entsprechend zu handeln. Das Schicksal von Pharao und seinem Land zeigt deutlich, wozu Arroganz und falsche Prioritäten führen können.

G’ttesdienst nur mit Kindern!
Im Wochenabschnitt „Bo“ („Komm“) geht das Leiden Ägyptens durch die Plagen ununterbrochen weiter. Nachdem Mosche die achte Plage (Heuschnecken) ankündigt, verlieren die Leute des Pharao die Nerven: „Da sprachen die Knechte des Pharao zu ihm: Wie lange soll uns dieser zum Fallstrick sein? Lass die Leute gehen, dass sie dem HERRN, ihrem G‘tt, dienen; merkst du noch nicht, dass Ägypten zugrunde geht?“. Der Pharao ruft Mosche und Aharon zurück und ist bereit die Juden in die Wüste für den geforderten G’ttesdienst ziehen zu lassen. Jedoch möchte er wissen, wer eigentlich gehen würde. Darauf antwortet Mosche: „Wir wollen mit unseren Jungen und Alten, mit unseren Söhnen und Töchtern, mit unseren Schafen und Rindern gehen; denn wir haben ein Fest des HERRN.“ Doch dazu ist Pharao nicht bereit: „Er sprach zu ihnen: Der HERR sei ebenso mit euch, wie ich euch samt euren Kindern ziehen lasse! Nicht also, sondern ihr Erwachsenen geht hin und dienet dem HERRN; denn das habt ihr auch begehrt!“. Die einfache Bedeutung dieses Verses ist, dass Pharao die Kinder als „Geiseln“ in Ägypten lassen möchte, damit die Juden nicht weglaufen und nach dem G’ttesdienst nach Ägypten zurückkehren.

Jedoch erkennen unsere Weisen darin eine viel tiefere Bedeutung: Pharao wünscht sich, dass die Kinder, die neue Generation der Juden, nicht religiös gemacht werden sollen. „Wollt ihr, Mosche und Aharon, beten und den Talmud lernen? Nimmt eure Greisen mit und geht! Lasst jedoch die Kinder ohne eure Religion, ich mache aus ihnen ‚moderne‘ und ‚aufgeklärte‘ Menschen.“ Das ist jedoch nicht das, was G’tt will – und Mosche ist hier kompromisslos: „Auch Kinder gehören dazu!“ Das geistige Wachstum unserer Kinder ist uns genauso wichtig, wie das religiöse Leben der Erwachsenen. Nur wenn unsere Kinder von klein an nach unserer Tradition erzogen sind, werden sie Juden bleiben und nicht durch Assimilation aus dem Volk verschwinden.

Und gerade in unseren Zeiten ist jüdische traditionelle Erziehung „Chinuch“ unglaublich wichtig. Und wer weiß, ob die heutige Plage, das Mobbing jüdischer Kinder in deutschen Schulen, nicht ein klares Zeichen vom Himmel ist, dass die jüdischen Kinder eine gute jüdische Erziehung in jüdischen traditionellen Schulen brauchen? Wie viele jüdische Kinder würden dann von „netten Begleiterscheinungen“ der heutigen Schulen wie Gewalt, Drogen usw. gerettet werden? (…)

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