Die Wochenabschnitte der Thora, die im März in den Synagogen der Welt gelesen werden. 

März 8, 2019 – 1 Adar II 5779
Heiliges Blut

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Im Monat März, wenn es gleich fünf Schabbosim zu feiern gibt, werden die zwei letzten Wochenabschnitte des 2. Buches Moses (Sefer Schemot) vorgelesen und danach mit den ersten Parschijot des Sefer Vajikra begonnen.

Während die Wochenabschnitte „Vajakhel“ („Und er versammelte“), „Pekudej“ („Die Zählungen“), „Vajikra“ („Und er rief“) und „Tzav“ („Gebiete“) nicht einfach zu lesen sind und auch keine spannenden Geschichten beinhalten, hat der letzte Wochenabschnitt des Monats „Schemini“ („Achter“) viel Dramatik in sich.

Wenn man jedoch auch die „nicht bequemen“ Parschijot aufmerksam liest und versucht sich von vielen oft wiederholenden Details zu abstrahieren, kann man sehr interessante Ideen entdecken und davon inspiriert werden.

Mensch, ärgere dich nicht!“

Am Anfang des Wochenabschnittes „Wajakhel“ – bevor die Thora mit der Erzählung vom Bau des Mischkans (des mobilen Heiligtums) fortfährt – wird noch einmal auf die Wichtigkeit des Ruhetages „Schabbat“ aufmerksam gemacht.

Bekanntlich sind am Schabbat 39 Melachot (kreative Tätigkeiten) verboten. Komischerweise hebt die Thora hier eine von diesen Tätigkeiten besonders hervor (35:3): „Am Schabbattag sollt ihr in allen euren Wohnungen kein Feuer anzünden“. Warum aber wird extra das Zünden des Feuers erwähnt? Es gibt vielerlei Erklärungen unserer Weisen dazu. Zum Beispiel, dass die Schabbes-Kerzen rechtzeitig noch vor Schabbateingang gezündet werden sollen und nicht dann, wenn der Schabbat schon angefangen hat. Auch die Havdala (die Trennung zwischen Schabbat und Werktagen) soll erst nach Schabbat-Ausgang erfolgen.

Eine weitere inspirierende Erklärung besteht darin, dass die Thora uns hier vorm Zorn warnt. Bekanntlich wird ein Wutausbruch mit dem Entflammen verglichen. Unsere Weisen haben mehrmals über die zerstörenden Folgen des Zorns gesprochen. Im Talmud wird der Mensch, der sich maßlos ärgert, mit einem Götzendiener verglichen: hätte dieser Mensch tatsächlich an G’tt geglaubt, wäre er sich auch sicher, dass alles – auch Probleme, Enttäuschungen und Rückschläge – vom Himmel kommen und es nicht die anderen Menschen sind, die ihm das angetan haben. Wenn man die Welt so betrachtet, dann hat man auch keinen Grund sich über andere zu ärgern, sondern man sollte besser über eigene Fehler nachdenken und sie korrigieren.

Und gerade am Schabbat, wenn Ruhe, Freude und gute Laune herrschen sollen, macht der Zorn dies alles zunichte.

Die Größe von Mosche

Auch der Anfang des Wochenabschnittes „Pekudej“ scheint nicht sehr aufregend zu sein, wenn alles aufgezählt wird, was wir aus den vergangenen Parschijot schon wissen.

Wenn man jedoch den Punkt in der Erzählung erreicht, wenn der Mischkan fertiggestellt werden soll, so lohnt es sich genauer hinzuschauen. Die Thora erzählt, dass als die Handwerker ihre Arbeit beendet haben, sie fertige Bauteile des Heiligtums zu Mosche gebracht haben: „Und sie brachten das Stiftzelt zu Mosche, die Hütte und alle ihre Geräte, ihre Haften, Bretter, Riegel, Säulen, Füße…“.

Auf den ersten Blick ist es eigentlich nichts Besonderes, jedoch der Kommentar, den Raschi auf diesen Vers bringt, hat es in sich: „Denn sie konnten sie nicht selbst aufrichten; und weil Mosche keine Arbeit an der Wohnung selbst verrichtet hatte, ließ der Heilige, gelobt sei Er, für ihn die Aufrichtung derselben; denn durch die Schwere der Balken konnte kein Mensch sie aufrichten, weil keiner die Kraft besaß, diese aufzustellen, und Mosche stellte sie auf; da sagte Mosche vor dem Heiligen, gelobt sei Er, wie vermag sie ein Mensch aufzurichten? Und Er sprach, beschäftige du dich mit mit deiner Hand; es sah aus, als richte er sie auf, sie richtete sich aber selbst auf und stand von selbst; das ist, was steht (40, 17), „wurde das Stiftzelt aufgerichtet“ - von selbst aufgerichtet (Midrasch von R. Tanchuma).“

Eigentlich sollte der Kommentar eine schwer zu verstehender Stelle erklären, hier aber scheint es umgekehrt zu sein, denn der 7. Lubawitscher Rebbe (Rabbi Menachem Mendl Schneerson, 1902-1994) stellt mehrere Fragen zu dieser Erklärung von Raschi.

Erstens, sagt der Rebbe, wenn alle Handwerker den Mischkan nicht zusammen aufstellen konnten, warum sollte ihrer Meinung nach Mosche das alleine(!) tun können? Andererseits – wenn sie die Balken zu Mosche bringen können, warum konnten die Handwerker diese Balken nicht einfach selbst aufrichten? Warum haben außerdem die Handwerker diese Einzelteile überhaupt zu Mosche gebracht – Mosche hätte doch selbst zu ihnen kommen können?

Es kann sein, so vermutet der Rebbe, dass der Grund für die Logik der Handwerker darin lag, dass alle Anweisungen für den Bau des Stiftzeltes im Singular gegeben sind. Deshalb nahmen sie an, dass der Mischkan von nur einem Menschen aufgestellt werden soll. Jedoch war von ihnen keiner in der Lage es alleine zu machen. Warum sollte dann Mosche das können? Das mag wohl daran liegen, dass Mosche an der Sünde mit dem Goldenen Kalb nicht beteiligt war.

Jedoch war auch Mosche nicht fähig den Mischkan alleine aufzustellen und war auf die Unterstützung von G’tt angewiesen. Dadurch war er aber an dem großen Projekt beteiligt, was Mosche durchaus verdient hat.

Interessanterweise lässt sich aus dieser Begebenheit eine merkwürdige Aussage im Talmud erklären. Im Traktat Nedarim steht, dass Mosche 10 Amot (ca. 5 Meter) groß war. Rabbi Jakow Jekl Solnik (Krakow, 1642) bemerkt dazu, dass man diese Information wohl nicht wortwörtlich verstehen soll. Wäre Mosche tatsächlich so groß gewesen, hätte er auch ohne das Wunder das Stiftzelt aufrichten können.

Der Rebbe sagt dazu, dass es einen weiteren Beweis für diese These gibt: im Wochenabschnitt „Schemot“ lesen wir, dass als Mosche die Töchter von Itro beim Brunnen gegen die Übergriffe der Hirten verteidigt hat, ihn diese Frauen vor ihrem Vater als „Ägypter“ bezeichnet haben. Wäre Mosche tatsächlich über 5 Meter hoch, hätten sie ihn wohl als einen Riesen vorgestellt.

Deshalb sagt der Rebbe, wenn der Talmud die Größe von Mosche als so hoch angibt, ist wohl seine spirituelle Größe gemeint, was ziemlich leicht nachzuvollziehen ist.

Erhebung der Tiere

Das 3. Buch Moses „Wajikra“, das auch „Torat Kohanim“ (Buch der Priester) genannt wird, hat viel mit Tempeldienst, Opferungen und Gesetzen der ritualen Reinheit zu tun. Auch wenn andere Themen in späteren Wochenabschnitten vorhanden sind, wie zum Beispiel die Regelung der zwischenmenschlichen Beziehungen, so bilden die Gesetze, die sich vor allem an die Priester richten, den Großteil des Buches.

Jedoch machen nicht diese komplizierten und ungewöhnlichen Gesetze das Lesen für zeitgenössische Betrachter schwer, sondern die Tatsache, dass die Tiere für abstrakte und aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbare Ziele geschlachtet und auf dem Altar verbrannt werden.

Würde man eine Umfrage auf den Straßen machen, würde man nicht viele Befürworter der Wiedereinführung des Tempeldienstes und der Opfergaben finden.

Wenn man jedoch kabbalistische Kommentare unserer Weisen liest, gewinnt man eine völlig neue Perspektive auf diese Welt. (…)

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