Zum 20. Todestag von Yehudi Menuhin 

März 8, 2019 – 1 Adar II 5779
Genie, Virtuose, Weltbürger

Von Gennadiy Yewgrafow

Das Leben des genialen Geigers Yehudi Menuhin ist nicht zufällig nach den Gesetzen eines Musikstücks verlaufen – eines Musikstücks mit der kunstvoll gestalteten Partitur. Die Ouvertüre eilt nicht; nach einem Andante verleiht Allegro dem ganzen Werk den Schwung, um in einem kraftvollen, stürmischen, tragischen Finale zu enden.

Agitato: Bewegt, unruhig, erregt

Der Erste Weltkrieg begann im Juli 1914, in Russland von jüdischen Pogromen begleitet. Man suchte nach den Schuldigen – und fand ihn für gewöhnlich in Gestalt der Juden. Die Beschuldigungen gingen von einem Staatsverrat bis hin zu ritualem Verwenden des christlichen Bluts – ein absurdes Theater, das allerdings zu einem Pogrom im Mai 1916 in Krasnojarsk ausartete; im September 1917 ging eine Pogromwelle über drei große Provinzen: Kievskaya, Podolskaya und Wolynskaya. Viele der verbliebenen Juden nahmen ihr kärgliches Hab und Gut und gingen ins Gelobte Land. Unter ihnen waren – auf der Flucht vom Alptraum Russlands – Moshe Menuhin aus Gomel und Marutha Scher aus Jalta. Ihre Wege kreuzten sich in Palästina, sie verliebten sich und gingen dann nach Amerika, um ein gemeinsames Leben aufzubauen.

In New York feierten sie eine bescheidene Hochzeit – es gab Chuppa (Trauungszeremonie, nach dem gleichnamigen Traubaldachin bei der jüdischen Hochzeitsfeier, - Anm. d. Übers.), Kiddushin (Antrauung, Anheiligung: Der Bräutigam steckt der Braut einen Ring an den Zeigefinger der rechten Hand mit den Worten: „Mit diesem Ring seist du mir angeheiligt, entsprechend dem Gesetz von Moses und Israel“, - Anm. d. Übers.), die Angetrauten unterschrieben die Ketubba (jüdischen Ehevertrag, - Anm. d. Übers.); die Sheva Brachot (Sieben Segnungen, werden über einem Becher Wein ausgesprochen, - Anm. d. Übers.) waren schnell vorüber, und man musste sich schnell nach einer Bleibe und Arbeit umsehen. Mit der Arbeit hatte das junge Paar Glück:

Sie unterrichtete recht bald Hebräisch, er fing an in einem Cheder (traditionelle jüdische Schule, - Anm. d. Übers.) Kinder zu lehren. Eine Wohnung zu finden, entpuppte sich jedoch als ein schwieriges Unterfangen. An einem regnerischen Tag, nach dem langen Umherirren auf den nassen Pflasterstraßen, sahen Moshe Menuhin und seine damals schon schwangere Frau irgendwo in Manhattan ein Zettelchen an der Tür: „Wohnung zu vermieten“. Sie klopften vorsichtig an, die Hausherrin öffnete, und ohne ihre Besucher in der Dämmerung sehen zu können verkündete sie lauthals: „Sie können sich freuen: In diesem Hause gibt es keine Juden, an sie vermiete ich nämlich nicht!“ Die Kränkung kam wie ein Schlag ins Gesicht; die Beiden drehten sich um und gingen. Irgendwann wurde eine Wohnung gefunden; und als das Kind des Paares bald darauf die Welt erblickte, gab man ihm den Namen „Yehudi“, was „Jude“ bedeutet. Das war die Antwort an die New Yorker Vermieterin – und an die ganze Welt.

Ad libitum: Das Tempo wird dem Interpreten überlassen

Das Kind zeigte seine musikalische Begabung recht früh. Womöglich half ihm ein Geschenk der Tante dabei: Mit fünf bekam er zum Geburtstag eine einfache Geige, wie es sie in jedem kleinen Laden für Musikinstrumente einer Großstadt zu kaufen gab. Noch früher, als Zweijährigen, nahm ihn Marutha, welche selbst eine hervorragende Pianistin war, mit zu den symphonischen Konzerten. So lebte Yehudi seit frühester Kindheit in der Musikwelt.

Mit dem Geschenk der Tante zurechtzukommen war zunächst nicht einfach: Das Kind kam mit verkürzten Armen zur Welt; der Bogen lebte sein eigenes Leben, die Geige hörte nicht auf ihn, mal lachte sie ihn aus, mal beweinte sie ihn, der so leidenschaftlich dafür kämpfte, sein Handicap zu besiegen. Aber eines Tages stimmte alles: Die Harmonie war da, die Welt war voller Blüte. Was brauchte ein jüdisches Kerlchen noch, um glücklich zu sein?

Nach einiger Zeit betrat er zum ersten Mal die Bühne: Sein erstes Solo-Konzert mit dem San Francisco-Symphonieorchester gab Yehudi Menuhin mit sieben Jahren.

Im Konzertsaal war der berühmte Mäzen Sidney Ehrman anwesend, der bald darauf den Menuhins einen Besuch abstattete und etwas anbot, was nicht abgelehnt werden durfte. Ehrman erklärte, kein professioneller Musiker, sondern bloß ein bescheidener Millionär zu sein, der aber spüre, dass aus dem Jungen etwas werden könnte. Allerdings nur auf europäischem Boden! Es gilt also nach Paris zu fahren, denn nur in Paris sei es möglich, die richtige musikalische Ausbildung zu erlangen. Der Gast fügte hinzu, er würde auch das Finanzielle erledigen – alles, was die Ausbildungs-, aber auch Lebenskosten der Familie in Frankreich betrifft. Zum Schluss des Gesprächs meinte Ehrman zu den Eltern: Das Schicksal ihres Sohnes liege in ihren Händen, er, Ehrman, könne eben nur die Chance dazu anbieten.

Attacca – Lehrmeister Enescu

Ehrman gab die Chance – Yehudis Eltern nahmen sie an. Im Herbst 1926 überquerte die Familie den Ozean. Paris begrüßte sie mit glühender Sonne, bittersüßem Duft gebratener Kastanien und einer bunten Menschenmenge, die eilte, um ihre dringenden Angelegenheiten zu erledigen.

Dort kam es zum Treffen mit dem Lehrer, den Menuhin sein ganzes Leben lang anbetete. Einer der größten Komponisten seiner Zeit, der Violinist, Dirigent und Pädagoge George Enescu nahm sich seiner an und begann mit dem Unterrichten des jungen Talents.

Erste professionelle Fertigkeiten brachten ihm in Amerika Sigmund Ancer und Louis Persinger bei; dort wäre er wahrscheinlich ein talentierter Musiker geblieben – einer von vielen. Der Einzige, ein Meister, ein Musiker im besten Sinne, ein Mensch, welcher aus dem Chaos der Töne eine Harmonie erschaffen und sie in diese disharmonische Welt tragen kann – zu diesem Einzigen machte ihn erst Enescu.

Sein Lehrer wollte keine Kopie seiner selbst aus ihm machen, das war nicht sein Ziel. Er verstand sofort, welch ein Juwel er in seine Hände bekam. Als hervorragender Pädagoge wusste er: Damit dieses Schmuckstück in seiner ganzen Pracht glänzen kann, bedarf es nur eines Feinschliffes, und er tat alles, um seinem Lehrling das Nötige beizubringen.

Enescu starb in Paris nach dem Krieg. Seine antiken Violinen vermachte er Yehudi. Seitdem spielte Menuhin auf den Instrumenten des Guarneri del Gesù, erbaut von dem großen Italiener in Jahren 1739 und 1742. Nach dem Tod seines Mentors wird Menuhin sagen:

Enescu wird für mich ewiglich das Maß aller Dinge bleiben, mit dem ich alle anderen vergleiche. Selbst wenn wir die schwer fassbaren Attribute, die wir, wenn auch ungenau, mit dem Wort ‚Präsenz‘ bezeichnen, und den Schleier des Geheimnisses, das meine Ehrfurcht vor ihm verstärkt, vernachlässigen, bleibt seine Perfektion als Musiker auch in diesem Fall eine Phänomenale.“

Nach dem ersten Lehrjahr beim Meister fuhr Yehudi nach Amerika, um in einem der begehrtesten Konzerthäusern New Yorks zu spielen – in der Carnegie Hall. Schriftsteller und Musikkritiker Winthrop Sargent, Zeuge dieses Auftritts, beschrieb es wie folgt:

1927 ging der elfjährige Yehudi Menuhin, ein wohlgenährter, unfassbar selbstsicherer Knabe in kurzen Hosen, Socken und Hemd mit offenem Kragen auf die Bühne der Carnegie Hall, stand vor dem New Yorker Symphonieorchester und spielte Beethovens Violinkonzert mit der Vollständigkeit, für die es keine vernünftige Erklärung hätte geben können. Orchestermusiker weinten voller Bewunderung, und die Kritiker konnten ihre Fassungslosigkeit nicht verbergen.“

Halleluja: Ein Star in Berlin und zerborstene Fenster in Neapel

Der Ruhm blieb dem jungen Musiker auf den Fersen und ereilte ihn in Berlin: 45 Minuten Standing Ovation nach dem „Konzert der drei B“ (am 12. April 1929; Albert Einstein soll nach dem Konzert gerufen haben: „Nun weiß ich, dass es einen Gott im Himmel gibt.“, - Anm. d. Übers.) – an einem Abend! – dreier Violinkonzerte, von Bach, Beethoven und Brahms, mit Berliner Philharmonikern unter der Leitung des herausragenden Dirigenten Bruno Walter. Währenddessen hielt draußen die Polizei mit aller Kraft die Menschenmenge zurück, die versuchte, in den Saal einzubrechen, um ihr Idol zu begrüßen.

Nach diesem Auftritt in Berlin lud man Menuhin nach Dresden ein. Der berühmte Fritz Busch, Generalmusikdirektor der glorreichen Semperoper, sagte eine früher geplante Aufführung ab und dirigierte am 17. April 1929 das Konzert des Wunderkindes. Nach dem triumphalen Konzert auf der Dresdner Bühne trat Menuhin in Neapel auf, im traditionsreichen Teatro Augusteo. Diejenigen, die keine Karten mehr ergattern konnten, zerschlugen dutzend riesiger Fenster und versuchten so in den Konzertsaal zu gelangen.

1931 gewann Menuhin bei dem vom Pariser Konservatorium veranstalteten Wettbewerb den ersten Preis. Seither blieb die launenhafte, unstete Glorie ihm für sein ganzes Leben treu.

Noch fünf Jahre danach reiste er um die Welt und gab Konzerte, dann verordnete er sich selbst eine Pause und zog sich nach Kalifornien zurück. Es war an der Zeit, seine Kunst zu erkunden: „Selbst das Risiko, auf alle zukünftigen goldenen Eier verzichten zu müssen, war es mir wert zu erforschen wie die Gans sie legte.“ Um neue Erkenntnisse zu erlangen, brauchte er fast zwei Jahre. 1938 begriff Menuhin, dass er nahezu alles über sich selbst weiß und begann erneut Konzerte zu spielen. Er gab sie auch in der Zeit des Zweiten Weltkrieges; es schien, dass seine Energie eine neue Intensität gewann.

Er spielte vor befreiten KZ-Insassen

Was Menuhin für den Sieg über den Faschismus tun konnte, war seine Kunst. Als Botschafter für Frieden und Humanismus, gegen die braune Pest, kämpfte er mit seiner eigenen Waffe – seiner Geige. In der Zeit des durch einen irren Gefreiten angezettelten blutigen Krieges gab Yehudi Menuhin für seine dankbaren Zuhörer über 500 Konzerte; 1943 ging er in sein geliebtes England, dann nach Europa: Paris, Brüssel, Antwerpen. Er spielte in nahezu allen Staaten, wo alliierte Truppen standen; für die ehemaligen Insassen der befreiten KZs, wie im KZ Bergen-Belsen im 1945, am Klavier begleitet von Benjamin Britten; verkündete er den Triumph des Lebens über den Tod.

Seine glänzenden Auftritte gingen weiter in Holland, der Tschechoslowakei, der UdSSR, Indien und Israel, wohin Menuhin mehrfach reiste. Dort in Israel, spielte er Solo-Konzerte und trat als Dirigent mit den israelischen musikalischen Kollektiven auf.

Die Virtuosität seines Spiels harmonierte mit dem Reichtum seiner Klangpalette und der tiefen Eindringlichkeit in die Intention des Autors. Er spielte gerne die größeren Meisterstücke, und es gab keinen Komponisten – von Mendelsohn bis Schostakowitsch –, dessen Werke er für die in seine künstlerischen Fertigkeiten verliebten Zuhörer nicht gespielt hätte.

Amoroso: Liebevoll in Moskau

Nur ein Genie ist imstande, ein anderes Genie zu verstehen. Nur ein Großer ist fähig, einen anderen Großen wertzuschätzen, ohne den üblichen Menschen inhärenten Neid oder Feindseligkeit. Ein Genie ist von Natur aus uneigennützig und großherzig: Er beneidet niemanden. Er gibt der Welt mehr, als er von ihr fordert. (…)

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