Von den Diskriminierungen, unter denen die im Iran verbliebenen Juden zu leiden haben 

April 5, 2019 – 29 Adar II 5779
Der Iran und seine Juden

Von Majid Rafizadeh

Meine Eltern, alle meine Vorfahren haben ihr ganzes Leben hier gelebt, in diesem Stadtteil“, - sagt die 84-jährige Aviva aus Teheran, und ihre Stimme zittert. „Meine Vorfahren siedelten vor über 30 Jahrhunderten in diesem Land.“ Die jüdische Bevölkerung zog nach Persien, als Cyrus der Große in Babylon eingedrungen war. Die jüdische Gemeinde wurde zu einem unverzichtbaren, einflussreichen Teil der persischen Gesellschaft; einige Wissenschaftler behaupten, es gab Zeiten, da machten Juden 20 % der gesamten Bevölkerung aus.

Die islamische Eroberung Persiens

Nach der Bezwingung Persiens durch den Islam fand sich die jüdische Gemeinde in einer völlig neuen Lage wieder: Juden erlangten den Status „Dhimmis“ (Dhimma – eingeschränkter juristischer Status nicht-muslimischer Schutzbefohlenen, -Anm. d. Übers.) und mussten anstatt des muslimischen Zakats (Zakat - für die Muslime verpflichtende Abgabe eines bestimmten Anteils ihres Besitzes an Bedürftige, - Anm. d. Übers.) bestimmte Steuern für die Sozialleistungen, Schutz und Sicherheit, welche ihnen vom Kalifat eingeräumt wurden, einbringen. Im 16. Jahrhundert wurde der schiitische Islam zur Staatsreligion, was für Juden eine weitere Einschränkung ihrer Rechte bedeutete. Es kamen Zeiten, wo sie gezwungen waren, besondere Kleidung oder Abzeichen zu tragen.

Nach einem Ereignis, bekannt unter dem Namen Allahdad (der Allahdad war der gewalttätige Aufstand von 1839 und eine erzwungene Bekehrung der Juden, - Anm. d. Übers.), waren Juden vor die Wahl gestellt – zum Islam konvertieren oder unter Todesstrafe gestellt zu werden. 1948 gab es im Iran 150.000 Juden - das war die zweitgrößte Gemeinde im Nahen Osten, sie schloss vor allem die Juden in Teheran, Isfahan und Schiraz ein.

Die Situation seit 1979

Seit 1979 änderte sich die Situation“, erzählt Aviva. „Wir haben lernen müssen, uns anzupassen. Wir reden nicht über die Politik, interessieren uns nicht für fremde Angelegenheiten; wir dürfen nicht in Schwierigkeiten stecken.“

Nicht selten wird von den iranischen Politikern und den Medien behauptet, dass die Juden im Iran im Zuge der Iranischen Revolution die gleichen Rechte wie Muslime erlangt haben. Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif brüstete sich in New York damit, sein Land habe „eine lange Geschichte der Toleranz, Zusammenarbeit und friedlicher Existenz Seite an Seite mit der jüdischen Bevölkerung im Iran und in der ganzen Welt.“ Bekannt ist die Aussage des Gründers der Islamischen Revolution Ajatollah Chomeini darüber, dass die Juden im Land geschützt werden. Dafür hat er eine Fatwa (in muslimischen Ländern eine Art Rechtsspruch, verkündet von einer Autoritätsperson) erlassen, in der es hieß:

Im heiligen Koran wird Mosche – gesegnet sei er und sein ganzer Stamm – häufiger erwähnt als die anderen Propheten. Der Prophet Mosche war bloß ein Hirte, dennoch erhob er sich gegen die Macht des Pharaos und vernichtete ihn.

Mosche, der mit Gott sprach, verkörpert all diejenigen, die durch den Pharao unterdrückt sind, alle in dieser Zeit Unterdrückten und Verachteten. Mosche hätte nichts zu tun gehabt mit diesen heutigen Zionisten, die in Israel regieren; diesen, die dem unterdrückenden Pharao ähneln. Und unsere Juden, Mosches Nachfahren, haben ebenfalls nichts mit ihnen zu tun. Wir betrachten unsere Juden als ein Volk, das ganz anders ist, anders und weit weg von diesen gottlosen Zionisten, den Blutsaugern.“

In der Realität weist dieses Bild allerdings weder Toleranz, noch Güte und Großzügigkeit auf. Seit 1979 ging die Zahl der jüdischen Bevölkerung um 90 % zurück, und die Angst wurde ständiger Begleiter derer, die im Land geblieben sind.

Die Hinrichtung des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde

Die Hinrichtung von Habib (Habibollah) Elghanian am 9. Mai 1979 (JR, März 2017) – Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, Geschäftsmann und Philanthrop – wurde zur ersten Drohung, alarmierend und ernsthaft. Die Anschuldigungen klangen absurd: Unter anderem „Freundschaft mit den Feinden Gottes“ und „Zionistischer Spion“; die jüdische Gemeinde war zutiefst erschrocken.

Die aktuelle iranische Politik dem jüdischen Staat gegenüber bringt 9.000 iranische Juden (nach anderen Angaben ca. 25.000, - Anm. d. Red.) in eine prekäre Lage. Sollten sie auch eine noch so kleine Sympathie für Israel zeigen, so ist das Risiko groß, wegen „Spionage“ zugunsten Israels angeklagt zu werden; es drohen Folter und sogar der Tod.

Die stille Diskriminierung

Und damit nicht genug: Es gibt ein Verbot für Juden Schlüsselpositionen in der Regierung und Führungspositionen zu besetzen. Juden können keine Richter werden und in keinen gesetzgebenden Gremien dienen. Sie dürfen auch nicht für das Parlament kandidieren. Ein Jude darf keine Erbschaft von Muslimen annehmen; wenn allerdings ein Familienmitglied zum Islam übertritt, wird er alles erben.

Es gibt weitere Formen der Diskriminierung, die im Strafkodex verankert sind: Die Rechtspflege wird nicht auf Juden angewendet. Wenn ein Jude einen Moslem tötet, ist die Familie des Opfers berechtigt, die Todesstrafe für den Mörder zu verlangen. Im Falle eines getöteten Juden müsste eine solche Forderung von einem Richter bestätigt werden.

Wer bleibt also im Iran? Ältere Juden, die keine weitere Reise verkraften und kein neues Leben in einem fremden Land aufbauen können. Oder es sind diejenigen, welche fest entschlossen sind, altes Heiligtum und die Synagogen zu schützen – und auch die Häuser, die seit Jahrhunderten im Besitz der Familie waren. Auf die Frage, warum sie nicht weggeht, nennt Aviva einen anderen Grund:

Wenn es soweit ist, möchte ich auf meinem Boden sterben, in meinem Land. Ich will neben meinen Eltern, neben allen meinen Vorfahren begraben werden… Dort, wo sie ihre Tränen vergossen haben, in Freud´ und Leid. Ihr Blut, ihr Schweiß, ihr ganzes Leben, und auch meins – all das hat diese Erde aufgesogen, dieser Himmel aufgenommen. Hier ist mein Zuhause“.

Übersetzung von Irina Korotkina

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