Das Holocaust-Museum von Riga ist wegen wirtschaftlicher Interessen in seiner Existenz bedroht

Interview mit dem Rigaer Rabbi Menachem Barkahan, der für den Erhalt dieses für die Geschichte der lettischen Juden wichtigen Zentrums kämpft.

Das jüdische Ghetto-Museum in der lettischen Hauptstadt Riga
© WIKIPEDIA, SMIG

Riga wurde Mitte der 1930er Jahre das kulturelle Zentrum der Juden Lettlands, die Hälfte von ihnen lebte in der Hauptstadt. Der sowjetische Diktator Josef Stalin ließ im Juni 1941 tausende lettische Juden in sowjetische Lager deportieren. Als kurz darauf, am 1. Juli 1941, deutsche Truppen die Stadt einnahmen, war dies der Startschuss für die Vernichtung jüdischen Lebens in Lettland.

Aufgeheizt durch die Nationalsozialisten wurden nun mehrere Pogrome verübt, während derer in den darauffolgenden Monaten über 6.000 Juden ermordet wurden. Kurz nach dem deutschen Einmarsch wurden in jenem Stadtteil, in dem hauptsächlich Juden lebten, ein Ghetto errichtet, in das über 30.000 Juden auf engstem Raum unter menschenwidrigen Bedingungen eingesperrt wurden. Beinahe alle lettischen Juden des Rigaer Ghettos wurden später ermordet, um das Ghetto „freizumachen“ für deportierte Juden aus Deutschland.

Genau in dem Stadtteil „Moskauer Vorstadt“, in dem das ehemalige Ghetto war, entstand 2010 das „Riga Ghetto and Holocaust in Latvia Museum“. Nachdem das Museum ganze zehn Jahre lang wichtige Arbeit für das Gedenken an die Holocaust-Opfer geleistet hat, war plötzlich die Existenz des Museums samt Gedenkstätte in Gefahr.

Ein Gespräch mit dem Gründer und Leiter des Museums Rabbiner Dr. Menachem Barkahan.

 

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Herr Dr. Barkahan, die Stadt wollte mit ihrem Museum eine neue Vereinbarung schließen, die die Existenz des Museums bedroht hätte. Worum ging es bei dem Streit zwischen dem Rigaer Stadtrat und ihrem Museum?

Rabbi Dr. Barkahan: Vor zehn Jahren war im Gebäudekomplex Spiķeri, in dem sich heute das Museum befindet, ein zentraler Marktcontainer und eine Transportwaschanlage untergebracht. Insgesamt befand sich das Gebiet damals in einem sehr schlechten Zustand. Im Jahr 2010 unterzeichneten die “Shamir Association” und der Stadtrat von Riga einen nicht erstattungsfähigen Pachtvertrag, der es der Association ermöglichte, ein Museum zum Gedenken an die Holocaust-Opfer zu errichten. Die Shamir Association ist der Ansicht, dass das Museum in den letzten Jahren von einem privaten Unternehmen, das das Museums-Grundstück ergattern will, konsequent und gezielt belästigt wurde. Die Belästigung umfasste Klagen, Beschwerden bei verschiedenen Behörden und die unbefugte Beschlagnahmung von Grundstücksteilen. Am 27. Oktober fand eine Sitzung der Immobilienabteilung des Stadtrats von Riga statt, in der ein Entwurf eines nicht erstattungsfähigen Pachtvertrags für das Rigaer Ghetto und das lettische Holocaust-Museum für die nächsten 10 Jahre genehmigt wurde. Das Projekt umfasst die Abtretung von 300 Quadratmeter Fläche zugunsten benachbarter Mieter.

 

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Denken Sie, der Riga Stadtrat und das Privatunternehmen Hand in Hand arbeiten, um das Museum zu entfernen?

Rabbi Dr. Barkahan: Definitiv nicht. Der Stadtrat von Riga hilft dem Museum sehr. In dieser Situation wurden jedoch bürokratische Mittel mit privatem Kapital eingesetzt, um dieses Grundstück zu gewinnen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was ist Ihrer Ansicht nach der Grund dafür, dass man das Museum derart beschneiden oder gar entfernen will? Könnte es womöglich antisemitische Gründe haben?

Rabbi Dr. Barkahan: Im Zuge dieser Kampagne gegen uns stellte sich schließlich heraus, dass die ganze Geschichte nicht mit Antisemitismus zusammenhängt. Im Allgemeinen gibt es in Lettland nahezu keinen Antisemitismus, insbesondere keinen vom Staat. Der einzige Grund das Museum entfernen zu wollen, ist der Druck eines privaten Unternehmens, welches beabsichtigt, das Grundstück für die Entwicklung ihrer eigenen Geschäfte zu erobern. Das Museum mit seinem Holocaust-Thema ist diesem dabei ein Dorn im Auge, denn sie wollen das Stadtviertel zu Unterhaltungszwecken neu formen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Der Stadtrat wollte dem Museum den Grundstücksteil wegnehmen, auf dem sich die Ghettostraße befindet. Wieso ist ausgerechnet dieser Teil so wichtig für Ihr Museum? Was würde der Verlust des Grundstückes für das Holocaust-Gedenken bedeuten?

Rabbi Dr. Barkahan: Als das Museum 2010 eröffnet wurde, war die Ghettostraße die erste und wichtigste Ausstellung. Sie hat eine fundamentale Bedeutung für das Museum und seine Besucher, von denen viele ins Museum kommen, um ihre toten Verwandten zu ehren, da es der einzige Ort auf der Welt ist, an dem deren Namen verewigt wurden. Es enthält 75.000 Namen der umgekommenen lettischen Juden und Informationen über die Geschichte des Holocaust in Lettland.

Wegen der Bauarbeiten unserer Nachbarn und der neuen Entscheidung des Rates, wird zur Zeit die Hälfte dieser wichtigen Installation genau dort abgetrennt werden, wo sich die Geschichte des Holocaust in Lettland befindet. Wenn unsere Nachbarn in diesen zwei Wochen bekommen, was sie wollen, und die Fläche, die ihnen übertragen wird, nicht zwei plus einen Meter, sondern vier Meter oder mehr umfasst, so wird uns dies letztendlich zwingen, die Mauer vollständig abzubauen. Natürlich können einige andere Gestaltungslösungen zum Bewegen der Wand in Betracht gezogen werden. Gegenwärtig ist das Museum, das von einer Nichtregierungsorganisation unterhalten wird und nur dank Spenden existiert, während der Corona-Zeit ein ziemlich schwieriges finanzielles Unterfangen. Außerdem müssten solche Veränderungen erst von verschiedenen Baubehörden genehmigt werden. Dies bedeutet, dass sich die Wand für einige Zeit in einem vollständig zerlegten Zustand befinden wird, was für das Museum ein Verlust dieser Installation bedeutet.

In Lettland wurden etwa 100.000 Juden ermordet, von denen etwa 75.000 lettische Juden waren, und weitere 25.000, die aus Deutschland, Österreich und der Tschechischen Republik zur Vernichtung hierher gebracht wurden. Sie sind an verschiedenen Orten in Lettland begraben, zum Beispiel in Rumbula, Bikernieki und anderen. Die Ghettostraße im Museum ist eine Rekonstruktion der ursprünglichen Ghettostraße Ludzas, und eine Mauer mit 100.000 Namen verbindet tatsächlich alle ermordeten und verbrannten Juden an einem Ort. So zeigt die Wand, dass jeder von diesen ermordeten Juden jetzt ein Denkmal mit seinem Namen hat. Juden aus aller Welt kommen zu diesen Namen, um eine Kerze anzuzünden, zu beten und die Opfer zu ehren.

Das Museum wurde bereits von 170.000 Menschen besucht. Die Straße des Ghettos und die Mauer mit den 100.000 Namen umgekommener Juden grenzen an die Häuser privater Unternehmen. Diese wollten von unserem Grundstück eine vier Meter breite Fläche wegnehmen, dessen Gesamtfläche mehr als 300 Quadratmeter beträgt, was die Zerstörung dieses Denkmals bedeuten würde. Der Stadtrat von Riga beschloss nun, eine neue Vereinbarung für zehn Jahre auf nicht erstattungsfähiger Basis zu unterzeichnen. Laut dieser Vereinbarung sollen zwei Meter zugunsten der privaten Unternehmen abgetrennt werden, was letztendlich zu einem Kompromiss zwischen den Parteien wurde. Jedoch dürfen wir gemäß dem Dekret des Stadtrats von Riga unser Projekt eines Wiederaufbau des Museums nicht mehr wie geplant durchführen. Die endgültige Entscheidung darüber soll am 11. November bei einer Abstimmung der Abgeordneten des Stadtrats von Riga gefallen werden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Ihr Museum spielt eine entscheidende Rolle dabei, die Auslöschung jüdischen Lebens ins lettische Bewusstsein zu tragen. Was hat Ihr Museum die letzten zehn Jahre alles geleistet?

Rabbi Dr. Barkahan: Das Rigaer Ghetto und das lettische Holocaust-Museum haben bereits einen großen Beitrag zur Aufklärung der Öffentlichkeit über das Schicksal der lettischen Juden, über den Holocaust geleistet, aber auch zur aktiven Beteiligung der Öffentlichkeit. Das Museum wird dies auch weiterhin tun.

Während der gesamten Lebensdauer des Museums wurden über dreißig Bildungsausstellungen und sechs internationale Konferenzen organisiert, 47 Bücher in sieben Sprachen veröffentlicht, neun Dauerausstellungen erstellt und ein umfangreiches Wiederaufbauprojekt für die weitere Entwicklung des Museums erstellt. Wir haben auch Konzerte, Gedenkveranstaltungen, Bildungsprojekte und Dokumentarfilme organisiert. Die Forschung dient dabei als Grundlage für die Arbeit des Museums. Wir arbeiten mit lettischen und ausländischen Forschern, Künstlern, Pädagogen und Experten auf diesem Gebiet zusammen. Mehr als ein Drittel der Museumsbesucher sind Schulkinder, mit denen pädagogische Erklärungsarbeiten zur Geschichte des Holocaust in Lettland durchgeführt werden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Ist das Museum fürs erste gerettet?

Rabbi Dr. Barkahan: Die Kommission hat bereits beschlossen, die Vereinbarung um 10 Jahre zu verlängern. Wir hoffen, dass die akute Phase vorbei ist und das Museum seine Existenz fortsetzen kann. Wir sind allen dankbar, die uns in diesem Kampf um die Erhaltung des Museums geholfen haben, und hoffen, dass dies ein wichtiger Faktor für die Erhaltung der Erinnerung an den Holocaust wird. Die endgültige Entscheidung wird am 11. November bei einer Abstimmung der Abgeordneten des Stadtrats von Riga getroffen. Wir hoffen auf ein positives Ergebnis – wir können uns aber noch nicht entspannen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Herr Rabbiner, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Zara Riffler.

 

Mehr Informationen auf www.rgm.lv (Englisch, Russisch, Lettisch)

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