Februar 8, 2016 – 29 Shevat 5776
Zwischen zwei Stühlen

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Ein Rückblick auf das 50. Jubiläumsjahr der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel  

Von Michael Groys

Wer im letzten Jahr als israel-solidarischer Mensch nicht auf einem netten Empfang zum 50. Jubiläumsjahr der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel war, hat definitiv in seinem Leben etwas falsch gemacht. In jeder größeren deutschen Stadt schaute man in die Vergangenheit dieser „besonderen Beziehungen“. Es wurde nicht selten als Geschenk betrachtet, dass so etwas überhaupt zustande gekommen ist. Man sprach über die großen Visionäre, die erst die Grundlage zur Existenz dieses Verhältnisses geschaffen haben. Dabei handelte es sich im Wesentlichen um Konservative wie den Altkanzler Adenauer und seinen Verteidigungsminister Strauß. In der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik förderten vor allem Helmut Kohl und Angela Merkel diese einmalige Freundschaft. Eine ganz besonders wichtige Rolle nahm der Verleger Axel Springer als starker Unterstützer des neuen jüdischen Staates ein.

Auf sozialdemokratischer Seite hatte man auf die ersten Kontakte zwischen Gewerkschaftlern beider Länder hingewiesen, noch vor der offiziellen Aufnahme. Der Kniefall von Willy Brandt vor dem Denkmal der Märtyrer des Warschauer Ghettos wurde ebenfalls nicht ausgelassen. Der Holocaust stand natürlich immer wieder im Mittelpunkt dieser Veranstaltungen. Die Schoah bleibt für das Verhältnis damals wie heute prägend. Gebetsmühlenartig wurde die Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel auf Grund des Zivilisationsbruches erwähnt. Das sogar parteiübergreifend.

Währenddessen geschahen sehr seltsame Dinge in der echten Welt des Jahres 2015. Der umstrittene Deal mit dem iranischen Regime wurde feierlich beschlossen, was Sigmar Gabriel dazu bewegte zwei Tage später in den Iran zu fliegen und deftige Wirtschaftsabkommen zu schließen. Nebenbei bekannte er sich heroisch in der deutschen Botschaft zum Existenzrecht Israels. Holocaustleugung von offizieller staatlicher Seite störte Gabriel eher weniger. Die Wirtschaftsbeziehungen scheinen einem sozialdemokratischen Wirtschafts- und Energieminister eben wichtiger zu sein.

Ebenso hatte Deutschland noch im letzten Moment Boykottversuche der EU gegen Israel halbherzig abgelehnt. Hunderte andere Konflikte interessieren die begnadeten europäischen Demokraten in Brüssel und zum Teil in Berliner viel weniger. Immer wieder wurden auch vermehrt Waffenlieferungen nach Israel hinterfragt mit der platten Argumentation man sei gegen jegliche Arten von Waffenlieferungen unabhängig vom Zielland und unabhängig vom Zwecke. Würde sich diese Denke durchsetzen, gäbe es vermutlich kein Israel und auch keinen blühenden Exportweltmeister Deutschland mehr.

Wieso Israel? Warum Deutschland?
Wenn historische Ereignisse rationalisiert werden, kommt man ziemlich schnell zu ganz anderen Erkenntnissen als es die altbekannten Erzählungen besagen. Der Deal zwischen Deutschland und Israel war damals in den 1950er Jahr im Kern ganz einfach: Israel brauchte dringend Waffen, um sich gegen existenzielle Bedrohungen seitens seiner arabischen Nachbarn zu verteidigen und Deutschland wiederum brauchte nach dem Verbrechen der Schoah neues Ansehen in der Welt. Selbstverständlich spielte auch hier das Wiedererlangen ökonomischen Ansehens in der Welt eine große Rolle. Zwar hing von dem jungen Staat Israel nicht die Wirtschaftskraft der Bundesrepublik ab, aber Adenauers Kurs der Westintegration wurde durch die Aufnahme der Beziehungen zu Israel bestärkt. Schließlich standen die USA praktisch bedingungslos an der Seite Israels.

Diese einfache und pragmatische Erkenntnis beider Parteien war und ist nach wie vor für viele Menschen nicht nachvollziehbar. Der spätere Ministerpräsident Menachem Begin wütete gegen die Entscheidung David Ben-Gurions „Wiedergutmachungszahlungen“ aus Deutschland anzunehmen. Auf deutscher Seite gab es auch in den Reihen Adenauer großen Widerstand gegen das sogenannte Luxemburger Abkommen, was heute von den Historikern als Vorstufe zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel gewertet wird.

Gegenseitige Interessen
In diesem Jahr hatte man bei den meisten Reden und Danksagungen genau diesen pragmatischen Ansatz stark vermisst. Es wurde viel über Kultur, Austausch mit der Zivilbevölkerung beider Länder, Start-Ups und Hummus gesprochen – was ja auch alles richtig und wichtig ist. Die Kernfrage aber, was nun deutsche Interessen in Israel und israelische Interessen in Deutschland in der Zukunft sein werden, wurde nur ansatzweise beantwortet.

Deutschland wird in der Zukunft unumgänglich eine stärkere Rolle in der internationalen Politik spielen. Es ist auch davon auszugehen, dass bewaffnete Konflikte weiterhin im Nahen Osten dominieren und immer häufiger werden. Höchstwahrscheinlich könnte Merkels Aussage zur Staatsräson Deutschlands gegenüber Israels Sicherheit mehr als nur Worte in der Knesset bedeuten. Werden dann die deutsch-israelischen Beziehungen auch nicht nur beim Sekttrinken so kraftvoll vertreten?

Es wird vermutlich für die nächsten Generationen immer schwieriger zu vermitteln sein, wieso ein Staat im Überlebenskampf nicht nur mit deutschen Bier und Würstchen versorgt werden muss, sondern mit U-Booten und weiteren notwendigen Rüstungsexporten. Noch schwieriger ist es zu vermitteln, wieso in der letzten Konsequenz Bundeswehrsoldaten an der Seite Israels stehen sollten angesicht des überproportional negativen Images Israels in Deutschland.

Stolpersteine putzen und das Gedenken an die toten Juden aufrechtzuerhalten, wird weiterhin natürlich eine deutlich einfachere Aufgabe bleiben.

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