November 3, 2017 – 14 Heshvan 5778
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Von den Geheimnissen der Kabbala  


Von Rabbiner Elischa Portnoy

Heutzutage ist die Kabbala in aller Munde. Es gibt Zentren der Kabbala in jeder mehr und weniger großen Stadt, zahlreiche Kabbala-Lehrer halten Vorträge und geben dicke Bücher heraus.
Es gibt in der heutigen zivilisierten Welt kaum noch einen Menschen, der noch nichts über Kabbala gehört hat – aber wissen wir auch, was sie tatsächlich ausmacht?

Ist die Kabbala einfach eine alte mystische Lehre oder kann sie uns auch heute noch ganz praktisch im Alltag helfen? Gibt es noch echte Kabbalisten oder ist das alles nur eine Modeerscheinung ohne Substanz?

Kabbala ist ein Teil der Thora
Alle wissen, dass Mosche die Thora auf dem Berg erhalten hat, jedoch wissen nicht alle, was genau diese Thora beinhaltet. Unsere Weisen lehren, dass die ganze Thora nicht nur auf eine Art gedeutet werden kann, sondern gleich auf vier verschiedenen Ebenen gedeutet werden kann, die durch das Akronym פרדס (PaRDeS) beschrieben werden: der Buchstabe „Pe“ steht für Pschat (einfache, wörtliche Bedeutung), „Resch“ steht für Remes (Anspielung, Allegorie), „Daleth“ steht für Drasch (interpretative, homiletische Bedeutung).

Der letzte Konsonant „Samech“ steht für Sod, d.h. Geheimnis, also für mystische und esoterische Bedeutungen. Diese vierte Ebene ist eigentlich das, was wir heutzutage „Kabbala“ nennen.
Und da alle diese vier Möglichkeiten die Thora zu deuten zusammenhängen, ist es unmöglich die Kabbala zu erlernen und zu verstehen, ohne Kenntnisse von den anderen drei Deutungs-Ebenen der Thora zu besitzen.

Geheime Lehre
Diese mystische Bedeutung „Sod“ unterscheidet sich jedoch grundlegend von den ersten dreien: Während jeder Mensch „Pschat“, „Remes“ und „Drasch“ für sich entdecken darf, haben unsere Weisen für das „Sod“ sehr strenge Auflagen gemacht. In der Mischna, im Traktat Chagiga (2:1) lautet diese Einschränkung folgendermaßen: „Man lehrt (sogar einen Schüler) das „Werk der Schöpfung“ und den „Wagen“ (Teile der Kabbala) nicht, es sei denn, dass er ein Gelehrter ist, der es selber nachvollziehen könnte.“

Doch warum dürfen nur wenige Auserwählte diese Deutungs-Ebene der Thora erlernen? Unsere Weisen erklären, dass die Kabbala ein sehr gefährlicher Stoff ist: sie eröffnet dem Lernenden derartige Kenntnisse über G’tt und über die Kräfte der Natur, dass die Auswirkungen seines Wissens sehr schlimm sein können. Im gleichem Traktat (14b) wird das veranschaulicht: „Die vier größten Gelehrten ihrer Zeit, Ben Asaj, Ben Zoma, Rabbi Elischa ben Abua und Rabbi Akiva kamen ins Pardes (erreichten also die maximale Tiefe der mystischen Lehre). Ben Asaj ist deswegen gestorben, Ben Zoma ist verrückt geworden, Rabbi Elischa ben Abua hat die Religion verlassen und nur Rabbi Akiva kam in Frieden hinein und in Frieden heraus.“
Aus dieser kurzen Erzählung lernen wir, dass sogar die großen Gelehrten betroffen sein können – umso mehr kann die echte Kabbala für einfache Menschen verhängnisvoll sein.

Die Lehre über G’tt
Was wird dabei aber eigentlich gelernt? Die ganze Kabbala besteht aus zwei großen Bereichen, wie es Ramban (Rabbi Moshe ben Nahman, 13. Jahrhundert) in seinem Kommentar zum Traktat Chagiga erklärt:
Zum einen „Maase Merkava“ („Das Wirken des G’ttlichen Wagens“) – die Lehre von der „Weisheit G’ttes“ (Erklärung zur Existenz von G’tt, seinen Eigenschaften, die Existenz dieser Welt, der Menschen, Engeln und Seelen).

Der zweite Bereich ist „Maase Bereschit“ („Werk der Schöpfung“) – das Mysterium der Entstehung der Welt und das Wissen über die Natur in allen ihrer Bereichen.

Die heutige Kabbala heißt „Lurianische Kabbala“ und basiert hauptsächlich auf den Werken von Arizal (Jizhak ben Schlomo) Luria Ashkenazi (1534 – 1572), die von seinem Hauptschüler Rabbi Chaim Vital verfasst wurden.

Große Bedeutung haben in der Kabbala auch die Werke „Zohar“ („strahlender Glanz“) von Rabbi Schimon Bar Jochaj und „Sefer Jetzira“ („Buch der Schöpfung“), die Werke vom RaMa“K (Rabbi Mosche ben Jakob Cordovero) (1522-1570). Alle diese wichtigen Bücher offenbaren auch den tiefen Sinn der Gebote der Thora, die Geheimnisse der hebräischen Buchstaben, die Kawanot (transzendente Gedankenausrichtung beim Gebet) und vieles mehr.

Wozu aber müssen wir all das überhaupt wissen? Unsere Weisen erklären das mit einer schönen Allegorie: jeder Mensch kann das Autofahren erlernen – auch wenn er keine Ahnung hat, wie das Auto funktioniert. Ein Mechaniker jedoch, der jedes Detail im Auto kennt und seine Wirkung nachvollziehen kann, wird dieses Auto ganz anderes fahren und sein Auto wird weniger Reparaturen brauchen.

Das Gleiche gilt für unser Leben: natürlich können wir alle Gebote einfach erfüllen ohne groß übers sie nachzudenken. Jedoch wird ein Mensch, der den Sinn und die verborgene Wirkung der Gebote kennt, ganz anders die Thora befolgen und seine Gebete werden eine viel größere Wirkung haben.

Praktische Kabbala
Jedoch ist die Kabbala nicht nur reine Theorie, sie kann durchaus wirkungsvoll benutzt werden.
Das berühmteste Beispiel der praktischeren Kabbala ist wohl das menschenähnliche Wesen „Golem“. Schon im Talmud, im Traktat Sanhedrin (65b) wird berichtet, dass der große Gelehrte Rabbah einen solchen Golem erschaffen hat und zu seinem Schüler Rabbi Sejra geschickt hat. Das Ziel dieser Tat war es wahrscheinlich den Wissensstand des Schülers zu prüfen. Und diesen Test hat Rabbi Sejra bestanden: als er gemerkt hat, dass dieses Wesen nicht sprechen kann (weil ihm die G’ttliche Seele fehlt), hat er den Golem zurück in Sand verwandelt.

Bekannt ist auch der Golem, der vom berühmten Macharal (Jehuda ben Bezal´el Löw) aus Prag erschaffen wurde. Rabbi Löw hat seinen Golem aus Lehm gebildet, durch die Zauberkraft der magischen Silbe „Schem“ zum Leben erweckt und zu seinem Diener gemacht. Laut der Überlieferung wurde der Golem unter anderem dafür eingesetzt, um die Juden gegen antisemitische Übergriffe zu beschützen. Diese Geschichte wurde im Jahr 1920 in Deutschland unter dem Titel „Der Golem, wie er in die Welt kam“ sehr erfolgreich verfilmt.

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