Mai 13, 2015 – 24 Iyyar 5775
Zu Gast beim armenischen Botschafter

image

Einen Völkermord sollte man auch Völkermord nennen: Bundestag schafft es wieder nicht  

Ashot Smbatyan ist der Botschafter der Republik Armenien in Deutschland. Ende 2014 übernahm er die Leitung der diplomatischen Mission Armeniens in der Bundesrepublik. Smbatyan wurde in der früheren Sowjetrepublik Armenien geboren, studierte zunächst Mathematik, später Volkswirtschaft und arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in der Hauptstadt Jerewan. Seit dem Jahr 2000 gehört er dem Auswärtigen Dienst Armeniens an.

Smbatyan empfängt in der Botschaft Armeniens im Berliner Westend. Im Empfangszimmer der Botschaft ist ein Plakat mit der Aufschrift „Ich erinnere mich und verlange“ angebracht, das an den 100. Jahrestag des Genozids an den Armeniern erinnert. Die Anstrengungen Armeniens und der großen, weltweit zerstreuten armenischen Diaspora endlich die Anerkennung des Völkermordes zu erreichen, richten sich auch auf Deutschland.

Hintergrund: Vor zehn Jahren verabschiedete der Deutsche Bundestag zwar eine parteiübergreifende Resolution, in der die armenischen Opfern der damaligen Taten der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Reiches „beklagt“ und eine „Erinnerung“ an sie gefordert wurden, doch die Bezeichnung des Geschehens als „Völkermord“ blieb aus.

Auch zum 100. Jahrestag führten viele Bundestagsabgeordnete das Wort „Völkermord“ im Munde. Eine Resolution wurde aber nicht beschlossen und zur weiteren Versandung in den Auswärtigen Ausschuss verwiesen. Die Bundesregierung spricht in ihren Veröffentlichungen von „Vertreibung und Ermordung“ der Armenier im Osmanischen Reich. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach gab im Rahmen der Vorstellung des Buches „Tod in der Wüste“ von Rolf Hosfeld in der Akademien der Konrad-Adenauer-Stiftung Ende März als Grund dafür die „Dominanz der Außenpolitiker bei diesem Thema“ an.

Herr Botschafter, Sie vertreten die Republik Armenien in Deutschland. Bevor wir über die Beziehungen zwischen Armenien und Deutschland sprechen, interessiert mich die armenische Diaspora in Deutschland. Wie viele Armenier oder Menschen mit armenischen Wurzeln leben in Deutschland und wie sind sie organisiert?

In Deutschland leben circa 50.000 bis 60.000 Armenier. Die Zentren sind Köln, wo sich auch der Hauptsitz der Diözese der Armenisch-Apostolischen Kirche befindet, Hamburg, München und Frankfurt am Main. In Berlin sind zwei armenische Gemeinden beheimatet. In vielen weiteren Städten gibt es armenische Kirchengemeinden und Kulturvereine. Als Dachorganisation fungiert der Zentralrat der Armenier in Deutschland. Die traditionsreiche Deutsch-Armenische Gesellschaft wurde 1914 von dem großen deutschen Humanisten Johannes Lepsius gegründet.

Wo liegen die Ursprünge armenischer Einwanderung nach Deutschland und wie verlief die Wanderungsgeschichte dieser Gruppe?

Schon vor dem Ersten Weltkrieg lebten Armenier in Deutschland. Das waren vor allem Studenten. 1860 sollen armenische Akademiker in Leipzig sogar einen Verein gegründet haben. Aber die erste formelle Armenische Gemeinde wurde 1923 in Berlin gegründet und besteht bis heute. Die Überlebenden des Völkermords an den Armeniern von 1915 und den anschließenden Jahren sind nicht nach Deutschland gegangen, weil Deutschland zu dieser Zeit Verbündeter des Osmanischen Reichs war. Später, mit der großen Welle von Gastarbeitern aus der Türkei kamen auch einige Armenier. Nach der islamischen Revolution im Iran und der Abdankung des Schahs kamen Anfang der 1980er Jahre Armenier aus diesem Land nach Deutschland. Eine neue Welle von Einwanderern kam nach dem Beginn des Bürgerkrieges im Libanon. Weitere Emigranten kamen nach dem Zerfall der Sowjetunion, insbesondere aus Aserbaidschan, wo es Pogromen gegen die dortige armenische Bevölkerung gab.

Wie bewerten Sie die deutsch-armenischen Beziehungen im Allgemeinen?

Die deutsch-armenischen Beziehungen sind im Allgemeinen freundschaftlich und partnerschaftlich. Es bestehen zwischen unseren Ländern fast 60 bilaterale Abkommen. Die kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Das wird vom Land Sachsen-Anhalt koordiniert, weil in Deutschland die Bundesebene dafür nicht zuständig ist. Als ausbaufähig betrachten wir die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland. In diesem Bereich steckt noch Potential für eine Vertiefung in der Erweiterung der Zusammenarbeit. Die Beziehungen mit Deutschland sind für uns wichtig. Die politischen Beziehungen sind normal. Aus der Mitgliedschaft Armeniens in der Eurasischen Wirtschaftsunion (2014 initiiert von Russland) ergibt sich nicht, dass Armenien die Beziehungen zur Europäischen Union als zweitrangig betrachtet.

Wenn eigentlich nichts gegen die Anerkennung des Völkermords spricht, vor allem die historische Wahrheit nicht, woran liegt dann die bisher ausbleibende Anerkennung des Völkermords durch Deutschland?

In Deutschland ist der Völkermord an den Armeniern überhaupt kein Tabu, sondern ein Thema. Gerade in diesen Wochen, wo sich der Beginn des Völkermordes zum 100. Mal jährt, finden bundesweit viele Veranstaltungen statt - ob Lesungen bei politischen Stiftungen, Vorträge in Kirchengemeinden oder Gedenkveranstaltungen. Diese Veranstaltungen werden in der überwiegenden Anzahl nicht von Armeniern in Deutschland oder der Armenischen Gemeinde organisiert, sondern kommen aus der deutschen Zivilgesellschaft, von ganz normalen Leuten. Ende Februar gab es im Abgeordnetenhaus von Berlin die Auftaktveranstaltung der Gedenkinitiative „Genozid 1915 - Initiative Deutschland“, die wiederum von der Botschaft Armeniens und armenischen Organisationen in Deutschland ins Leben gerufen wurde. Vor 10 Jahren verabschiedete der Deutsche Bundestag eine Resolution, die zwar notwendig, aber nicht hinreichend war. Jetzt liegen alle Voraussetzungen dafür vor, die eigentlich auch bereits im Jahre 2005 vorlagen, dass man dieses Verbrechen als das benennt, was es war. Denn heute, im 21. Jahrhundert, muss allen klar sein, dass eine der Schlüsselfragen darin besteht, dass die Verhinderung und Vermeidung von Genoziden beziehungsweise von Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine wichtige Aufgabe der internationalen Gemeinschaft ist. Und das verlangt, dass Staaten dafür Verantwortung übernehmen müssen und diese nicht ihren politischen und wirtschaftlichen Interessen oder auch Bündnisbeziehungen unterordnen dürfen.

Als Diplomat beschäftigen Sie sich doch aber sicher auch mit den Gründen für das gegenwärtige Verhalten Deutschlands. Wenn andere Länder, die überhaupt keinen oder jedenfalls einen geringen Bezug zu den historischen Ereignisse haben als Deutschland, den Völkermord anerkennen (z.B. die Schweiz, Frankreich oder Belgien), dann muss es doch im Falle Deutschlands, wo der Völkermord nach der von Ihnen beschriebenen Archivlage ja schon seit hundert Jahren „Regierungswissen“ ist, bestimmte Gründe für die Nichtanerkennung geben?

Selbst wenn es so ist, steht für mich fest: Leugnen, im Falle der Türkei, oder Schweigen, wie es Deutschland tut, haben meines Erachtens keine Zukunft! Die historische Wahrheit verschafft sich früher oder später ohnehin ihre Bahn, selbst wenn es noch einmal hundert Jahre dauert. Jetzt nach 100 Jahren sollte Platz für ein würdiges Erinnern an die unschuldigen armenischen Opfer in einer europäischen Kultur des Erinnerns sein. Wer glaubt, dass Erinnern instrumentalisiert werden kann, dem muss man sagen, dass man, um eine traumatische Erinnerung zu überwinden, sich dieser stellen muss.

Einmal abgesehen von Genugtuung: Welches Ziel verbinden Sie mit einer Anerkennung des Völkermordes durch Deutschland?

Der Wahrheit zur Geltung verhelfen. Das Erinnern an diesen Völkermord muss Teil des europäischen Gedächtnisses werden, ein Teil der europäischen Erinnerungskultur. Dazu könnte eine Anerkennung durch Deutschland einen wichtigen Beitrag leisten.

Herr Botschafter, vielen Dank für das Gespräch

Das Gespräch führte Martin Jehle

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben