Juli 6, 2018 – 23 Tammuz 5778
Zu Gast auf dieser Welt

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Vor 135 erblickte Franz Kafka das Licht der Welt  

Als Jude gehörte er nicht ganz zur christlichen Welt. Als indifferenter Jude – denn das war er ursprünglich – nicht ganz zu den Juden. Als Deutschsprechender nicht ganz zu den Tschechen. Als deutschsprechender Jude nicht ganz zu den böhmischen Deutschen. Als Böhme nicht ganz zu Österreich. Als Arbeiterversicherungsbeamter nicht ganz zum Bürgertum. Als Bügerssohn nicht ganz zur Arbeiterschaft. Aber auch zum Büro gehörte er nicht, denn er fühlt sich als Schriftsteller.
Philosoph Günther Anders. Pro und contra

Streben nach Vollkommenheit
... Das Leben war so grau und langweilig, wie ein abgenutzter Thaler, ob Kopf oder Zahl, alles das gleiche. Ein Tag wir der andere, und immer dieselbe langweilige und verhasste Arbeit in einer Versicherungsgesellschaft, die ständige Angst vor dem Dienst, die schwierige Beziehung zum Vater. Ein Leben wie in einem Käfig, aus der er in seltenen Nächten in die Freiheit ausbrach, wenn die Muse kam und er die große Schaffenskraft in sich verspürte.

Um das Vollkommene zu erreichen, ging er auf keine Kompromisse ein, und wenn ihn Zweifel und Verzweiflung überkamen, er dann nicht eine Zeile schreiben konnte, verwandelte sich sein Leben in eine einzige Hölle. Erschöpft durch das Ringen mit sich selbst, schleppte er sich in sein Büro am Morgen. Zu Hause angekommen wälzt er sich in seinem Bett, wartete bis ihn die Muse wieder packt und er sich wieder an den Schreibtisch setzen kann, um etwas Eigenartiges zu Papier zu bringen, etwas, was seine Seele berührte.

Die Literatur war seine Rettung, war der Sinn seines Lebens, der einzige Ausweg aus der starr konstruierten Welt. Hier war er der Dirigent, schuf seine eigene, fantastisch kafkaeske Welt, in der Helden zu Insekten wurden, sich hartnäckig ihren Weg zum Schloss bahnten, und als Unschuldige zum Tode verurteilt wurden. Aber aus dem Käfig gab es noch einen anderen Ausweg: Die Heirat. Alt genug, kann er endlich seiner Familie entkommen und ein unabhängiges Leben führen, er kann und er will eine eigene Familie gründen.

Im August 1912 trifft Kafka Felice Bauer. Doch Felice lebt in Berlin, und er in Prag. Ihre Treffen finden recht selten statt, die Kommunikation läuft vorwiegend übers Briefeschreiben. Kafkas ständiges Zweifeln, seine häufigen an Verzweiflung grenzenden Zustände, die in keinen gewohnten Rahmen passten, stießen bei dem Berliner Fräulein auf Unverständnis.

Sie ist kurz davor, die Beziehung aufzulösen, doch irgendetwas hält sie immer wieder davon ab, sie zögert, kann es nicht tun. Franz quält das Mädchen und quält sich selbst. Als er keine Nachricht mehr von ihr erhält, wird er nervös und überhäuft Felice mit Briefen. Kommt endlich die ersehnte Antwort, verfällt er erneut unendlichen Zweifeln. Im Sommer 1913 listet er Vor- und Nachteile einer Eheschließung für sich auf. Die Contra-Liste ist länger. In „Tagebücher“ (21. Juli) notiert er: „Elend bin ich!“ Dem folgt der Aufschrei: „Was für ein Horror!“

Der Anfang vom Ende
Die Zukunft ist so ungewiss, dass er dem Selbstmord nahe ist – der einzige Ausweg erscheint ihm ein Sprung aus dem Fenster. Kurz davor drängt sich ihm der Gedanke auf, dass die Ehe trotz allem Rettung sein kann. Seine Zweifel überwindend, macht er Felice einen Antrag. Doch eine einzige Erfordernis für eine bevorstehende Hochzeitsreise versetzt ihn derart in Erregung, dass er nach Riva flieht, ins Sanatorium Hartungen, wo er ein romantisches Abenteuer mit einer Fremden aus der Schweiz erlebt. An seinen engen Freund, den Schriftsteller Max Brod, schreibt Kafka: „Es ist zu spät. Die süße Trauer und die Liebe. Das im Boot verursachte Gelächter. Das war das Schönste. Immer der Wunsch zu sterben und das einzige, was einen davon abhält, Liebe.“

Die Verlobung mit Felice findet dennoch statt, doch hält die Beziehung nur noch zirka ein Jahr. Die junge Frau versteht ihn nicht. Im Jahr 1915 kommen sie wieder zusammen. Noch zwei Jahre sollten die zwei brauchen, um ein erneutes Verlöbnis einzugehen, und fünf Monate, um zu begreifen, dass sie einfach nicht zusammen gehören.

Angst und Bange
Kafka versucht trotz allem sein Leben nicht aus der Bahn gleiten zu lassen. Mit Julie Wohryzek, der Tochter eines Synagogendieners, ereignete sich fast das gleiche wie mit Felice. Im Winter 1920 reist Kafka nach Wien, wo ihm das Schicksal Milena schenkt. Die talentierte Journalistin veröffentlichte jeden Sonntag einen Artikel in der Prager Wochenzeitung „Tribuna“. Doch das Geld reichte nicht, und so musste sich manchmal am Bahnhof was dazuverdienen – den Reisenden die Koffer tragen. Sie war ein „zu offenherziges“ Mädel, und so weigerten sich die Eltern, sie materiell zu unterstützen. Nach falschen Männern war Franz Kafka für sie so etwas wie Befreiung. Die vier Tage, die er mit Milena in Wien verbrachte, waren vielleicht die schönsten seines Lebens. Alles mit ihr bereitete ihm Freude; sogar einfache Café- oder Laden-Besuche. Trotz seiner Krankheit, trotz seiner Ängste vor dem Unbekannten, vor fremden Menschen, vor einer neu aufflammenden Liebe, lief er hinter ihr her wie ein Kind, war einfach glücklich. Alles Schöne aber endet oft viel zu schnell. Kafka musste zurück nach Prag. Wieder kamen Briefe und Telegramme zum Einsatz, und wieder diese Zweifel. So schnell ihre Liebe aufgeflammt war, war sie auch schon erloschen. Milena hatte es nicht geschafft, sich von ihrem altem Liebhaber Pollak zu trennen, der sie – nach ihrer eigenen Aussage – hundertmal im Jahr betrog. Und sie war nicht stark genug, sich Kafkas Leben, einem asketischen, hinzugeben.

Milena an Max Brod im Sommer 1920
„Frank (Anmerkung des Autors: So nannte Milena ihren Liebsten) … kann nicht leben. Frank ist unfähig zu leben. Frank wird sich niemals erholen. Frank wird bald sterben. Zweifellos sind wir alle in der Lage zu leben, weil wir gelernt haben Zuflucht in Lügen, in Ignoranz, in Begeisterung, im Optimismus, in Überzeugungen, im Pessimismus etc. zu suchen. Er aber sucht nicht danach, in keinem davon. Er ist absolut unfähig zu lügen, und genauso unfähig sich zu betrinken. Er ist aller Zuflucht, Obdach, beraubt. Deshalb ist er vor den Kräften ohnmächtig, gegen die wir gewappnet sind. Er ist wie ein Unbekleideter unter bekleideten Menschen. Alles, was er sagt, was er darstellt und von was er lebt, ist nicht einmal die Wahrheit. Das ist eine bloße Verzerrung der Wirklichkeit, frei von jeglicher Verunreinigung, die ihm dabei hilft das Leben zu verzerren, ob in Richtung Schönheit oder Elend – das ist gleich … Frank ist kein Mensch, der die Askese dafür nutzt, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Er ist ein Mensch, der durch seine schreckliche Voraussicht, Reinheit und Kompromisslosigkeit zur Askese gezwungen wird … Seine Bücher sind erstaunlich. Er selbst ist noch erstaunlicher ...“

Das Leid
… Einmal appellierte er an sich, sich nicht zu schonen, weil man nicht verschont werden kann. Und einmal flehte er den Allmächtigen an, Mitleid mit ihm zu haben, mit dem Sünder, und ihn nicht aufzugeben.
Kafka kämpfte so lang wie er nur konnte. Bis ihn die geistigen und physischen Kräfte verließen. Im August 1917 kam es zum ersten Mal zur Hämoptyse. Kafka selbst glaubte, dass sein Bluthusten psychische Ursachen hätten. Er unternimmt nichts dagegen, und erst Anfang September gelingt es seinem Freund Max ihn dazu überreden, sich an Ärzte zu wenden. Die Diagnose: Katarrh der oberen Lungen, Auftreten von Tuberkulose kann nicht ausgeschlossen werden.

Im Kurort Müritz am Ostseestrand trifft er sich mit Dora Diamant. Kafka ist 40 Jahre alt und von der Krankheit und der Last des Seins gezeichnet. Die strahlende Optimistin Dora ist nicht älter als zwanzig. Er weiß nichts über das Mädchen, und sie hat keine Ahnung wer vor ihr steht. Aus der Bekanntschaft wird sehr bald mehr. Endlich bekommt Kafka das, wonach er gesucht hat. Er findet die Kraft, sich vom Joch seiner Familie zu befreien und sich mit Dora in den Berliner Vorstädten niederzulassen. Max besucht ihn, wenn er in der deutschen Hauptstadt ist. Franz sagt, dass ihn seine Dämonen endlich verlassen hätten: „Ich bin ihnen entkommen, dieser Umzug nach Berlin war wunderbar, jetzt suchen sie nach mir, aber finden mich nicht, zumindest noch nicht.“ (…)

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