Franz Kafkas Haltung zur nationaljüdischen Bewegung  

Von Dr. Ludger Joseph Heid

Anders als viele seiner Zeitgenossen hat Franz Kafka jüdische Existenzen und Problemstellungen in seinen literarischen Texten nie explizit thematisiert, sondern vorwiegend implizit, anspielend, parabolisch genutzt. In seinen Tagebüchern und Briefen hingegen hat er den Versuch einer jüdischen Selbstbestimmung seiner Literatur und Existenz sehr wohl unternommen.

In den Jahren vor, im und nach dem Ersten Weltkrieg wurde eine innerjüdische Debatte über den Antagonismus West- und Ostjudentum geführt. Kafka rechnete sich zum Westjudentum. In diesem Zusammenhang schrieb er 1920 an seine Freundin (und Übersetzerin) Milena Jesenska: „Wir kennen doch beide ausgiebig charakteristische Exemplare von Westjuden, ich bin, so viel ich weiß, der westjüdischste von ihnen, das bedeutet, übertrieben ausgedrückt, dass mir keine ruhige Sekunde geschenkt ist, nichts ist mir geschenkt, alles muss erworben werden, nicht nur die Gegenwart und Zukunft, auch noch die Vergangenheit“. Vor allem Martin Buber und Nathan Birnbaum waren es, die die Opposition Westjuden/Ostjuden zum entscheidenden Kriterium des Kulturzionismus erhoben hatten.

Wie war es um Kafkas Jüdischkeit bestellt? Wie stand er zum Zionismus? Saul Friedländer stellt in seiner Kafka-Biografie kurz und bündig fest: „Franz hielt sowohl zur Religion als auch zum Zionismus Abstand“. Abstand halten heißt gleichwohl nicht, dass er die nationaljüdische Bewegung ablehnte. Man sollte schon genau hinschauen.

Väterlicherseits hatte Kafka vom Judentum nicht allzu viel mitbekommen: Hermann Kafka wollte um jeden Preis die mühsam errungene Assimilation bewahren. Dem aufbegehrenden Sohn erschien die Aufgabe einer jüdischen Identität nicht akzeptabel, auch wenn es ihm an der rechten Verbindung zur Religion bis zuletzt mangelte. Kafka litt am Judentum, ohne dass es ihm je in den Sinn gekommen wäre, den Schritt durch die Tore der Konversion zu gehen.
Dem Antisemitismus in seiner Umgebung stand er nicht teilnahmslos gegenüber. Als er bei judenfeindlichen Unruhen in Prag 1920 den Pöbel „räudige Rasse“ brüllen hört, fragt er sich, ob es nicht selbstverständlich sei, von dort wegzugehen, wo man so gehasst werde, um hinzuzufügen: „Zionismus oder Volksgefühl ist dafür gar nicht nötig“. Von seinem Fenster aus beobachtete er, wie berittene Polizei die Menge auseinandertrieb und fühlte die „widerliche“ Schande, „immerfort unter Schutz zu leben“. Auch angesichts dieser Vorfälle wurde Kafka, anders als es sein engster Freund Max Brod stets behauptet hatte, nie Zionist, auch wenn seine Einstellung zum Zionismus (bestenfalls) von distanzierter Sympathie gekennzeichnet war.

Die Frage, ob Kafka Zionist war oder nicht, ist nicht eindeutig zu beantworten, zu widersprüchlich sind seine Selbstaussagen wie die seiner Zeitgenossen. Dass er der zionistischen Idee, dem jüdischen Volk eine Heimstätte in Palästina zu schaffen, positiv gegenüberstand, scheint zweifelsfrei bewiesen. Besonders Max Brod hat Kafkas Interesse am Zionismus betont und sich dadurch dem Verdacht ausgesetzt, er habe dem Freund posthum seine eigene zionistische Überzeugung untergeschoben.

Die vielfach vertretene Meinung, dass Kafka erst durch Brods Einwirkung zum Zionismus hingelenkt worden sei, widerlegt Brod mit Hilfe der Aussage eines Mitschülers von Kafka aus dem Gymnasium. In einem Interview mit einer kommunistischen, also keinesfalls pro-zionistischen Prager Zeitung im Jahre 1965, sagte dieser nichtjüdische Schulfreund, Kafka sei in seiner Schülerzeit „begeisterter Zionist“ gewesen und habe ihm Grundlagen und Ziele dieser Bewegung eingehend erklärt. Demnach hatte Kafka bereits zu seiner Schulzeit sympathischen Anteil am Zionismus gewonnen. Für seine zionistischen Ambitionen mag ebenso sprechen, dass er Kontakte zum zionistischen Verein „Bar Kochba“ in Prag pflegte wie er seine Erzählungen „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ (1913) und „Vor dem Gesetz“ in der zionistischen Zeitschrift „Selbstwehr“ (1915) veröffentlichte.

Die Rede „über die jiddische Sprache“, die Kafka am 28. Januar 1912 im jüdischen Rathaus in Prag gehalten hatte, zeigt freilich auch, dass Kafkas Begriff von der ostjüdischen Kultur quer zu den Forderungen des Zionismus stand, sah er doch in der jiddischen Sprache nicht die Qualität einer nationalen, gemeinschaftsstiftenden Institution, sondern gerade die Subversion von grammatischer, politischer und sozialer Ordnung.

Dem Zionismus hat Kafka das Etikett „Eingang zu etwas Wichtigerem“ zugebilligt, während das Arsenal des Chassidismus für den Parabeldichter ein Glaubensschatz war, der ihn, den Wesensverwandten, mehr und mehr faszinierte.
Im September 1912 begann Kafka einen intensiven Briefwechsel mit Felice Bauer mit der Erinnerung an ihr gut zionistisches Versprechen, „im nächsten Jahr eine Palästinareise mit ihm machen zu wollen“. An Grete Bloch schrieb Kafka diesen rätselhaften Satz: „Ich bewundere den Zionismus und ekle mich vor ihm“. Zwei Fragen bleiben in diesem Zusammenhang unbeantwortet: Warum lernte Kafka von 1917 an eifrig Hebräisch? Und was bedeuten seine Bemerkungen, nach Palästina gehen zu wollen?

Zentrum des ostjüdischen Kulturlebens in Berlin in der Zeit des Ersten Weltkriegs war das Jüdische Volksheim in der Dragonerstraße, von dem über die Hauptstadt und alle Konfessionsgrenzen hinweg wesentliche kulturelle, sozialpolitische und pädagogische Impulse ausgingen. Eine der jüdischen Aktivistinnen dort war Kafkas Braut Felice Bauer.
Der Begründer des Volksheims, der Sozialpädagoge Siegfried Lehmann, wollte armen ostjüdischen Kindern des Berliner „Scheunenviertels“ helfen; das Heim selbst sollte zur Begegnungsstätte von Ost- und Westjuden aus verschiedenen sozialen Schichten werden.

Lehmanns Idee einer „jüdischen Volksarbeit“ zog viele jüdische Intellektuelle an, die unter dem Eindruck des Weltkrieges und ihrer ersten Begegnung mit dem Ostjudentum an ihre jüdischen Wurzeln erinnert wurden und das System der Volkserziehung auf das jüdische Proletariat zu übertragen suchten. In einer „Aufbruchstimmung“ versuchten sich vor allem Söhne und Töchter des deutsch-jüdischen Bürgertums von der „Hohlheit der bürgerlichen Wohltätigkeit“ zu lösen und wandten sich neuen Formen einer jüdischen Sozialarbeit zu.

Die Initiatoren des Volksheims sahen sich selbst als „Kulturzionisten“. Sie waren Westjuden, die über jüdische Dinge zwar nur „embryonale Kenntnisse“, aber einen natürlichen Idealismus besaßen. Dieser Mangel an Kenntnissen vom Judentum stieß bei jenen, die der Entwicklung dieser Institution ansonsten positiv gegenüberstanden, auf Kritik. Die Begeisterung für ostjüdische Kultur eines kleinen, engagierten Kreises deutscher Juden auf der Suche nach dem verlorenen Judentum, deren Naivität und jugendbewegte Schwärmerei, hat Gershom Scholem mit dem Wort „Bubertät“ glossiert.

Von 1911 an war Kafka regelmäßiger Leser der zionistischen Zeitschrift „Selbstwehr“, besuchte Vorträge über den Zionismus und, das wissen wir heute, Teilnehmer am 11. Zionistenkongress im September 1913 in Wien. Er war also bestens über den Zionismus informiert. Angeregt durch die Dichterlesung seines Freundes Max Brod und nicht zuletzt durch die Teilnahme seiner Braut, Felice Bauer, die er geradezu zur Mitarbeit drängte, hat er die Entwicklung des Volksheims von Prag aus von den Anfängen an mit Sympathie verfolgt. „Stell Dich [...] zur Verfügung. Die geringe Zeit, die Dir bleibt“, schrieb er Felice Bauer am 30. Juli 1916 aus Prag, „kannst Du [...] nicht besser verwenden als dort (im Volksheim - L.J.H.), es ist unzählige mal wichtiger als Theater, Klabund, [...] und was es sonst noch gibt“.

Bemerkenswert ist hier, wie sehr Kafka an der zionistischen Idee, die der Arbeit im Volksheim zugrunde lag, seine eigene Einstellung zum Zionismus reflektiert und sich mit seiner Braut über diesen Aspekt auseinandersetzt. Er schrieb ihr am 12. September 1916: „Mit dem Zionismus hängt es (dies gilt aber nur für mich, muss natürlich gar nicht für Dich gelten) nur in der Weise zusammen, dass die Arbeit im Heim von ihm eine junge, kräftige Methode, überhaupt junge Kraft erhält, dass nationales Streben anfeuert, wo anderes vielleicht versagen würde und dass die Berufung auf die alten ungeheuren Zeiten erhoben wird, allerdings mit den Einschränkungen, ohne die der Zionismus nicht leben könnte. Wie Du mit dem Zionismus zurechtkommst, das ist Deine Sache. Jede Auseinandersetzung (Gleichgültigkeit wird also ausgeschlossen) zwischen Dir und ihm wird mich freuen. Jetzt lässt sich darüber noch nicht sprechen, solltest Du aber als Zionistin einmal Dich fühlen (einmal hat es Dich ja schon angeflogen, es war aber nur ein Anflug, keine Auseinandersetzung) und erkennen, dass ich kein Zionist bin – so würde es sich bei einer Prüfung wohl ergeben – dann fürchte ich mich nicht und auch Du musst Dich nicht fürchten, Zionismus ist nicht etwas, was Menschen trennt, die es gut meinen“.

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