Januar 4, 2016 – 23 Tevet 5776
„Wir werten Leid nicht!“

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Die moralische Fäule der modernen Linken  

Von Evelyn Gordon

Die israelische Journalistin Amira Hass hat mir endlich ein Mysterium erklärt, das mich schon lange verwirrte: Wie schafft es die Europäische Union ihre Politik im Nahen Osten mit ihrem Selbstverständnis als Held der Moral, Menschenrechte und des Mitgefühls zu in Einklang zu bringen? In einem kurzen Satz fasst sie geschickt die moralische Fäule im Herzen der modernen, multikulturellen Linken zusammen: „Wir werten Leid nicht.“

Das große europäische Mysterium ist die Tatsache, dass der syrische Konflikt auf Europas außenpolitischer Tagesordnung weit hinter dem palästinensisch-israelischen bleibt, obwohl die Krise in Syrien sowohl auf moralischem wie praktischen Gründen Vorrang verdient. In ihm wurden nicht nur in vier Jahren mehr als zehnmal so viele Menschen getötet als im palästinensisch-israelischen Konflikt in sieben Jahrzehnten, er flutet aktuell Europa mit Flüchtlingen und schafft, wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel vermerkte, eine noch größere Bedrohung der europäischen Einheit als die Euro-Krise.

Diese Reihenfolge der Prioritäten kann auch nicht damit entschuldigt werden, dass man in Syrien westliche Hilflosigkeit ausruft: Ideologisch unterschiedliche Experten stimmen darin überein, dass Flugverbotszonen es den meisten Syrern ermöglichen könnten sicher in ihrem Heimatland zu bleiben. Auftritt Hass, eine Ha’aretz-Kolumnistin, Baby mit roten Windeln und Jüngerin der linksextremen Theorie, die am besten für ihre radikal pro-palästinensischen/anti-israelischen Ansichten bekannt ist. Vor zwei Wochen veröffentlichte sie eine Kolumne, die den Holocaust und die palästinensische Nakba – ein Begriff, den sie nutzt, um damit zu sagen, dass alles, was Palästinenser wegen ihres Konflikts mit Israel in den letzten 70 Jahren erlitten haben, vergleicht und einander gegenüberstellt. Sie gibt gütig zu, dass sie nicht gleichwertig sind, unter anderem weil die Nazis Völkermord begingen, während Israel nichts dergleichen getan hat. Aber dann erklärt sie, warum diese Nichtgleichsetzung keine wirkliche Rolle spielt:

Niemand hat das Recht das Leiden von Völkern und menschlichen Wesen irgendwie zu vergleichen oder es zu quantifizieren, zu berechnen. Wir wollen nicht messen. Wir wollen Leiden nicht werten.
Das ist, in aller Kürze, die moralische Abdankung im Herzen der multikulturellen Linken von heute: In ihrem angeblich edlen Wunsch sicherzustellen, dass kein Leiden unbemerkt oder vernachlässigt wird, hat sie jeden Kern von Moral aufgegeben – die Fähigkeit Unterschiede zu machen, die dafür entscheidend ist moralische Entscheidungen zu treffen.

In einer idealen Welt würde alles Leiden gelindert. Aber in der realen Welt mit ihren begrenzten Ressourcen an Zeit, Energie und Geld, müssen Entscheidungen getroffen werden. Und es gibt keine moralische Möglichkeiten zu entscheiden, welche Gründe Priorität verdienen ohne genau das zu tun, was Hass für moralisch nicht vertretbar hält – Leiden zu bewerten. Im Wesentlichen verlangt das eine moralische Version von Selektierung: Leiden, das wir lindern können, verdient größere Aufmerksamkeit als Leiden, mit dem wir das nicht tun können; Leiden, das stärker oder weiter verbreitet ist, verdient größerer Aufmerksamkeit als Leiden, das weniger stark oder verbreitet ist; das Leiden Unschuldiger verdient mehr Aufmerksamkeit als das Leiden der Schuldigen; und wenn diese drei Indikatoren nicht alle in dieselbe Richtung deuten, müssen sie auch gegeneinander abgewogen werden.

Auf dem elementarsten Niveau tun wir das instinktiv: Wenn zum Beispiel ein Polizist gleichzeitig einen versuchten Mord und einen versuchten Raub stattfinden sieht, würden wir von ihm erwarten sich auf die Verhinderung des Mordes statt auf die des Raub zu konzentrieren. Aber auf jeder Ebene, die komplexer als diese ist, kommt der Intellekt ins Spiel. Und die intellektuellen Prinzipien der modernen, multikulturellen Linken diktieren, dass „wir Leiden nicht werten“.

Aber wenn dem so ist, dann haben wir keine moralische Verpflichtung das größere Leid statt das weniger große zu lindern, denn wir können nicht feststellen, welches welches ist. Und so kann die Linke rechtfertigen, dass sie stattdessen auf ein Kriterium zurückgreift, dessen Unmoral offenkundig sein müsste, das aber den Vorzug hat, leichter bestimmt werden zu können: nicht wieviel Leid verursacht wird, sondern wer (!) es verursachte. Kein moralischer Mensch würde einen einzelnen Mord einzig aufgrund dessen, wer der Täter ist (sagen wir: ein Franzose oder ein Brite), für mehr oder weniger wichtig erachten. Aber es ist in Europa moralisch absolut vertretbar geworden Kriegstote abhängig davon als mehr oder weniger wichtig zu erachten, ob sie Israel (oder Amerika) zur Last gelegt werden können oder nicht.

Da wir Leiden nicht werten können, ist es absolut vernünftig, wenn Millionen Europäer gegen einen Krieg demonstrieren, in dem im letzten Sommer 2.000 Menschen im Gazastreifen getötet wurden, aber nicht gegen einen Krieg in Syrien, bei dem 250.000 getötet wurden. (...)

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