10 Jahre Kampf gegen Antisemitismus an deutschen Universitäten  

Die „Akademiker für Frieden im Nahen Osten e.V“ kämpfen seit 10 Jahren aktiv gegen anti-israelische Tendenzen an deutschen Hochschulen

Dr. Elvira Grözinger ist Vorsitzende und Sprecherin der deutschen Sektion der „Scholars for Peace in the Middle East“, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Die Literaturwissenschaftlerin, Publizistin und Übersetzerin gehört zu den Gründungsmitgliedern und war mehrere Jahre die stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was sind die Scholars for Peace of the Middle East? Für welche Werte stehen die Mitglieder ein und welche Ziele verfolgen sie?

Elvira Grözinger: Die Vereinigung „Scholars for Peace in the Middle East“ (SPME) ist eine internationale Non-Profit-Wissenschaftlerorganisation, der in mehreren europäischen Ländern, vor allem aber in den USA, 50.000 Mitglieder angehören. Die Organisation wurde 2002 in den USA als Antwort auf den aus Großbritannien geplanten Boykott der israelischen Universitäten und Wissenschaftler gegründet. Das Ziel war und ist, an den Hochschulen im akademischen Milieu dem Antisemitismus und Antiisraelismus zu begegnen und durch sachliche Debatte und Aufklärung über den Nahostkonflikt zu einem besseren Verständnis und somit zur Verständigung beizutragen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Warum ist der Fokus auf Forschung und Lehre an den Universitäten und Hochschulen so wichtig?

Elvira Grözinger: Weil der Antisemitismus in der Gesellschaft weit verbreitet ist und die Darstellung des Nahostkonflikts an deutschen Universitäten, kirchlichen Akademien und parteinahen Stiftungen immer noch nicht frei von juden- und israelfeindlichen Inhalten ist, die nicht selten von nicht objektiven oder unzureichend informierten Dozenten oder Gastrednern vermittelt werden. Die dort Ausgebildeten sind die künftigen Meinungsträger und müssen mit korrekten historischen Fakten umgehen können.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was kann das Bildungssystem tun, um Antisemitismus und Feindseligkeiten gegenüber Israel entgegenzuwirken?

Elvira Grözinger: Wenn die deutsch-jüdische Geschichte, die jüdische Kultur und die Geschichte des Nahostkonflikts richtig dargestellt werden, beugt es Vorurteilen und der Judenfeindschaft vor. Da sich die Bildungsanstalten an Multiplikatoren wie Publizisten oder Lehrer wenden, ist es verheerend, wenn falsche Informationen weitergegeben werden, insbesondere an Schüler und Medien.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Seit zehn Jahren gibt es einen Ableger des Verbands in Deutschland, ein stolzes Jubiläum! Lassen Sie uns deshalb kurz zurückblicken: Von wem wurde SPME Deutschland 2007 gegründet? Und gab es einen bestimmten Grund zu jener Zeit, auch in Deutschland aktiv zu werden?

Elvira Grözinger: Die deutsche Sektion (Akademiker für Frieden im Nahen Osten e.V.) entstand 2007 als Antwort auf erneute Boykottaufrufe gegen israelische Hochschulen und Wissenschaftler. Ihre Ziele sind dieselben wie die der amerikanischen Vereinigung. Gegründet wurde sie von einigen engagierten deutschen Akademikern, zu denen ich gehöre, und ist seither, unabhängig von der Fachdisziplin, Herkunft oder Religion ihrer Mitglieder, sowohl im universitären als auch sonstigem Bildungssektor aktiv. Wir arbeiten auch mit anderen befreundeten Organisationen zusammen und sind für alle Gleichgesinnten offen. Zudem unterstützen uns Studierende und Dozenten, die an ihren Institutionen mit antiisraelischen Tendenzen und Antisemitismus konfrontiert sind.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Würden Sie sagen, dass sich in den vergangenen zehn Jahren die Haltung der Lehrenden an den Universitäten in Deutschland zum Thema Israel und Konflikten im Nahen Osten verändert hat – womöglich zum Positiven? Kann SPME Deutschland Erfolge für sich verbuchen?

Elvira Grözinger: Ja und nein. Einerseits gibt es inzwischen schon eine gewisse Sensibilität im Umgang mit dem Thema, aber auf der anderen Seite haben wir es mit einer verstärkten antiisraelischen Propagandaaktivität von muslimischen oder deutschen araberfreundlichen Studierenden und Dozenten bei Veranstaltungen zu tun, die zum Teil aus dubiosen Quellen finanziert werden. Doch wir haben durchaus Erfolge zu verbuchen, wie die mehrfache Verhinderung von eindeutig israelfeindlichen Veranstaltungen mit Gastrednern, Überprüfung und sogar Entlassung von Dozenten, die wissenschaftlich nicht haltbare Inhalte vermitteln. Wir haben auch bezüglich einiger einseitig antiisraelischer, bisweilen antisemitischer Darstellungen in deutschen Schulbüchern bei Verlagen erfolgreich interveniert. Aber es gibt leider noch viel zu tun und wir sind noch längst nicht überflüssig geworden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Gibt es Problematiken oder Themen, die in Bezug auf israelbezogenen Antisemitismus deutschlandspezifisch sind?

Elvira Grözinger: Ja. Es gibt natürlich auch unter den deutschen Akademikern die Neigung zur sogenannten Israelkritik, einer oft an den Antisemitismus grenzenden Schuldabwehrreaktion mit der Sicht auf Juden als „Täter“ im Nahostkonflikt, gepaart mit der Forderung nach dem „Schlussstrich“. Deutsche Begriffe wie „Auschwitzkeule“ oder „Tätervolk“ sind ja bekannt.  

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Seit einigen Jahren flüchten viele Menschen aus Krisengebieten nach Deutschland, überwiegend aus muslimisch geprägten Ländern. Unlängst werden Stimmen über einen neuen Antisemitismus in Deutschland laut. Welche Beobachtungen hat SPME Deutschland in dieser Sache gemacht? Wie kann Deutschland dagegen vorgehen?

Elvira Grözinger: Mit den Migranten aus den islamischen Ländern ist ein großer Nachschub an Antisemiten und Israelfeinden jeden Alters nach Deutschland gekommen. Zusammen mit der zu beobachtenden verstärkten Radikalisierung unter den hier – wie auch in anderen europäischen Ländern – geborenen muslimischen Jugendlichen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem entstanden, das nur durch energische Maßnahmen der Staatsorgane in den Griff zu bekommen ist: Strikte Einhaltung des Grundgesetzes, Respekt unserer demokratischen und ethischen Werte, Beseitigung der Parallelgesellschaften, verstärkte Aufklärung und Kontrolle der islamischen religiösen Ausbildungsstätten. Fälle von Hass und Aggressivität, die in letzter Zeit besonders virulent sind, dürfen in einer zivilen Gesellschaft nicht geduldet und müssen geahndet werden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Kommen wir zurück zum Jubiläum – wie feiert der Verband sein zehnjähriges Bestehen?

Elvira Grözinger: Wir planen – neben den wie bisher während des Jahres üblichen Vorträgen – am Jahresende ein Symposium, bei dem die mit unserer Arbeit hierzulande und dem für die jüdische Geschichte und den Staat Israel zusammenhängenden Themen aus verschiedenen Blickwinkeln erörtert werden sollen. Zu den Rednern werden AkademikerInnen aus dem SPME und weitere geladene Hochschullehrer wie auch Journalisten, Publizisten und PolitikerInnen gehören.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Sie sind nun seit gut acht Wochen Vorsitzende der Sektion in Deutschland. Wodurch wird Ihre Arbeit in den nächsten Jahren geprägt sein? Sind Sie optimistisch, wenn Sie an die Zukunft denken?

Elvira Grözinger: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagt der Volksmund. Wenn es den Juden in Deutschland schlecht geht, ist es ein Alarmzeichen für den Zustand der Gesellschaft, deren Teil wir alle sind. Wir haben viele Freunde, aber gleichzeitig auch Gegner, die an einem politischen und gesellschaftlichen Frieden nicht interessiert sind. Unsere Aufklärungsarbeit ist nötig und muss fortgesetzt werden, denn Deutschland hat eine Verantwortung den jüdischen Bürgern in diesem Land wie dem Staat Israel gegenüber und die besonderen Beziehungen müssen fester im Bewusstsein der jüngeren Generation verankert sein werden. Das ist die Aufgabe der Bildungspolitik auf allen Ebenen. Diese Botschaft herüberzubringen, ist eines unserer Ziele. Wir wollen unseren Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden leisten und mit vereinten Kräften – with a little help from our friends – wird es auch besser gelingen. Wir laden alle ähnlich denkenden AkademikerInnen ein, uns hierbei zu unterstützen – persönlich wie durch Spenden.

Kontakt: www.spme.org Mail: SPME.Deutschland@gmail.com

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