März 3, 2017 – 5 Adar 5777
„Wir haben gekämpft!“

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Juden in der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg  

Von Dmitri Stratievski

2014. Ich bin in Israel auf Einladung der Universität Tel Aviv und nehme an einer internationalen Konferenz zur jüdischen Diaspora weltweit teil. Im Raum sitzen neben Wissenschaftler, Politiker und Journalisten; straff und würdevoll auch ältere Herren mit sowjetischen Kriegsauszeichnungen auf den Sakkos. Solche Menschen kenne ich aus meiner alten Heimat. Das sind Kriegsveteranen, russisch „veterany“, letzte Zeugen des schrecklichsten Krieges in der Geschichte der Zivilisation.

In Vier-Augen-Gesprächen bezeichnen die meisten von ihnen sich selbst als „Sowjetjuden und israelische Staatsbürger“. Beide Teile ihrer Biografie schätzen sie gleichermaßen. Am 9. Mai (an diesem Tag wird in Russland der Sieg über den Hitler-Faschismus gefeiert) marschieren ehemalige jüdische Rotarmisten durch die israelischen Städte. An der Spitze des Zuges sind zwei Fahnen zu sehen: sowjetische mit rotem Stern und israelische mit David-Stern. „Veterany“ sind in Israel im „Verband der Veteranen des Zweiten Weltkrieges und Kämpfer gegen den Nazismus“ vereint. Die Organisation, die inzwischen seit 40 Jahren besteht, pflegt eine eigene Präsenz auf Facebook sowie eine russischsprachige Internetseite, auf der die Lebensberichte der Mitglieder und aktuelle Meldungen zu finden sind. In einer Extra-Rubrik, die aussagekräftig „meine Stadt“ heißt, sind alle Kriegsdenkmäler Israels akribisch aufgelistet, einschließlich des jüngsten 2012 in Netanya eröffneten Mahnmals.

„Front von Taschkent“
Der 90-jährige Abram-Michael Grinseid, Vereinsvorsitzender und Vorstandsmitglied des Zionistischen Forums, spricht etwas aufgeregt: „Wir haben gekämpft! In der Nachkriegssowjetunion gab es im Volksmund eine Beleidigung: ‚Front von Taschkent‘. So sprach man über die Juden. Uns wurde zur Last gelegt, wie seien alle Feiglinge und zögen im Krieg nach Taschkent in Usbekistan, nach Süden fort, um einen Fronteinsatz zu entgehen. Das war sehr bitter. Tatsächlich wurden im Krieg mehrere jüdische Familien nach Mittelasien und Kasachstan evakuiert. Wir schafften es in Bessarabien gerade vor den vorrückenden deutschen und rumänischen Truppen zu fliehen. 1943 wurde ich in Andischan im Alter von 17 Jahren in die Rote Armee einberufen“.

Grinseid kämpfte als Fallschirmjäger einer Eliteeinheit der Sowjetarmee im Baltikum, in Polen und in Tschechien. Er wurde mit dem Ruhmes-Orden gewürdigt, einer der meistrespektierten Soldatenauszeichnungen. Grinseid war einer von 500.000 sowjetischen Juden, die als Rotarmisten gegen die deutsche Wehrmacht eingesetzt wurden. Inzwischen ist der Beitrag der sowjetischen Juden zum Sieg über NS-Deutschland relativ gut erforscht. Von 500.000 Soldaten und Offiziere jüdischer Herkunft fielen im Kampffeld über 200.000, das heißt 40 % der Gesamtanzahl. 27 % der sowjetjüdischen Militärangehörigen wurden nicht im Rahmen der Mobilmachung eingezogen, sondern meldeten sich freiwillig, auch diejenige, die als hochqualifizierte Facharbeiter und Ingenieure davon freigestellt wurden. In manchen Einheiten bildeten die Juden einen beträchtlichen Teil des Bestandes. In der 201. Infanteriedivision unter Kommando des Obersts Jan Weikin waren bis zu 30% der Soldaten jüdisch. Die Litauische Division, oft „Jüdische“ genannt“, bestand zu einem Drittel aus Juden. Jüdisch waren 167.000 Offiziere, 92 Generäle, neun Armeebefehlshaber, acht Frontstabchefs, 34 Divisionskommandeure, 31 Kommandeure der Panzerregimente. Zusammengerechnet mit Admiralen und gleichgestellten Militärbeamten, gab es in der Roten Armee 305 Generäle.

157 Juden wurden 1941-1945 mit dem höchsten Ehrentitel „Held der Sowjetunion“ gewürdigt. Sie liegen damit auf dem vierten Platz in der nach ethnischer Abstammung gegliederten Liste des Volkskommissariats für Verteidigung der UdSSR, obwohl die Juden 1941 eine relativ kleine Volksgruppe in der Sowjetunion bildeten. Die meisten jüdischen Auszeichnungsträger waren Infanteristen, Artilleristen, Panzerfahrer und Pioniere, Vertreter der lebensgefährlichsten Armeegattungen im Frontalltag. Doch behinderte die antisemitische Einstellung der sowjetischen Führungsriege eine gerechte Würdigung der jüdischen Soldaten. Lew Kopelew, russischer Schriftsteller und Dissident im deutschen Exil und Professor der Universitäten in Wuppertal und Köln, schrieb: „Bereits 1943 erschienen geheime Befehle, in der Regel mündlich erteilt, zwecks Einschränkung der Anzahl jüdischer Auszeichnungsträger und Absetzung jüdischer Kommandeure“. Der russische Forscher Walerij Kardshaja bestätigte diese Äußerung und wies auf eine entsprechende Verordnung der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee vom Juli 1943 hin.

Der Blogger Alex Schulman dokumentierte mehrere Diskriminierungsfälle hinsichtlich der Juden. Im Juni 1941 richtete Isaak Presajsen sein abgeschossenes Flugzeug in die deutsche Panzerkolonne. Im Februar 1944 opferte Grigorij Gerschkowitsch sein Leben für die Wiederherstellung der Drahtverbindung zwischen den sowjetischen Einheiten während des entscheidenden Vorstoßes in der Ukraine. Isaak Kabo und Israel Fisanowitsch gehörten mit 11 und 13 erzielten Versenkungserfolgen zu den bekanntesten sowjetischen U-Boot-Kommandanten des Krieges. Laut Statut des Ehrentitels „Held der Sowjetunion“ sollten alle genannten Offiziere für ihre Kampfleistungen gewürdigt werden. Auch die Vorgesetzten erstellten entsprechende Atteste. Trotzdem wurde keiner von ihnen dementsprechend geehrt. (…)

Nach 1945 war das Thema „jüdisches Heldentum“ äußerst unerwünscht. Die erste, die darüber recherchierte, war Mira Shelesnowa, 1942-1948 leitende Mitarbeiterin des Jüdischen Antifaschistischen Komitees. Die jiddischsprachige sowjetische Zeitung „Einigkeit“ veröffentlichte Mitte 1945 ihre erste Liste von mit Kriegsauszeichnungen gewürdigten Juden. Shelesnowa erhielt die Daten von der Politischen Hauptverwaltung der Sowjetarmee. Später erschienen diese Angaben in den europäischen und US-amerikanischen Medien. 1950 wurde sie als „jüdische Nationalistin und feindliche Agentin“ festgenommen und erschossen. (…)

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