Ein Gespräch mit Anti-Terror-Legende Itay Gil über Zivilcourage, und die Chancen Terrorismus zu überleben  

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JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was ist der häufigste Fehler, wenn Menschen mit Schusswaffen konfrontiert werden?

Itay Gil: Menschen bilden sich ein, dass sie sehr schnell sind. Sie haben viele Filme gesehen und werden von Dingen beeinflusst, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Deshalb sind wir hier, um Einbildung von Wirklichkeit zu unterscheiden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wenn ich Zivilist bin und keinerlei Erfahrungen mit Waffen habe, wie komme ich am sichersten aus einer gefährlichen Situation raus?

Itay Gil: Die Wolfsrudeltaktik ist dafür fantastisch. Man schließt sich zusammen ohne sich groß zu kennen. Das funktioniert – nehmen wir nur das Beispiel einer Straßenkreuzung. Zwei Autofahrer können sich ohne Worte, nur mit Blicken und Gesten darüber verständigen, wer wohin fahren darf, ohne dass sie sich kennen. Simple kommunikative Fähigkeiten, die Menschen einfach beherrschen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wenn ich meinen Kidnapper in einer Geiselsituation irgendwie ansprechen muss, wie mache ich das?

IG: Es gibt kein spezielles Wort. Am besten ist es, eine ruhige Atmosphäre zu schaffen, vielleicht eine Art Dialog zu beginnen. Selbst wenn man bluffen muss und so tut, als hätte man Sympathien für seine Sache oder sein Anliegen, so ist das ein Weg, der vielleicht funktionieren kann. Aber wenn man zum Beispiel an radikale islamistische Attentäter denkt, dann geht es nicht um Geiselnahmen mit Verhandlungen, es geht nur darum möglichst viele Menschen zu töten. Eine richtig große Geiselnahme gab es schon lange nicht mehr. Es ging mehr darum, Menschen zu versammeln und hinzurichten. Menschen müssen sich bewusstmachen, dass ihr Zeitfenster in solchen Situationen sich geändert hat. Radikale Terroristen gehen mit einer anderen Einstellung an so etwas ran, sie sind willens, für die Sache zu sterben. Kriminelle können aufgeben, wenn sie unterlegen sind. Bei religiösen Attentätern ist die Ideologie das Problem, man kann nicht mit ihnen verhandeln. Sie haben sich bereits darauf eingestellt zu sterben und das ist etwas grundlegend anderes.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Also liegt meine größte Chance in der Wahrnehmung und Anpassung an die Situation?

IG: Du musst in den ersten Minuten sehr unterwürfig und kooperativ sein. Es kommt auf das Szenario an, also ist das schwierig zu sagen. Nehmen wir beispielsweise an, Menschen werden von einem Ort an einen anderen gebracht und dort mit noch mehr Menschen zusammengesperrt, dann würde ich ihnen empfehlen, sich anzupassen und auf den richtigen Moment zu warten. Aber auch hier: es kommt auf die Situation an. Wenn dort viele Gegner mit Waffen sind und man in der Unterzahl ist, dann lässt sich da wenig machen. Aber bei einem oder zwei Angreifern an einem öffentlichen Ort kann sich die Bevölkerung zusammenschließen und sie vielleicht abwehren.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Gibt es in Europa deiner Ansicht nach bestimmte Risikozonen, bestimmte Städte, die gefährlich sind?

IG: Ich würde sagen, es gibt bestimmt irgendwo eine Art Karte, die von Geheimdiensten zusammengestellt wurde, auf der erkennbar ist, welche Städte besonders gefährdet sind. Für Juden und Israelis gibt es zum Beispiel gerade eine Reisewarnung für die Türkei. Es kommt dort zu lokalen terroristischen Attacken gegen die Türken selbst, aber der letzte Anschlag galt jüdischen Touristen dort. Ein Attentäter hat sich eine Bombe umgeschnallt und sich in die Luft gesprengt, die Ermittlungen haben ergeben, dass er eigentlich auf eine israelisch oder jüdische Gruppe gewartet hatte, die aus einem Hotel rauskommt, um dann die Bombe hochgehen zu lassen. Es gibt in ganz Europa Bedrohungen. Wenn man mich fragt und außer acht lässt, was die Medien sagen, dann gibt es immer Chancen in eine Anschlagssituation zu geraten. Es wird nicht besser. Das Gesetz ist meiner Ansicht nach zu nachsichtig bei radikal-islamistischen oder gewaltbereiten Taten, verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen. Die Regierungen müssen agieren, um ihre Bevölkerung zu schützen. Berlin und London hören sich sehr sicher an, aber das ist immer sehr relativ. Niemand, der ein Ticket zu einem Konzert in Paris kauft, rechnet damit, erschossen zu werden. Was in Brüssel passiert ist, passt da genauso: Niemand rechnet damit, am Flughafen oder in der U-Bahn angegriffen zu werden. Wir glauben einfach nicht, dass so etwas passiert. Bis es dann passiert.

Das Gespräch führte Laura Külper

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