Keine Religion existiert so lange auf dem Gebiet des heutigen Deutschland wie das Judentum  

Von Eva Quistorp

Das erste Mal in meinem Leben – ich bin ein Nachkriegskind aus dem August 1945 – als ich von einem jüdischen Feiertag gehört habe, war wohl schon bei meiner Patentante Luise Thilo in Haan bei Wuppertal, die in der Zeit der Bekennenden Kirche mit einer Jüdin befreundet war, die überlebt hatte und die mir von ihren Besuchen in tiefer Erinnerung ist. Doch das ging als Kind an mir vorbei. Es gehörte aber zu meiner Lern- und Lebensatmosphäre auch in dem Pfarrhaus der Bekennenden Kirche, in dem ich in Heiligenkirchen, Kleve und Minden mit meinen Eltern aufwuchs. 

Mein Vater sprach wortgewaltig und in der prophetischen Tradition fast in jedem Gottesdienst, bei dem ich allmählich etwas verstand, die Judenverfolgung als großes Verbrechen an und donnerte gegen das Versagen der Christen. In vielen Formen, auch beim Tischgebet oder den Zinzendorflosungen (Herrnhuter Losungen) erinnerte er uns ständig an die Wurzeln des Christentums im Judentum, im Alten Testament, der Thora. Bei mir hat sich das tief eingeprägt. Es kam mir selbstverständlich vor.

Doch er hat sich damit in der Nachkriegswendehälsezeit nicht viele Freunde gemacht, galt daher als kantig und anstrengend, und das war nicht karrierefördernd – auch nicht in der Kirche. Er schien aber zu einem Freundeskreis von Johannes Rau und Gustav Heinemann zu gehören, denen ich mit sieben Jahren beim Kreiskirchentag bei uns in Kleve Apfelsaft einschenkte. Sie fanden wohl, dass ich ein nettes rothaariges Mädchen sei, das dann merkwürdigerweise 30 Jahre später die Friedensdemos gegen Atomwaffen in Europa in Bonn organisierte und so die beiden Männer wiedertraf.

Es gibt mir seit einigen Jahren zu denken – daher greife ich in der Erinnerung so weit zurück – dass es weder auf den von mir besuchten Kirchentagen, wo es ja auch den christlich-jüdischen Dialog mit Professor Gollwitzer gab, oder in der Studentenbewegung und APO bei „Teach-ins“ oder bei Adorno und Habermas (und was ich alles in den 60ern noch an Büchern verschlungen habe), im Suhrkamp- oder Rowohlt-Verlag irgendeinen Essay gab (Zeitungen habe ich damals nicht gelesen), wo ein offizieller jüdischer Feiertag für Deutschland gefordert hätte. Als Teil der sogenannten Aufarbeitung, wegen der Einsicht in die Schuld der Naziverbrechen und ihrer Mitläufer, als eine Form des Neuanfangs hätte man damit ein Zeichen setzen können.

Mit dem Judentum in Form lebendiger Menschen traf ich dann im Hause Gollwitzer durch seine Frau, seine ehemalige Verlobte Eva Bild, zusammen und als meine Patentante Luise mich zu ihrer alten Freundin Shapiro nach Turin schickte, wo ich vollkommen naiv war und fast nur von den Themen der Studentenbewegung sprach.

Ausgerechnet die internationale Friedensbewegung gegen Atomwaffen wurde bei mir zu dem Ort der Begegnung und Kulturerweiterung, bei der ich das erste Mal gemeinsam mit Juden aus England, Frankreich, Italien, Griechenland, den USA und Russland zusammen aktiv sein durfte.

Ebenso machte ich in den 90ern gegen die Belagerung von Sarajevo und den Völkermord in Srebrenica mobil, wiederum mit jüdischen Menschenrechtlern und Journalisten aus England, den USA, Polen und Frankreich, während ich in Deutschland zu diesem Thema kaum Mitstreiter fand.

Das erste Rosch Haschana
Es war Cora Weiss, eine Friedensaktivistin und Intellektuelle aus den USA, die mich zusammen mit ihrem Mann Peter Weiss, das erste Mal in meinem Leben zu einem jüdischen Festtag einlud: Rosch Haschana. Sie fragte mich, in welches jüdische Restaurant sie da mit mir und Solange Fernex, meiner Anti-Atom-Freundin aus dem Elsass, gehen könne. Damals gab es weder Internet noch Google und ich traute mich nicht nach der Geschichte des Festes zu fragen. Bei dieser Gelegenheit lernte ich aber zum ersten Mal, dass dieser Tag das Neue Jahr nach dem jüdischen Kalender feiert. Dass die Juden eine Zeitrechnung haben, die nicht mit Christi Geburt beginnt, das hatte ich in meinem Elternhaus gelernt – aber nicht in der Schule.

Erst als Micha Brumlik in Frankfurt ein jüdisches Bad vor dem Abriss zu retten versuchte, meldete ich mich zum Thema jüdische Kultur in Deutschland öffentlich als Mitglied des Bundesvorstandes der Grünen zu Wort und unterstütze ihn.
Auch für das jüdische Ehepaar in Bonn, das bei Bauarbeiten für ein Hotel die Fundamente einer jüdischen Synagoge besetzte und das sich gegen die Verwahrlosung jüdischer Friedhöfe oder deren Schändung durch rechtsradikale Jugendliche starkmachte, setzte ich mich ein.

Aber irgendwie dachte ich immer, dass ich mich in die Forderungen, die die lebenden und nach Deutschland wiederkehrenden Juden stellen, nicht einmischen.

Als in den Medien gemeldet wurde, dass die NPD zu Wahlen antritt und sich Neonazis wieder in der Öffentlichkeit breitmachten, kaufte ich mir zum ersten Mal den jüdischen Kalender als „Gegengift“ und bin das erste Mal in eine jüdische Buchhandlung in Berlin gegangen.

Nachdem ich eine schweren Autounfall überlebt habe, bei dem ich in Andalusien auf dem Bürgersteig angefahren wurde von einem, der entweder an Drogen oder am Handy hing, bin ich aus Dank mein Überleben, zum ersten Mal in Berlin in eine Synagoge gegangen – erst im Jahre 2000!

Es war in der linken Szene Westberlins überhaupt nicht üblich, die Synagoge zu besuchen oder Kontakt zur jüdischen Gemeinde zu halten – eher im Gegenteil.

Die Gruppe „Tupamaros West-Berlin“ soll sogar einen Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum geplant haben und viele Linke aus der Westberliner Szene sympathisierten eher mit den „Palästinensern“ und fuhren zur Waffenausbildung nach Jordanien oder in den Libanon. Ich habe da mal eine Einladung ziemlich bewusst abgelehnt – auch wenn ich das unzerstörte und schöne Beirut so nie im Leben gesehen habe. Aber das hatten mir meine Eltern und mein Professor Gollwitzer ziemlich nahe gebracht – dass ich als Deutsche für das Existenzrecht Israels einzutreten habe.

Ich dachte nur viele Jahrzehnte lang, „das machen schon andere als ich, der Staat, die Parteien, die Kirchen, die Kultur.“ Ich war naiv. Rückblickend konnte ich beispielsweise gar nicht glauben, dass der Auschwitzprozess noch solche Widerstände ausgelöst hat und dass Fritz Bauer so viele Gemeinheiten und Widerstände erfahren musste – was ich alles erst Jahre später erfuhr.
Spätestens seit dem Film über Fritz Bauer, der ja erst viele Jahrzehnte später herauskam, fragte ich mich, ob eventuell die 68er-Generation doch einiges vergessen und nicht richtig diskutiert hat.

Wie z.B. den 5. Juni 1967, als der 6-Tage-Krieg ausbrach und ich wie die meisten nur mit dem Mord an Benno Ohnesorg als einem von uns beschäftigt war, und von der Politik und den Kriegen im Nahen Osten wenig wusste. Ja, es gab die deutsch-israelische Studentengruppe, es gab Reisen nach Israel, es wurde über Philosemitismus diskutiert, aber der Antisemitismus schien Geschichte und vergangen zu sein.

Die Stolpersteine scheinen eine gute Form das Gedenkens an die vertriebenen und ermordeten Juden Europas zu sein. Es gibt „Aktion Sühnezeichen“, den „Verein gegen das Vergessen“, die Städtepartnerschaften, die Jüdischen Kulturtage etc.

Der Grüne Ströbele forderte einen islamischen Feiertag
Doch spätestens als Hans-Christian Ströbele von Bündnis 90/Die Grünen bei Debatten zu Gewalt in arabisch-moslemischen Milieus als Hilfsmittel für Integration ausgerechnet einen islamischen Feiertag forderte, sträubten sich mir alle Haare – und ich habe viele.

Ungeheuerlich fand ich diesen Vorschlag. Wie kann man im Land, das den Holocaust an den Juden organisiert und wenige der Überlebenden entschädigt und zurückgeholt hat, einen moslemischen Feiertag fordern, ohne je an einen Feiertag der Juden gedacht zu haben und sich dafür eingesetzt zu haben? „Da stimmt doch was nicht!“, sagte ich mir damals.

Nun aber – nachdem fast eine Million Moslems aus recht reaktionären und israelfeindlichen Ländern von Merkel (bejubelt von vielen Parteien, den Kirchen und Medien) als „humanitäre Großtat“ illegal ins Land gelassen wurden – und kurz bevor die AfD nicht nur in Landtagen, sondern auch bei der Bundestagswahl mehr als 10 Prozent gewinnen würde, wurde dieser Vorschlag wieder aufgegriffen.

Die Zeiten haben sich gewandelt, und was gestern noch ein Grüner forderte, schlägt heute ein CDU-Innenminister namens Thomas de Mazière vor. Von dem glück- und planlosen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz wurde der Vorschlag sogleich nachgeplappert, schließlich will man auch Wählerstimmen der Moslems – anscheinend auch von Erdogan-Anhängern und DITIB-Followern.

In den Medien wurde über den Vorstoß berichtet, aber kaum kritisiert, nicht einmal als Opportunismus, geschweige denn als vollkommen falscher Ansatz zur Integration der Moslems.

Dass der Antisemitismus sich nicht nur bei Alt- und Neonazis sowie in Teilen der Höcke-AfD wieder breitmacht, wird noch immer zu wenig wahrgenommen.

Bereits im Oktober 2015 habe ich darauf hingewiesen, dass es sofort geändert werden sollte, dass in Deutschheften für Asylbewerber nur Moschee und Kirche, aber nicht die Synagoge vorkommt. Bis heute wurde dieser Missstand nicht behoben, und seitdem trage ich mich mit dem Gedanken, einen jüdischen Feiertag für Deutschland zu fordern!

Einen jüdischen Feiertag, damit alle, die nach Deutschland wollen, hier leben und arbeiten wollen, wissen, dass dieses ein Land ist, in dem Juden leben und mit ihrer Religion und Kultur und Leistungen respektiert werden und eine lange Geschichte haben, voll wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und künstlerischer Erfolge.

Nun, ich möchte praktisch werden: Wann, wenn nicht jetzt, wo die Integrationsfrage so hohe Wellen schlägt und sich Europa neu formiert, wo der Antisemitismus auch in Ungarn und Frankreich leider um sich greift und der islamistische Terror viele west-europäische Länder bedroht? 

Ein jüdischer Feiertag sollte eingeführt werden! Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den anderen Ländern Europas.

Jom Kippur, welches ich in der Synagoge in Berlin erlebt habe, ist – wie es mir scheint – ein zu „schwieriges“ Fest für alle.

Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest
Jedoch gibt es ein Fest im jüdischen Kalender, das als „gemeinsamer Feiertag“ dienen könnte: Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest. 
Laut der jüdischen Weisen im Babylonischem Talmud werden bei der Rosch Haschana alle Menschen dieser Welt gerichtet, und zwar nicht nur Juden, sondern wirklich alle. Deshalb wäre ein Tag, an dem man innehält und über sein Leben nachdenkt, gerade in unseren Zeiten dringend nötig. 

Da in Neujahrs-Feierlichkeiten immer die Hoffnung auf einen Neuanfang, auf Überwindung des Bösen und der vergangenen Schuld enthalten ist, ist es gut, wenn wir alle als Teil einer gemeinsamen weltoffenen Leitkultur Europas auch in Deutschland lernen, die wichtigsten Feiertage anderer Religionen zu kennen, wie es der interkulturelle Kalender ja seit Jahren versucht – und Rosch Haschana als Teil der langen deutsch-jüdischen Kultur anzuerkennen.

Ich würde mich freuen, wenn ich noch erleben dürfte, dass im Jahreskalender der Kitas, Schulen und Unis vielleicht schon im Jahr 2019 – 70 Jahre nach Verabschiedung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland – ein jüdischer Feiertag eingeführt wird.

Ich fordere meine jüdischen Freunde zur Diskussion auf und hoffe, dass einige dazu schnell und vereint aktiv werden und so die großen Reden von Integration und Toleranz konkretisieren.

Ich fände es tröstlich, wenn ich jetzt langsam alt werde und auch eingestehen muss, was ich übersehen oder vergessen habe in meinem politischen Leben, wenn es neben dem 27. Januar und dem 9. November das jüdische Neujahrsfest, einen positiven jüdischen Tag also, als gemeinsamen Festtag in Deutschland geben würde.

(Ich danke Rabbiner Elischa Portnoy für die Beratung)

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