Zwei Fälle und zweimal ganz unterschiedliche Rahmenbedingungen  

Von Michael Welner

Präsident Obama verglich kürzlich Flüchtlinge aus Syrien, die sich in den USA ansiedeln wollen, mit jüdischen Flüchtlingen zur Zeit des Holocausts.

Ob Flüchtlinge aus moslemischen Ländern in den USA angesiedelt werden sollten, ist Thema hitziger Debatten und es gibt für beide Meinungen, pro und contra, starke Argumente.

Aber wie dem auch sei: Die Flüchtlinge aus Syrien mit den jüdischen Holocaust-Flüchtlingen zu vergleichen ist unangebracht und einige Lektionen des Holocausts dürfen in diesem Zusammenhang niemals vergessen werden:

1. Jüdische Flüchtlinge befanden sich mit niemandem im Krieg und waren für niemanden eine Bedrohung. Flüchtlinge aus Syrien hingegen fliehen vor einem Krieg in ihrem eigenen Land, in dem sie auf der einen oder der anderen Seite standen.

2. Jüdische Flüchtlinge wurden gejagt, um ermordet zu werden, wo auch immer sie sich befanden. Dies ist bei den Moslems von Syrien, die emigrieren, nicht der Fall.

3. Die jüdischen Flüchtlinge liefen buchstäblich um ihr Leben, und hatten keinen sicheren Ort in ihren Ländern, an den sie gehen konnten.
Syrische Flüchtlinge hingegen fliehen aus ihrem Land mit kaputter Infrastruktur, um eine sicherere und normale Existenz zu haben.
Sie haben außerdem die Option, in benachbarte arabische Staaten zu reisen – etwas, was die Juden während des Holocausts niemals hatten.

4. Jüdische Flüchtlinge hatten keinen Konflikt mit dem Westen. Die arabische Welt hingegen befindet sich mitten in einem offenen Konflikt mit dem Westen. Die USA haben einige der Kämpfer in Syrien gesponsert. Es gibt aber keine Möglichkeit herauszufinden, ob die syrischen Flüchtlinge, die in die USA kommen, zu der einen oder der anderen Kriegspartei gehören.

5. Jüdische Flüchtlinge brachten keine Terrorgefahr mit sich nach Amerika. Bereits in der Vergangenheit ist aber islamistischer Terror durch legal und illegal Eingewanderte in die USA getragen worden.

6. Der jüdische Flüchtlingsstrom wurde niemals missbraucht, um Kriminelle oder Terroristen über die Grenzen zu schleusen. Bei der syrisch-türkischen, moslemischen Migration war das allerdings sehrwohl schon der Fall.

7. Jüdische Flüchtlinge hatten keine jüdisches Land, in das sie fliehen konnten. Sie waren staatenlose Leute, die überall unsicher waren. Das „syrische“ Flüchtlingsproblem übersieht, dass es überall in der moslemischen Welt Gegenden gibt, die die Flüchtlinge kulturell integrieren könnten. Aber viele dieser Länder haben ihre Aufnahme verweigert.

So schädlich wie Präsident Obama für Israel und den Zionismus war, so einfach ist es auch , den Präsidenten für seinen ignoranten Vergleich zu kritisieren.

Eine genauer Überprüfung der Diskussion zeigt allerdings, dass schon vor der öffentlichen Stellungnahme des Präsidenten die „Hebrew Immigrant Aid Society“ (HIAS) einen Brief an den US-Kongress mit den Unterschriften von über 1.250 Rabbis geschickt hat, der folgende Behauptung enthielt:

„1939 haben die USA der S.S. St. Louis die Anlandung in unserem Land verboten und damit 900 jüdische Flüchtlinge wieder zurück nach Europa geschickt, wo viele von ihnen in Konzentrationslagern starben. Dieser Moment war ein Schandfleck in der Geschichte unseres Landes – eine tragische Entscheidung, die in einem politischen Klima von tiefer Angst, Verdächtigung und Antisemitismus gefällt wurde...1939 konnte unser Land nicht den Unterschied zwischen dem eigentlichen Feind und den Opfern des Feindes erkennen. Lasst uns 2015 nicht den selben Fehler nochmal machen.“

Was bei diesem Brief, der in Amerika eine große Debatte ausgelöst hat, keinem aufzufallen scheint, ist, dass heute tatsächlich niemand zwischen dem Feind und den Opfern unserer Feinde unterscheiden kann – wie selbst vertrauenswürdige Geheimdienstleute aus der Obama-Regierung zugeben. Und das bedeutet ein ernstes Problem für unsere nationale Sicherheit.

Dieses echte Dilemma von heute mit der Situation von 1939 zu vergleichen, wo die Juden vor allem wegen Judenfeindlichkeit nicht in den USA aufgenommen wurden, ist obszön.

Dass viele Rabbis bereit sind, solche Missverständnisse auch noch anzuheizen, zeigt ein weiteres Mal, dass solche Rabbis ungeeignet sind andere Menschen über jüdische Geschichte zu belehren.

Der Horror des Holocausts bleibt unvorstellbar, selbst jetzt, wo die Erinnerungen langsam mit dem Tod der alten Zeitzeugen verblassen.

Wie also können Rabbis, die eigentlich Anführer jüdischen Denkens sein sollten, solche idiotischen Vergleiche zwischen Holocaust-Flüchtlingen und Zuwanderern aus der arabischen Welt ziehen?

Meiner Meinung nach geht dieses Verhalten auf den jüdischen Imperativ zurück allen Menschen zu helfen, ob sie nun Juden seien oder nicht. Niemand kann leugnen, dass die jüdische nicht-diskriminierende Philanthropie unübertroffen ist. Aber wir müssen nicht mehr beweisen, dass wir nett sind. Und an jene gerichtet, die denken, dass wir der moslemischen Welt unserer Nettigkeit besser zeigen müssten, seien nur daran erinnert, wie viel jüdische Hilfe dem Iran und der Türkei nach Naturkatastrophen angeboten wurde, nur um abgewiesen zu werden, damit man die Juden weiter dämonisieren kann.

Juden werden nicht wegen ihres Mangels an Mitgefühl angeprangert, sondern weil moslemisch-arabische Intoleranz extrem ist und in zahlreichen dieser Länder in den Medien der Jude als Monster dargestellt wird. Die Konsumenten solch anti-jüdischer Schreckensmärchen könnten sich gar nicht weniger interessieren für Juden, die Moslems in Schutz nehmen.

Wieso also können die unterzeichnenden Rabbis die besondere Geschichte ihres eigenen Volkes so abwerten? Präsident Obama kann wohl kaum dafür angegriffen werden die Geschichte des Holocausts zu beleidigen, wenn sogar so viele Rabbis der Schoah nicht den angemessenen Respekt zollen.

Der Autor Michael Welner (geboren 1964 in Pittsburgh) ist einer der angesehensten forensischen Psychiater der USA und hat bedeutende Beiträge zur Aufklärung zahlreicher Verbrechen geleistet.

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