Von Michelle Honig (JTA)

Wenn man in irgendein wohlhabendes jüdisches-amerikanisches Viertel kommt, so wird man mit wachsamem Blick Designerfummel von Gucci, Prada und Louis Vuitton erblicken – getragen von gutfrisierten Männern und Frauen, während diese durch die Stadt spazieren. Aber in diesem Meer aus teurem Überfluss wird ein Name mit besonderer Ehrfurcht ausgesprochen: Chanel.

Es ist eine Marke, die die eigene Zugehörigkeit zur Bourgeoisie gleichzeitig flüstern und schreien kann. Die kastenförmigen Tweed-Jacken und weißen Kamelien-Blumen-Broschen sind Signaturen ohne Firmenzeichen, die in auffälliger Weise den begehrten Designer-Status aufzeigen, ohne auch nur ein Wort auszusprechen (oder – in diesem Falle – aufzusticken oder aufzudrucken).

Es ist eine einzigartige Mischung aus Keuschheit und Unanständigkeit, die Chanel zu einem vertrauten Begriff sowohl bei orthodoxen, wie auch bei säkularen jüdischen Frauen macht. Chanel liefert den mit Perücken und Hüten bestückten chassidischen Frauen steife Bouclé-Kostüme, die unter dem Knie enden, während man gleichzeitig die säkularen Bewohner von Long Island mit dem kaum subtilen, verzahnten «CC»-Logo auf Crop-Tops und Chokern versorgt.

Aber Chanel wurde nicht immer von der aufstrebenden, mobilen, jüdisch-amerikanischen Elite geliebt. War doch die französische Namensgeberin und Gründerin, Coco Chanel, trotz ihres Beitrags zur Entwicklung der modernen Mode und der luxuriösen Sportbekleidung, eine, wie andere Autoren schon geschrieben haben, «klägliche Gestalt» und eine «unverbesserliche Antisemitin».

Coco Chanel war eine französische Nazi-Kollaborateurin

Nicht nur war sie eine Anhängerin der Nazis, sondern es gibt starke Indizien, die darauf hindeuten, dass sie für die Nazis als Geheimagentin gearbeitet hat – trotz der Tatsache, dass es die Familie Wertheimer war, die Coco Chanel den finanziellen Aufstieg ermöglicht hat und bis heute die Firma kontrolliert. Und es war Karl Lagerfeld, der am Dienstag, dem 19. Februar 2019 im Alter von 85 Jahren gestorben ist, der die Marke so legendär machte und aufpolierte, das es leicht wurde all das zu vergessen, was an Chanel selbst so problematisch gewesen ist.

1924 stellte die Familie Wertheimer Geld bereit, um Chanels erstes und legendärstes Parfum zu finanzieren, das «Chanel No. 5» – im Austausch für 70 Prozent Beteiligung an der Parfum-Sparte von Chanels Unternehmen. Theophile Bader, der jüdische Geschäftsmann, der das Projekt «Chanel» dem Geldgeber Pierre Wertheimer vorgestellt hatte, bekam 20 % als Vermittlungsprovision. Am Ende blieben nur 10 % für Chanel selbst übrig. Chanel war nicht in die Produktion des Parfums involviert, wurde aber schon nach kurzer Zeit des Vertrages überdrüssig – wegen ihres latenten Antisemitismus und wegen des finanziellen Erfolgs ihrer Parfum-Sparte. Chanel versuchte sich «ihre» Firma wiederzuholen, indem sie vergeblich immer wieder die Familie Wertheimer verklagte.

Bevor die Nazis nach Frankreich einmarschieren konnten, floh die Familie Wertheimer zu Angehörigen nach New York. Nazi-Gesetze verboten den Juden Besitz von Eigentum und Geschäften, und 1941, nachdem Deutschland in Frankreich einmarschiert war, ersuchte Coco Chanel die Vichy-Regierung und die Nazi-Funktionäre, ihr die vollen Besitzrechte an ihrer Parfum-Firma zu übertragen. Aber der Aufwand blieb fruchtlos, denn die Familie Wertheimer, die vom obsessiven Verlangen Chanels nach totaler Kontrolle über die Parfum-Firma und den antijüdischen Gesetzen, die schon in Deutschland in Kraft waren, wusste, tat die richtigen Schritte, um sicherzustellen, dass Chanel ihr Ziel nicht erreichen würde. Die Wertheimers heuerten während des Krieges, einen französisch-christlichen Geschäftsmann namens Felix Amiot für ihren Teil der Firma an. Dieser Amiot war selbst ein Kollaborateur, der Waffen an die Nazis verkaufte.

Chanel ihrerseits war für den Rest des Krieges die Geliebte des Nazi-Offiziers Hans Gunther von Dincklage. Aber sie war mehr als ein passives Liebchen. Nach Angaben des Journalisten Hal Vaughan, aus seinem Buch «Sleeping with the Enemy: Coco Chanel`s Secret War», gibt es starke Indizien, dass sie selber als Nazi-Geheimagentin gearbeitet hat.

Trotz ihrer Kollaboration mit den Nazis und ihrer hinterhältigen Taktiken um die Wertheimers aus der Firma zu verdrängen, halfen die Wertheimers Chanel die Firma wieder aufzubauen, teils aus geschäftlichen Gründen und teilweise, weil die Familie Wertheimer bereit war, die andere Wange hinzuhalten, für den Wiederaufbau des Unternehmens Chanel (das nach der Invasion der Alliierten in Frankreich die Geschäfte eingestellt hatte und dessen Chefin selbst in die Schweiz gezogen war). Die Familie Wertheim ging so weit, dass sie sogar die Lebenserhaltungskosten und Steuern von Chanel für den Rest ihres Lebens übernahm.

Keine Reue

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