Der „Spiegel“-Ableger fällt einmal mehr durch unseriöse anti-israelische Beiträge auf  

Von Alexander Wendt

„Israel sucht Freiwillige, die Jagd auf Flüchtlinge machen“, meldete „Bento“, das Schüler-Medium von „Spiegel Online“, am 29. Januar. Zwar ist im „Spiegel“ und erst Recht auf „Spiegel Online“ selten etwas Ausgewogenes über Israel zu lesen – aber dieser speziell für junge Leser gemixte Beitrag ging über alles bisher Übliche hinaus. Israels Regierung, so hieß es im Text, suche „übereifrige Zivilisten“, die für Geldprämien gewissermaßen als Bürgerwehr Flüchtlinge „jagen“ sollen.

An der Darstellung war praktisch alles falsch: In Wirklichkeit handelte es sich um eine Stellenausschreibung der israelischen Migrationsbehörde, die Mitarbeiter braucht, um etwa 35.000 illegale Einwanderer aus Afrika abzuschieben. Und die künftigen Inspektoren sollten auch nicht zwei Monate angestellt werden, sondern 2 Jahre. Mit der angeblich kurzen Anstellungszeit hatte „Bento“ gegenüber einer ganzen Reihe von Kritikern die Formulierungen „Jagd“ und „jagen“ verteidigt und suggeriert, so, als würden Leute gewissermaßen im Nebenberuf und mit dem Versprechen von Kopfprämien auf Jagd geschickt. Das Ganze garnierte der „Spiegel“-Ableger noch mit dem Hinweis auf eine Rabbiner-Initiative, die die afrikanischen Einwanderer mit Anne Frank in Verbindung brachten:

„Und Hunderte Rabbiner versprachen, Flüchtlinge bei sich zu verstecken, falls die Behörden sie aufgreifen wollen – ganz so, wie im Zweiten Weltkrieg Anne Frank vor den Nazis versteckt wurde (Newsweek).“

Wer sich den verlinkten Newsweek-Artikel durchliest, stößt allerdings nur auf eine einzige Rabbinerin namens Susan Silvermann, die den grellen Vergleich liefert. Und nicht jeder Leser – von „Newsweek“ wie „Bento“ – dürfte wissen, dass sich jeder Jude prinzipiell Rabbi nennen kann: die Position entspricht nicht dem katholischen Priester.

Unter dem Strich blieb also beim Leser hängen: Juden jagen heute in Israel Menschen wie die Nazis einst Anne Frank.

Nachdem sich zahlreiche Leser bei dem Medium beschwerten, unter anderem auch der ehemalige israelische Armeesprecher Arye Sharuz Shalicar, und auf die absurde Verdrehung und Falschübersetzung des Ausschreibungstextes hinwiesen, korrigierte „Bento“ die Überschrift und etliche Stellen im Text. An das Ende setzte die Redaktion noch einen Disclaimer mit dem Hinweis auf die ursprünglichen Falschdarstellungen.

„Korrektur, 30. Januar 2018: Ursprünglich hatten wir im Beitrag geschrieben, dass die Inspektoren für zwei Monate gesucht werden. Das war ein Übersetzungsfehler – das Jobangebot gilt für zwei Jahre. Außerdem hatten wir den Eindruck erweckt, dass von der Behörde eine Art private Bürgerwehr eingesetzt wird. An der entsprechenden Stelle haben wir umformuliert. Unter anderem ‚Haaretz‘ und ‚Jerusalem Post‘ berichten hier über die ungewöhnliche Ausschreibung.“

Allerdings verlinkte „Bento“ immer noch ausschließlich das hebräische Original des Ausschreibungstextes.

In der Übersetzung lautet er folgendermaßen:

„Für eine Initiative von nationaler Wichtigkeit unter der Führung des Einwohner- und Einwanderungsministeriums werden gesucht:
Einwanderungsinspektoren
zum Ausführen von Vollstreckungsaufgaben gegen illegale Einwanderer.
Stellenbeschreibung:
Erfüllung von Vollstreckungsmaßnahmen, darunter Fahndung, Untersuchung und Festnahme von sich illegal im Land Aufhaltenden und deren Arbeitgebern; Arbeit vor Ort und Büroaufgaben, deren Ziel das Bearbeiten von (Anträgen von) fremden Staatsangehörigen darstellt.
Erfahrung und notwendige Kenntnisse:
– Erfahrung in Aufgabenbereichen der beschriebenen Stelle. Nach Abschluss von 12 Schuljahren – mindestens 2 Jahre. Nach BA-Universitätsabschluss. Für Basisaufgaben keine Erfahrung notwendig.
– Gültiger Führerschein
– Weitere Voraussetzungen sind auf der Webseite ausgeführt
Vollzeitstelle, Schichtarbeit
Die Stelle ist zeitlich auf 24 Monate begrenzt
Arbeitsbeginn: März 2018
Einsatzort: Großraum Tel Aviv
Persönlicher Vertrag und Lohnzusätze für angestellte Bewerber!

Bedeutender Geldbonus von bis zu 30.000 Schekel wird nach Arbeitsende vergeben – nur für Qualifizierte.

Bewerbungen können durch das Online-Bewerbungssystem auf der Bewerbungsseite für Staatsdienst (Bewerbungscode Nr. 53032) eingereicht werden, mit angefügtem Lebenslauf, Urkunden über Schulabschluss und Ausbildung und Nachweisen über Arbeitserfahrung bis zum 21.01.18.“

Die Aufgabenbeschreibung unterscheidet sich also praktisch kaum von der, die im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und in den Ausländerbehörden in Deutschland für Mitarbeiter gelten.

Die „Bento“-Methode ist bemerkenswert: erst eine auf wilde Faktenverdrehung und Agitation basierende Geschichte gegen Israel unter einer schrillen Überschrift kreieren, die viele Stunden über den ganzen Tag online bleibt. Und dann praktisch die komplette Rücknahme der Geschichte, im sicheren Wissen, dass sich die erste Variante tief in die Köpfe eingegraben und über soziale Medien vervielfacht hat.

Die toxische Anne-Frank-Assoziation blieb übrigens auch in der zweiten Bento-Textvariante stehen.

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