Januar 4, 2016 – 23 Tevet 5776
Wer Hilfe braucht…

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Auch die Juden haben ihre Pilgerstätten  

Von Miriam Magall

Die Christen haben Rom, Santiago de Compostela und Lourdes, Muslime sollten mindestens einmal in ihrem Leben die Pilgerfahrt nach Mekka machen – und was machen Juden, wenn sie ein Anliegen haben, das ihnen so am Herzen liegt, dass ihnen ein stilles Gebet in der Synagoge nicht mehr reicht?

Sie reisen an die Gräber berühmter jüdischer Gelehrter. Mehrere Male im Jahr, vor allem jedoch um die Hohen Feiertage, also vom jüdischen Neujahr, im September/Oktober, an z. B. in die zwischen Krakau und Lemberg gelegene westgalizische Kleinstadt Dynów. Hier lebten im 19. Jahrhundert die berühmten Rebben Zvi Elimelch, der Bnej Jissochor und Begründer der Dunówer Chassidim, und sein Sohn Reb Dovid, der Zemach Dovid. Es kommen viele kleine Gruppen von Chassidim aus Israel und den USA nach Dynów. Sie wollen der beiden Rebben und der anderen Juden gedenken, die früher im Ort gelebt haben. Ein israelischer Unternehmer hat eine ehemalige Fabrik gemietet und sie zu einem großen Gemeindezentrum mit Synagoge, Mikve, Speisesaal, Küche und Hotel umgebaut.

Dynów ist jedoch nur einer von mehreren Orten mit einer wieder zu entdeckenden jüdischen Geschichte. Dank einer Initiative der „Stiftung für den Schutz des jüdischen Erbes“ (FODZ) in Warschau arbeitet man seit 2004 an der „Chassidischen Straße“ mit insgesamt 24 Orten. Ihr Mittelpunkt soll die prachtvolle Synagoge von Zamosc werden, in Lezajsk, östlich von Lublin gelegen, ein chassidisches Zentrum entstehen. An die Gräber der Chassiden Elimelech sowie seiner Schüler Menachem Mendel und Abraham Joszua Heselim Ort pilgern nicht nur Juden. Sogar die US-Schauspielerinnen Demi Moore und Madonna hat man schon am Grab des 1786 gestorbenen Rabbiners gesehen.

Wer es lieber etwas wärmer auf seiner Pilgerfahrt hätte, kann ins Flugzeug steigen und auf die Insel Dscherba fliegen. Denn hier steht die älteste Synagoge Nordafrikas, la Ghriba, die jedes Jahr zu Lag ba-Omer, das ist der 33. Tag nach dem Pessach-Fest, von mehreren tausend ehemaligen tunesischen Juden aus der ganzen Welt aufgesucht wird. Die jüdische Gemeinde vor Ort organisiert dafür immer ein ganzes Hotel nur für diese Gäste, was bedeutet, dass sie hier strikt koscher essen können, dass am Freitagabend, am Schabbath-Morgen und -Abend G-ttesdienste stattfinden. Eine Woche lang wandeln die Besucher auf den Spuren ihres früheren Lebens auf der Insel.

Für den Synagogenbesuch bereiten sich vor allem die Frauen ganz besonders vor. Beim Frühstück nehmen sie ein hartgekochtes Ei, schreiben darauf ihren Namen und ihre geheimsten Wünsche und bringen es in die Synagoge. Dort, unter dem Thora-Schrank befindet sich eine kleine Höhle mit einem Stein, der aus dem ersten Jerusalemer Tempel stammen soll, und genau in diese Höhle, an diesen Stein, kommt das Ei mit den ganz besonderen Wünschen. Am Tag darauf holt man sich sein Ei zurück. Es hat den Segen bekommen. Man isst es auf, und der damit verbundene Wunsch wird sich ganz sicher erfüllen.

Von außen sieht die Synagoge übrigens schlicht aus, tritt man ins Innere, wird man sich erstaunt umsehen: die Pracht des Orients! Bunte, bemalte Majolika-Kacheln, blau-weiße maurische Rundbögen und filigranes Schnitzwerk an Türen, Fenstern und Bänken. Im Hof der Synagoge spielen Musikanten orientalische Melodien, an den Ständen werden traditionelle tunesische Speisen angeboten, darunter Kartoffel- und Eier-Briks, womit leckere Kartoffel-, bzw. Eier-Teigtaschen gemeint sind. Dazu fließt Boukha, der traditionelle tunesische Feigenschnaps. Man betet, die Thora wird gelesen, man legt seine Gelübde ab und singt und tanzt.

Wer in Israel lebt, muss für Lag ba-Omer aber nicht nach Tunesien fliegen, denn auch in Israel gibt es einen Ort, an dem dieses Fest besonders ausgelassen gefeiert wird. Das geschieht in Meron in Nord-Galiläa. Hier sind einige der berühmtesten Rabbiner begraben, die zur Zeit der römischen Besatzung des Landes lebten, also um das 2. Jh. d. Z. Der herausragendste unter ihnen ist Rabbi Schime’on bar Jochai, ein Mystiker und Talmudgelehrter, der in eben dieser Zeit lebte. Er setzte sich für die jüdische Unabhängigkeit ein und musste sich jahrelang vor seinen römischen Verfolgern in einer Höhle verstecken. Hier verfasste er der Überlieferung zufolge den Sohar, das „Buch des Glanzes“, das Hauptwerk der Kabbalisten. Der 33. Omer ist sein Todestag. Da Rabbi Schime’on bar Jochai direkt in den Himmel aufstieg, wird dieser Tag als Freudenfest begangen. Zur „Hillulat-Raschbi“ versammeln sich tausende von Chassiden, Männer, Frauen und Kinder, am Grab und tanzen im Licht der Freudenfeuer, die die ganze Nacht über brennen. An diesem Tag werden dreijährigen Jungen in einer als „Halaka“ genannten Zeremonie zum ersten Mal die Haare geschnitten. (...)

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