März 31, 2017 – 4 Nisan 5777
Wer hat Angst vor der Nacht?

image

Der Exodus aus den Augen der Ägypter (Teil 1)  

Von Ulrich Jakov Becker

„Von Generation zu Genration ist ein Jeder verpflichtet sich vorzustellen, er selbst wäre aus Ägypten ausgezogen“, werden wir bald wieder, munter um den Tisch sitzend - oder lehnend, in unserer Pessach-Aggada lesen.
Die bekannten Auslegungen zu dieser gewünschten Vorstellung sind universal moralisch angesetzt und recht abstrakt. Aber um sich seinen Auszug ganz genau vorstellen zu können, sollte am nicht erst einmal wissen, woraus man genau ausgezogen ist? Was genau war denn das alte Ägypten?

Die alten Zweifler, die die Torah als das Werk einiger lügnerischer Priester im spätem Jerusalem erklären wollten, und dazu den Exodus als freie Erfindung, sind längst in der Minderheit. Je mehr die Archäologie und die wissenschaftliche Bibelforschung fortschreitet, umso klarer wird, es sehr wohl „semitische Stämme aus Kaanan“ gab, die lange Zeit in Ägypten weilten, bevor sie auszogen oder von den Ägyptern „ausgezogen wurden“.

Zum Einen ist der Text der Torah so mit zeitgenössischem und lokal-ägyptischem Detailwissen gespickt – welche schon wenige hundert Jahre später unbekannt gewesen wären –, dass es schwer ist, diesen als die Phantasiegeschichten von späteren tendenziösen „Geschichtsschreibern“ in Jerusalem herunterzumachen. Zum Anderen ist heute klar, dass bereits die Ägypter im 13. Jahrhundert v.d.Z. von einem Volk „Israel“ sprechen (Merneptah-Stele). Im Berliner Museum wurde vor wenigen Jahren ein weiteres Relief aus dem 14. Jahrhundert v.d.Z. entziffert, das abermals von „Israel“ spricht – und wieder in Zusammenhang mit Kanaan.
Und auch die ersten Inschriften der Vorläufer der hebräischen/semitischen Schrift werden mittlerweile in Ägypten im 15. Jahrhundert v.d.Z. ausgemacht – nicht in Kanaan und nicht im Sinai, wie ursprünglich angekommen.

Man kann heute also auch wissenschaftlich sicher sagen: Das Volk Israel ist keine Erfindung einer späteren Zeit, sondern ist namentlich von den Ägyptern bezeugt in der Epoche, in der man den Exodus immer vermutet hatte. Und nicht nur das, sondern auch die Einwanderungs- und Auswanderungsgeschichte einer „semitischen Volksgruppe aus Kanaan“ ist anerkannt:

Für die Geschichtswissenschaft und Ägyptologie ist es schon lange ein Fakt, dass „semitische Stämme aus Kanaan“ ca. ab dem 19. Jahrhundert v.d.Z. friedlich nach Ägypten einwanderten, wie auch auf ägyptischen Abbildungen immer wieder dargestellt wird: Da sehen wir bärtige Männern mit Stirnbändern – und manchmal sogar mit „Titzit“ unten an ihren weiss-rot-blau gestreiften Gewändern – mit ihren Frauen, Kindern und Eseln einziehen.

Ein paar Jahrhunderte später übernehmen dann sogar die mit diesen Einwanderern identifizierten kanaaitischen Hyksos die Macht in Unterägypten und stellen sogar einige Pharaonen aus ihren Reihen, bevor die Ägypter aus dem Süden die Hyksos-Länder zurückerobern und diese aus Ägypten vertreiben.

Und so ähnlich kennen wir es auch aus der Torah. Auch dort reisen die Israeliten unter einem freundlich gesinnten (vielleicht Hyksos?) Pharao ein, lassen sich nieder, vermehren sich, bis ein paar Pharaos später die politische Situation umschlägt und sie als Feinde verdächtigt werden und letztendlich vom Pharao verknechtet, verfolgt und ermordet werden.
Und den Rest kennen wir doch, oder? (…)

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben