Februar 8, 2016 – 29 Shevat 5776
Wenn zwei sich streiten

image

Der Konflikt zwischen Saudi Arabien und dem Iran eskaliert   

Von Jerome Lombard

„Die saudischen Führer werden die Rache Gottes spüren“, ruft Irans oberster geistlicher Führer, Ali Chamenei, drohend in Richtung der politischen Eliten der Wüstenmonarchie. „Irans Geschichte ist voll von negativen Einmischungen und Feindseligkeiten in arabischen Fragen, und diese sind stets von Zerstörung begleitet“, erwidert der saudische Außenminister Adel al-Dschubeir kaltschnäuzig. Ring frei für die nächste Runde Säbelrasseln.

Die ganze Welt schaut mit großer Besorgnis zu, wenn es wieder heißt: Islamische Republik versus Islamische Monarchie, Schiitenschutzmacht versus Sunnitenpatron, Mullahs versus Scheichs, islamische Fundamentalisten versus islamische Hardliner.

Was war der Stein des Anstoßes, der den bereits seit langem schwelenden Konflikt jetzt endgültig eskalieren ließ? Anfang Januar vollzog Saudi-Arabien eines seiner Massenhinrichtungsspektakel. In verschiedenen Gefängnissen wurden 47 Gefangene, im offiziellen Sprachgebrauch allesamt „Terroristen“, auf einen Streich hingerichtet. Die Anklagepunkte lauteten Terrorismus, Waffenbesitz und Aufwieglertum. Der Umstand an sich hätte jenseits empörter Stellungnahmen von Menschenrechtsorganisation nicht für größeres Aufsehen gesorgt. Weder im Westen, wo Saudi-Arabien für seine Praxis der Massenexekutionen immer wieder in der Kritik steht, und schon gar nicht im Iran, der selber oft und gerne von der Todesstrafe für dies und jenes vermeintliche Vergehen ohne langwierigen Prozess Gebraucht macht.

Wäre da nicht ein gewisser Nimr al Nimr unter den Hingerichteten gewesen. Der war schiitischer Geistlicher mit saudischem Pass und hatte vor allem in den Siedlungsgebieten der immerhin rund 25 Prozent zählenden schiitischen Bevölkerungsminderheit in Saudi-Arabien gegen das sunnitische Königshaus agitiert und zum Sturz der al Sauds aufgerufen. Dieses subversive Treiben wollten sich die Scheichs im neuen Jahr nicht mehr länger mit ansehen und machten kurzen Prozess. Zum großen Ärger der iranischen Mullahs, die die Agitprop-Arbeit ihres einflussreichen Glaubensbruders stets mit Wohlwollen beobachtet hatten. Ein Mob voll „gerechten Volkszorns“ randalierte und brandschatze daraufhin in der saudischen Botschaft in Teheran und attackierte das Konsulat in Maschdad. Diese Attacken waren ein Schlag ins Gesicht der Saudis, die zum Konter ausholten und die bilateralen Beziehungen zur Islamischen Republik kurzerhand abbrachen.

Die Geschehnisse lösten sodann einen politisch-diplomatischen Flächenbrand aus. Die mit Saudi-Arabien verbündeten Herrscherhäuser des Golfkooperationsrates (GCC) sprangen dem Partner umgehend bei. Bahrein legte ebenfalls alle Kontakte mit dem Iran auf Eis. Kuwait und Katar riefen ihre Botschafter zurück. Die Vereinigten Arabischen Emirate schraubten ihre Beziehungen auf ein Minimum herunter und der Oman verurteilte die Angriffe auf saudische Einrichtungen in ungewohnter Schärfe. Pakistan, einer der engsten Verbündeten Saudi-Arabiens, drohte Teheran gar mit einem vernichtenden Militärschlag, der das Land von „der Landkarte fegen“ würde, wenn die Mullahs auch nur daran denken sollten, Saudi-Arabien anzugreifen. Es sind diese Momente, in denen die Saudis sich vergewissern können, dass sich die massiven Geldgeschenke für Pakistan ausgezahlt haben und mit der komfortablen Drohkulisse einer „sunnitischen Atombombe“ belohnt wird. Wüste Beschimpfungen der jeweils anderen Seite und Drohungen mit harten Worten folgten seither. Das Verhältnis zwischen den beiden Staaten ist bis zum Bersten angespannt. Welche Folgen die neuerliche Eskalation noch haben wird, bleibt abzuwarten und wird sich in erster Linie an den Kriegsschauplätzen auf der Arabischen Halbinsel, wo sich die beiden Kontrahenten erbitterte Stellvertreterkriege liefern, zeigen.

Unversöhnliche Gegner
Iran und Saudi-Arabien. Die Erzfeinde. Seit dem Sturz des Schahs im alten Persien und der Errichtung eines schiitisch-theokratischen Regimes durch die sogenannte „Islamische Revolution“ von 1979, befinden sich die beiden Länder im Dauerzwist. Es geht um Hegemonie, Einfluss und politische Vorherrschaft im Nahen Osten und stets vor dem Hintergrund des uralten inner-islamischen Streits zwischen der schiitischen und sunnitischen Glaubensinterpretation. Wer durfte im siebten Jahrhundert Nachfolger des Propheten Mohammed werden? Ein beliebiger Moslem, wie die Mehrheitspartei, die Sunniten, forderten, oder doch nur ein direkter verwandtschaftlicher Nachfahre, wie die schiitische Minderheit es verlangte? (...)

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben

Email This Page