Februar 8, 2016 – 29 Shevat 5776
Wenn sich Nicht-Juden Davidsterne tätowieren lassen

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Von Superjuden, der Yid-Army und dem Vermächtnis Kurt Landauers  

Von Monty Maximilian Ott

Zu Beginn des Jahres 2015 treiben die Fans des FC Luzern im verfeindeten St. Gallen eine Person vor sich her. Es handelt sich um eine Inszenierung. Der Skandal wird klar, wenn man sich den Getriebenen näher ansieht. Später werden das die Fans des FC Luzern zu einem Fastnachtsscherz verklären, dass sie den „Juden St. Gallen“ vor sich hertrieben. Der Verfolgte trug Pejes, schwarzen Hut und Bart. Das wäre auch nicht das erste Mal, dass die Luzerner Fans durch Antisemitismus auffallen. Allzu oft grölen sie in ihrer Kurve: „Und sie werden fallen, die Juden aus St. Gallen“. Rassismus und Sexismus sind sehr verbreitet unter diesen „Fußballfans“. Genau darum gründen sich auch immer mehr Fanvereine, die gegen diese menschenfeindlichen Einstellungen unter Fans vorgehen wollen. Da wäre z.B. die „Schickeria“ München, die Ultra-Gruppe des FC Bayern München, zu nennen. Trotz solcher als positiv zu erachtenden Fanarbeit gibt es noch immer zum Teil sehr kritische Verhältnisse in der Welt des europäischen Fußballs.

Und das nicht nur in unteren Kreisklassen, sondern auch in der Welt des Spitzenfußballs. Hier pflegen Fangruppen regelrechte Kriegsrhetorik, wenn die eigene Mannschaft gegen verfeindete Mannschaften antritt. Wenn es sich dann auch noch um ein Derby handelt, beginnt der Ausnahmezustand. Auch deutsche Städte verwandeln sich dann regelmäßig in Krisengebiete. Die Fußballverbände unternehmen vieles, um die Gewalt und Diskriminierung innerhalb der Fankultur einzudämmen, das ist dann teilweise mehr oder minder von Erfolg gekrönt, insbesondere, wenn sich zwischen verschiedenen Gruppen eigene Dynamiken ergeben.

Ein Beispiel für solch eine Dynamik: sagen wir ein Club, den wir hier als Ajax Amsterdam bezeichnen, hat Anhänger, die ihren Club als die „Superjoden“ bejubeln. Im Stadion wird dann lautstark der „Joden Kampioen“, der „Juden-Champion“, abgefeiert und es finden sich an Hauswänden Ajax-Graffitis, die mit Davidsternen verbunden sind. In ihrem Hass auf den verfeindeten Verein, reproduzieren Fans der Metropolenclubs „ADO Den Haag“ und „Feyenoord Rotterdam“ antisemitische Ressentiments. So waren bereits Zischlaute zu hören, die Gaskammern imitieren sollen und die Anhänger von „Feyenoord Rotterdam“ riefen regelmäßig „Hamas! Hamas! Juden ins Gas“.

Das Seltsamste daran: Ajax ist (und war) überhaupt kein jüdischer Club! Es spielten nie überdurchschnittlich viele Juden in der ersten Mannschaft und auch unter den Fans waren nie mehr Juden als bei anderen Clubs.

Der Grund für die wundersame Selbstbezeichnung ist ein anderer: Ajax spielte nicht immer schon in dem modernen Bau, in dem es heute seine Erstligaspiele austrägt. Bis in die 1990er Jahre war man im Stadion De Meer zu Hause, dass im Osten der Stadt gelegen war, und in diesem Teil der Stadt lebten dann tatsächlich viele Juden. Vor der Schoah galt Amsterdam mit seinen geschätzten 80.000 jüdischen Einwohnern als das „Jerusalem des Westens“. Und viele dieser Juden waren auch tatsächlich Ajax-Fans. Hans Knoop, niederländisch-jüdischer Publizist, spricht von der positiven Wirkung, die dieser Zusammenhang hatte: „Wenn Ajax gegen Teams aus eher provinziellen Regionen spielte, mussten die Gästefans vom Hauptbahnhof mit der Straßenbahn zum Stadion fahren. Sie fuhren durch das jüdische Viertel. So sahen viele Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben Juden“. Als dann allerdings das Übel über Europa hereinbrach, traf es die Niederlande extrem. Es überlebten nur 35.000 Juden, ein Viertel der jüdischen Bevölkerung, die deutsche Vernichtungsmaschinerie. Ajax verdankt seine Beliebtheit in vielen jüdischen Gemeinden auch der Legende, dass die Niederländer den Verfolgten heroisch halfen. Hans Blom, Direktor des NIOD, betonte allerdings 1986 bereits, dass die Niederländer „effizient assistiert“ hatten. Ein Verhalten, das sich nach 1945 auch im Umgang mit der eigenen Vergangenheit niederschlug – auch bei Ajax.

Dabei hatte man während der Besatzungszeit „als informelles Netzwerk“ seinen jüdischen Mitgliedern zur Seite gestanden. So überlebte z.B. Jaap van Praag, der von 1964 bis 1978 als Präsident von Ajax tätig war. Es gab allerdings auch viele Mitglieder, die willfährig halfen deportierte Juden auszuplündern. Ihre Zuarbeit wurde verharmlost. Mit dem Ende der Fünfzigerjahre wurden die Niederlande allerdings wieder eine Heimat für Juden. Das spiegelte sich auch bei Ajax wieder. Bezeichnend dafür sind die Identifikationsfiguren Sjaak Swart (Rechtsaußen), Bennie Muller (Nationalelfkapitän) und Salo Muller (legendärer Masseur). Für diejenigen, die keine Familie mehr hatten, wurde dann der Verein zum Ersatz. (...)

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