Juli 3, 2014 – 5 Tammuz 5774
«Weiblicher Blick» auf Israels Aufbau

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Studien am Moses Mendelssohn Zentrum: Die Historikerin Ines Sonder erforscht Architektinnen aus der dritten Alijah 

Immer wenn Ines Sonder, Kunsthistorikerin,
Israelwissenschaftlerin und Forscherin am
Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam, über
die so genannte dritte Alija (Einwanderungswelle)
nach Palästina doziert, ist ihr ein gut
gefülltes studentisches Seminar sicher. Besagte
dritte Einwanderungswelle von zionistischen
Siedlungspionieren, die vorrangig auf die Jahre
1919–1923 datiert wird, setzte sich zwar
größtenteils aus osteuropäischen Juden zusammen.
Es befanden sich darunter aber auch
rund 2.000 deutsch-jüdische «Exoten», die es
gleichfalls aus idealistischen Gründen ins britische
Mandatsgebiet Palästina zog. Idealisten
deshalb, weil die Rahmenbedingungen für
den Aufbau von kollektive Siedlungsgemeinschaften
– wie den kollektiven Kibbutzim oder
Moschavim – und ein Leben in relativer Geborgenheit
noch fast unmöglich waren. Eine
Infrastruktur kannte das kurz zuvor noch unter
Osmanischer Herrschaft stehende Gebiet
kaum, selbst Tel Aviv war erst zehn Jahre alt.
Industrie, Verkehrsstruktur, Handel, Städtebau,
Gesundheitswesen und vieles andere mehr
waren hoffnungslos unterentwickelt, akademische
Einrichtungen noch ein ferner Traum. Als
zusätzliche Belastungen entpuppten sich rasch
das heiße Klima, weit verbreitete Infektions-
Krankheiten und in manchen Orten bereits
auch der anschwellende Konflikt zwischen
Juden und Arabern. Europa schien dagegen
eine relative heile Welt, trotz aller Nachkriegswirkungen
und politischen Turbulenzen und
trotz der «giftigen» Atmosphäre, die sich in
Deutschland schon lange vor Hitler gegenüber
der jüdischen Minderheit richtete. Die ganz
überwiegende Zahl der in Deutschland lebenden
Juden richtete sich auf eine langfristige
Existenz im Lande der Dichter und Denker
ein, hoffte auf Anerkennung und untermauerte
seine Verbundenheit mit der Nation durch
wissenschaftliche Höchstleistungen, künstlerische
Beiträge, soziales Engagement und Philanthropie.

2.000 qualifizierte «Exoten»
Besagte 2.000 deutsche Juden, welche «daffke
» mit der dritten Alijah nach Palästina
siedelten, waren entweder stark ideologisch
motiviert oder hatten am eigenen Leib oder in
der Familie desillusionierende antisemitische
Erfahrungen durchlebt – manchmal mal auch
beides zusammen. Die deutschen «Olim»
brachten enorm hohe berufliche Qualifikationen
mit - als Akademiker, Ärzte, Juristen, Städteplaner
oder auch Architekten. Genau die letztere
Gruppe ist das bevorzugte Forschungsfeld
von Ines Sonder, die bereits ihre Promotionsarbeit
über Gartenstadt-Konzepte von Richard
Kauffmann geschrieben hatte, einem 1920
von Deutschland/Norwegen aus nach Palästina
eingewanderten Architekten sowie Siedlungs-
und Stadtplaner. Kauffmann, der nach
seiner Ankunft in Jerusalem das Planungsbüro
der «Zentralstelle für Besiedlungsangelegenheiten
» und damit ganz wesentliche Aufgaben
bei der Städteplanung in Palästina/Israel
übernahm – später sollte er auch das berühmte
Viertel der «Weißen Stadt» in Tel Aviv konzipieren
–, hatte fast von Anfang an eine höchst
talentierte junge Architektin namens Lotte
Cohn mit an seiner Seite. Zu Lotte Cohn (1893-
1983) hat Ines Sonder bereits vor Jahren eine
viel beachtete erste Biographie geschrieben, in
welcher sich Familienschicksal, Baugeschichte
und zionistische Historie in spannender Weise
mischen. Parallel zu der beim Jüdischen Verlag
im Suhrkamp Verlag erschienen Biographie
hatte sie gleichnamige Ausstellungen «Lotte
Cohn – Baumeisterin des Landes Israel» in Tel
Aviv und Berlin konzipiert.

Kibbutz-Häuser und Hotels
Lotte Cohn, eine der allerersten Architektur-
Studentinnen an der Technischen Hochschule
in Berlin-Charlottenburg, hatte ihr «Anderssein
» als Jüdin frühzeitig zu spüren bekommen.
Eine antisemitische Verleumdungskampagne
gegen ihren Vater, den Arzt Bernhard
Cohn, ließ sie schon in jungen Jahren zur überzeugten
Zionistin werden. Und so wie sämtliche
ihrer Schwestern wanderte sie kurz nach
dem Ersten Weltkrieg kurzentschlossen ins
Britische Mandatsgebiet Palästina aus. Als Architektin
traf Cohn dabei genau zum richtigen
Zeitpunkt ein, glänzte bald mit selbstbewussten
eigenen Entwürfen für Kibbutz-Häuser,
Bibliotheken und Altenheime, baute die legendäre
Pension «Käte Dan» am Strand von Tel
Aviv und entwarf während der 1930er Jahre
Mittelstands-Siedlungen für die nach Hitlers
Machtübernahme in Massen eintreffenden
deutsch-jüdischen Flüchtlinge. Durch die zahlreichen
gelungenen Großprojekte galt das von
ihr geführte, in Tel Aviv ansässige Büro Cohn
& Lavie dann über Jahrzehnte als eine führende
Architektenadresse im Land.

Von Ilana GRÜNBAUM

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