Januar 4, 2016 – 23 Tevet 5776
Weg von Mao – hin zum Moses

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Das Judentum ging in China schon vor dem Kommunismus fast verloren  

  • Januar 4, 2016 – 23 Tevet 5776
  • Politik, Welt
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Von Oleg Shpunt

Der Wechsel der Steuermänner in China hat politische und ökonomische Gründe, die ihrerseits auf den Ambitionen der heutigen chinesischen Führer fußen. Deswegen weicht die Zeitspanne des Vergessens, die die jüdische Gemeinde in China in den letzten 60 Jahren durchlebt hat, dem erwachenden Interesse an dem jüdischen Erbe.

Verlust der Thora
Zhao Yingchong, der Älteste der Nachfahren der ersten jüdischen Siedlern Kaifengs, schwelgte jedes mal nach dem Ende des Schabbat in Erinnerungen. Darum wissend umringten ihn immer die Kinder: „Großvater Zhao, wann gab es besonders viele Juden in unserer Gegend?“ – „Was bringen euch meine Worte? Schaut lieber auf die Zeichen, die von den damaligen Ereignissen zeugen“, antwortete der Alte und deutete auf die moosbewachsenen Gedenksteine mit eingemeißelten Zahlen an den Mauern der Synagoge. Eine der Zahlen: 1642. Die berühmte Flut, die zu einer schweren Prüfung für die Gemeinde wurde.

Das schlimmste war nicht die Zerstörung der Synagoge durch die Fluten des Gelben Flußes – die hat man wieder aufbauen können. Aber die Thora-Rollen wurden durch das Wasser vernichtet. Die teilweise erfolgte Wiederherstellung einiger Rollen beanspruchte 20 Jahre!

Die Synagoge von Kaifeng genoss die besondere Zuneigung der Kaiser. Einige Male hat man sie – auf hoheitlichen Befehl und kaiserliche Rechnung – wieder aufgebaut. Die Synagoge war sehr geräumig. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts maß sie 100 Meter Länge und 50 Meter Breite. In der Mitte der Synagoge stand der sogenannte „Thron des Gesetzebringers Moses“.

Die Zeit der Verwahrlosung nahte jedoch unerbittlich. Mitte des 19. Jahhunderts konnte man bereits keinen Menschen mehr in Kaifeng finden, der Hebräisch beherrschte. „Von ihrer jüdischen Herkunft wissen die Kaifenger Juden nur durch die erhalten gebliebene Erinnerungen der Alten“, schrieb die russische Zeitschrift „Ogonjok“ in ihrer allerersten Ausgabe im Jahr 1899.

Chinesen erforschen das jüdische Erbe
Der Mehrheit der Chinesen ist die jüdische Kultur völlig fremd. Diese Einstellung hat eine gewisse Tradition. Insofern stellt Professor Xu Xin, Direktor des Instituts für jüdische Studien an der Universität Nanjing, eine seltene Ausnahme dar. Er unterrichtet chinesische Studenten in Judaistik und versucht in seinen Forschungen die jeweilige Kultur der Juden und der Chinesen zu vergleichen. „Den Chinesen ist eine paradoxe Beziehung zu den Juden eigen. Einerseits nehmen sie sie nachwievor als Ausländer war. Andererseits sind sie für sie nicht einfach nur Ausländer, sondern Menschen, die an der Entwicklung des Landes sehr interessiert sind“, sagt Professor Xu Xin und versucht sogleich, diesen Sachverhalt aus der Blickrichtung auf die jüdische Mentalität zu betrachten. „Chinesische Juden haben sich immer der Lösung der komplizierten Aufgaben angenommen. Und haben diese auch immer erfolgreich gelöst.“

Es begann im 8. Jahrhundert, als die ersten jüdischen Kaufleute über die Seidenstraße in das Reich der Mitte kamen. Kaum hatten sie sich in den Großstädten – zu allererst in Kaifeng, der ehemaligen Hauptstadt – niedergelassen, begann die Wirtschaft dort zu boomen. Deutlich später, bereits im 20. Jahrhundert entstand im Nordosten Chinas, in Harbin eine starke Gemeinde der russischsprachigen Juden. Das war nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine intellektuelle Welle, die China ungemein bereicherte.

Unter diesen Umständen prägte sich der Blick auf die Fremden. Sie waren keine Feinde, sprich: sie versuchten nicht zu missionieren und mischten sich in das geistliche Leben der Ureinwohner nicht ein. Deswegen gab es hier auch keine Diskriminierung und keinen Antisemitismus, die den anderen Ländern Südostasiens eigen waren. Chinesen aber können bis heute nicht anders: zu sehr sind sie von der Zahl der jüdischen Nobelpreisträger beeindruckt – ein für die Chinesen sehr gewichtiger Grund für eine Zusammenarbeit mit den Juden.

Im Vergleich zur Vergangenheit gibt es heute in China sehr wenige Juden – insgesamt nur um die Zehntausend. Dabei zählte allein Harbin vor hundert Jahren 20.000 Juden russischer Herkunft, und zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten allein in Schanghai 40.000 europäische Juden. Damals wie heute kann man auf der Straße manchmal ein Kind rufen hören: „Mama, da geht ein Muselmann mit dem blauen Käppchen!“ Die Juden haben sich mittlerweile daran gewöhnt, für die Gläubigen des Islams gehalten zu werden.

In den letzten 15 Jahren wuchs das gesellschaftliche Interesse an der Geschichte der „Nachfahren der Juden“. Man kennt die Namen der herausragenden Repräsentanten des europäischen Judentums: Karl Marx, Albert Einstein, Sigmund Freud... Und man versteht: um die westliche Kultur zu begreifen, muss man auch die jüdische Kultur studieren, die solch eine Anzahl an herausragenden Persönlichkeiten hervorgebracht hat. So wird die Frage auf Regierungsebene gestellt. Es ist eine Art Kompensation: statt eines aktiven jüdischen Lebens gibt es eine massenhafte Bestrebung, die Besonderheiten des Judentums in der Welt zu begreifen.

„Rezepte der Weisen von Zion.“
„Die Juden besitzen eine Gabe: sie verstehen es, Geld zu verdienen. Im Verlauf der letzten 1.800 Jahre, als sie immer wieder an die Ränder der Gesellschaften gedrängt wurden, kreierten sie wirkungsvolle Methoden der Geschäftsführung und wurden so zu den Trägern der Finanzkraft der Welt.“ Von wem stammen diese Zeilen? Marx, Hitler? Neonazis oder islamischen Extremisten?

Mitnichten. Das ist ein Zitat aus „Die große Weisheit der Juden“ – einem vor kurzem erschienenen chinesischen Nachschlagewerk aus der Reihe „Wie wird man erfolgreich?“ Auf 300 Seiten ist der Weg zum finanziellen Erfolg beschrieben. Das, was das jüdische Volk in den Genen habe, könne auch jeder Chinese erreichen, müsse aber das Maximum an Anstrengung und Fleiß an den Tag legen. Soweit der Grundgedanke des Buches. (...)

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