Interview der JÜDISCHEN RUNDSCHAU mit S. Ex. Oren David, dem Botschafter Israels am Heiligen Stuhl in Rom 

  • Januar 11, 2018 – 24 Tevet 5778
  • Politik, Welt
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Der Papst hat für die verfolgten Christen in Nahost zumeist nicht einmal mehr warme Worte übrig. Gegner des Staates Israel, der mehr für die Sicherheit der Christen in Nahost leistet als der Papst, lobt Franziskus als „Friedensengel“ – wie 2015 beim „Palästinenser“-Chef Machmud Abbas geschehen. Historisch richtige Entscheidungen wie die kürzlich erfolgte Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt durch die USA, meint das Oberhaupt der Katholischen Kirche kritisieren zu müssen.
In diesem schwierigen Umfeld dient Herr Oren David seit Oktober 2016 als Botschafter am Heiligen Stuhl in Rom.

David wurde in Israel geboren und studierte Politikwissenschaften an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Er arbeitete bei der Ständigen Vertretung Israels bei den Vereinten Nationen in New York, anschließend in diplomatischen Funktionen in Rumänien, Moldawien und Malta. Die JÜDISCHE RUNDSCHAU traf ihn in der Botschaft Israels am Heiligen Stuhl in Rom für ein Gespräch über seine außergewöhnliche Stelle.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Herr David, herzlichen Dank für Ihre Zeit. In Ihrer diplomatischen Karriere haben Sie als Israels Botschafter in Rumänien, Moldawien und Malta gewirkt. Was ist Ihrer Erfahrung nach der größte Unterschied zu Ihrer derzeitigen Stelle hier in Rom in Beziehung zum Vatikan?

Oren David: Meine Arbeit hier ist ganz einzigartig für einen Botschafter, aber ganz besonders für einen Botschafter Israels. Der Heilige Stuhl ist eine ganz eigene Sache, ein eigener souveräner Staat. Die Diplomatie mit ihm ist nicht vergleichbar mit irgendeiner anderen, das können Ihnen sicher auch alle meine Kollegen im diplomatischen Dienst bestätigen. Alles hier ist sehr traditionell und ganz außergewöhnlich. Der Papst ist ein Staatsoberhaupt, aber er verfügt auch über eine ausführende Macht. Er hat alle Macht, die die Kirche ihm als Papst überträgt. Es gibt einen Premierminister und einen Minister für äußere Angelegenheiten, insofern gleicht der Vatikan jedem anderen Land. Nur dass hier eben Kardinäle die verschiedenen Bereiche wie Wirtschaft, Soziales und Auslandsarbeit dominieren und leiten. Weiterhin besteht die übliche bilaterale Beziehung der Staaten, wie ich sie auch in Rumänien und Moldawien erlebt habe. So ist es in jedem anderen Land auch. Zusätzlich gibt es aber ein ganz besonderes Element meiner Arbeit: den jüdisch-christlichen Dialog. Und dieser ist innerster wesentlicher Bestandteil der Arbeit der Botschaft. In unserem Fall bezieht sich das auf die ganze Kirche in Italien. Ich trete also auch in Beziehung zu den anderen Erzdiözesen des Landes. Das kommt zu meiner Arbeit mit dem Heiligen Stuhl dazu. Der jüdisch-christliche Dialog ist im Gange und es ist wahrlich ein fruchtbarer Dialog.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie lange bestehen schon die diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl?

Oren David: Formale Beziehungen wie Botschaften und der Austausch von Botschaftern wurden im Januar 1994 begonnen. Aber das grundlegende Übereinkommen geht auf den Dezember 1993 zurück. Die Verhandlungen über das Thema der wirklich umfassenden diplomatischen Beziehungen begannen 1992. Es handelt sich also um einen Prozess von zwei Jahren, der im Januar 1994 mit der Entsendung eines Botschafters am Heiligen Stuhl und der Ernennung eines Nuntius mit allen Vollmachten in Israel zum Abschluss kam. Ich bin der siebente Botschafter Israels am Heiligen Stuhl.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wir würden Sie die derzeitigen Beziehungen Israels mit dem Heiligen Stuhl beschreiben?

Oren David: Ich darf sagen, dass die Beziehungen auf ganzer Linie sehr gut sind. Hinsichtlich der bilateralen Beziehungen besteht eine ausgezeichnete Zusammenarbeit. Letztes Jahr hatten wir die ersten bilateralen Beratungen der Minister in Israel, genau vor einem Jahr. Wir haben uns vor allem die wirtschaftliche Zusammenarbeit vorgenommen und wir tauschen unseren Erfahrungen aus, besonders bei den Themen Wasserverbrauch, Landwirtschaft und natürlich der Sicherheit. Wir haben auch versucht mit dem Heiligen Stuhl in der Auslandshilfe zu kooperieren. In politischer Hinsicht besteht ein bilateraler und ein multilateraler Bereich, da beide Länder Mitglieder von internationalen Foren sind. Wir teilen unsere Meinungen und unsere Sorgen bezüglich verschiedener Themen, wie dem Konflikt im Mittleren Osten, wenn diese in den internationalen Foren zur Sprache kommen. Wir haben aber auch andere Themen im Fokus. Dieses Jahr fanden die Gespräche im Juni statt. Minister Tzachi Hanegbi leitete das israelische Team bei den Gesprächen, von Seiten des Vatikans war es Msgr. Camilleri. Die Arbeiten sind weit gefächert.

Die kulturelle Komponente der Botschaftsarbeit ist von besonderer Bedeutung, da die Kultur ein wichtiges Element darstellt. Wir helfen dabei Ausstellungen zu organisieren, wie z.B. die Ausstellung über die Menora, die als ein Schlüsselereignis galt. Die Menora ist ein gewaltiges Symbol – sie vereint Juden und Christen.
Sie ist zwar ein jüdisches Symbol, man findet sie aber auch bei den frühen Christen. In den alten Katakomben der Juden und Christen in Rom wurde die Menora oft dargestellt. Zweitens wurde die Menora vor seiner Zerstörung vom Tempel nach Rom transportiert. Von allen Ländern der Welt passte also die Ausstellung am besten nach Rom. Und drittens hat Israel mit einem ganz besonderen Fundstück seinen Beitrag geleistet: Der „Migdal-Stein“ wurde hierher gebracht, den man in Magdala in der Nähe des Sees von Galiläa gefunden hatte. Dort liegt auch der Ort, wo Maria Magdalena herkommt, verstehen sie: „Migdal“ – „Magdalena“! Dieser Stein aus dem ersten Jahrhundert zeigt eine deutliche und schöne Darstellung einer Menora aus der dortigen Synagoge, die dem Beten diente. Der Stein wurde von den archäologischen Spezialisten Israels zusammen mit anderen Kunstwerken nach Rom zu dieser außergewöhnlichen Ausstellung gebracht.

Es gab einige Gemälde der Zerstörung des Tempels und der Plünderung, bei der auch die Menora gestohlen wurde. Die Ausstellung wurde gemeinsam vom Vatikan und dem Jüdischen Museum Roms organisiert und abgehalten. Mit einer einzigen Eintrittskarte konnte man den größten Teil im Vatikan sehen und einen anderen Teil im jüdischen Museum.

Weitere Veranstaltungen sind zum Beispiel Filmfestivals. Natürlich gibt es immer eine religiöse Komponente, sonst würde es an Relevanz fehlen. Es gibt ein religiöses Filmfestival in Trient in Norditalien immer im späten September. Israel nimmt daran mit dem Medium Film teil. Einige Filme sind von Studenten gedreht, andere sind Dokumentarfilme. Aber nicht nur das. Es gibt Kurzfilme und Filme in üblicher Länge. Ein Beispiel: Ein Film, der in Trient gezeigt wurde, wird in der kommenden Woche in Rom zu sehen sein. Das Thema lautet: Die Frau in der jüdisch-orthodoxen Gesellschaft. Es handelt sich um einen Kurzfilm. Und die Regisseurin wird nach Rom kommen, um über den Film und das Thema zu referieren. Das wird ein interessantes Ereignis werden.

Sie sehen – das kulturelle Element ist sehr wichtig, wenn es um die Beziehungen zwischen Israel und dem Heiligen Stuhl geht. Wir arbeiten gerade an einer Ausstellung über das alte und das neue Israel, die zeigen wird, wie Israel vor vielen Jahren ausgesehen hat und wie es heute aussieht. Das wird wieder eine besondere Ausstellung, da bin ich mir sicher.
Auch überlegen wir, ob wir zusammen mit dem Vatikan ein Ereignis um Chanukka veranstalten können, mit dem Anzünden der Menora. Ich hoffe, dass es zustande kommen wird – es steht zumindest auf der Agenda. Auch mit den päpstlichen Universitäten werden alle möglichen kulturellen Aktivitäten veranstaltet. Das ist ein weiterer Aspekt unserer Arbeit. Sie beziehen sich zwar auf den Vatikan, gehen aber über seine Grenzen hinaus. Wir haben uns überlegt, den internationalen Holocaust-Gedenktag in einer der päpstlichen Universitäten zu begehen. Wir würden dort einen Kurzfilm zeigen und eine Diskussion womöglich mit einem Holocaust-Überlebenden veranstalten. Das alles sind Beispiele, die die Arbeit der Botschaft aufzeigen sollen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung der diplomatischen Beziehungen Israels mit dem Heiligen Stuhl?

Oren David: Die größte Herausforderung ist es, die Botschaft von „Nostra aetate“* zu den Massen der Laien zu bringen. Ich würde das an den Anfang setzen. Die Verbreitung der Botschaft von „Nostra aetate“ wird folgendes klar machen: Dass der Judaismus ein innerer Bestandteil des Christentums ist, wie es auch weiterhin verstanden wird. Das wurde von Papst Johannes Paul II. und dann auch vom derzeitigen Papst Franziskus wiederholt. Indem diese Botschaft unter die Menschen gebracht wird, verstehen sie, dass das Judentum nicht nur eine Religion ist, sondern Teil der christlichen Religion und Kultur. Alles hat mit dem Judentum begonnen, ohne das Judentum wäre ein Christentum nicht möglich gewesen.

Eine andere Herausforderung ist das beklagenswerte Phänomen des Antisemitismus zu bekämpfen, in Europa und anderswo. Ich denke, diese Herausforderung gilt auch für die Kirche, die sich erheben muss, um ihre Stimme gegen das Wiedererwachen eines Phänomens zu erheben, von dem wir hofften, es wäre verschwunden.
Auch Papst Franziskus wiederholt diese grundlegenden Wahrheiten. Sie sind axiomatisch, und werden von „Nostra aetate“ gelehrt: Der Antisemitismus muss verurteilt werden. Juden dürfen nicht für die Kreuzigung verantwortlich gemacht werden und Gott nimmt seine Versprechen und seine Auserwählung des jüdischen Volkes nicht zurück. Das ist ein grundlegendes Hindernis der Kirche: Diese Botschaft von vor mehr als 50 Jahren unter die Gläubigen zu bringen. Es wurde bereits viel getan, vieles wurde schon erreicht, aber leider liegt noch vieles vor uns. Die Botschaft wurde noch nicht in dem Ausmaß verbreitet, wie wir uns es erhofft hatten.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie schätzen Sie Papst Franziskus Haltung zu Israel und dem Judentum ein?

Oren David: Ich bin dem Papst begegnet und war sehr von seiner Freundlichkeit und seiner Freundschaft beeindruckt. Er sprach viel über den Antisemitismus. Er erklärte, dass ein wahrer Christ nicht anti-semitisch sein kann, denn er würde sich selbst hassen. Franziskus war bereits aktiv im jüdisch-christlichen Dialog aktiv, als er noch Kardinal von Buenos Aires war. Er veröffentlichte damals ein Buch zusammen mit seinem Freund, dem argentinischen Rabbi Skorka. Er ist also ganz nah bei diesem Thema. Die erste Reise seines Pontifikats außerhalb Italiens war die nach Israel im Jahre 2014. Dort hielt er eine sehr schöne Ansprache in Yad Vashem. Er besuchte auch die Klagemauer und betete dort. Im Jahr 2015 sagte er etwas Außergewöhnliches zu einer Gruppe des Jüdischen Weltkongresses hier in Rom: Er sagte, dass ein offener Angriff auf den Staat Israel auch eine Art des Antisemitismus sei. Das bezieht sich nicht auf legitime Kritik, sondern auf jene, die Israel delegitimieren wollen. Hierbei handle es sich eine neue Form des Antisemitismus, der sich heute mehr und mehr ausbreitet. Der Papst hat das anerkannt und bemängelt, was sehr viel bedeutet.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Vielen Dank für das Interview.

Oren David: Danke Ihnen und alles Gute für Ihre Zeitung und Ihre Leser!

*[Anm. d. Übs.: „Nostra aetate“ (lat. für „in unserer Zeit“) heißt die „Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“, des Zweiten Vatikanischen Konzils vom 28. Oktober 1965. Das Dokument erkennt Wahres und Heiliges in den anderen Religionen an und bestätigt die bleibende Erwählung des Judentums, in dem das Christentum wurzelt.]

Das Gespräch führte Jan Bentz

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