Über den slowakischen Präsidenten, Kollaborateur und Priester Tiso, und seinen Chef, den Papst.  

  • März 4, 2016 – 24 Adar I 5776
  • Geschichte
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Von Peter Gorenflos

In seiner Arbeit über den slowakischen Holocaust („The Jews of Slowakia were not for Sale: The Holy See and the Holocaust of Slovakian Jewry in Summer of 1942“) beschreibt der israelische Historiker Yeshayahu Andrej Jelinek, wie es schon vor Beginn des slowakischen Nationalismus im 19. Jahrhundert, ja schon seit dem Mittelalter, regelmäßige Plünderungen in dem Landstrich gab, der später die Slowakei wurde. Man bereicherte sich hier allerdings ohne die sonst üblichen Pogrome, nicht nur an der jüdischen Bevölkerung, sondern auch am Adel, am Klerus, an der sich langsam entwickelnden Bourgeoisie.

Das Wort „Pogrom“ existierte noch nicht einmal in der slowakischen Sprache. Diese „rabovačka“ genannten Raubzüge hatten mehr anarchistischen Charakter, waren von sozialer Bitterkeit geprägt, vom Wunsch nach gerechten materiellen Verhältnissen und weniger von religiösem Hass. Seit dem 19. Jahrhundert war die gesellschaftliche Elite der Slowakei vor allem lutherisch, erst gegen Ende des Jahrhunderts bildete sich die katholische Slowakische Volkspartei nach ungarischem Vorbild heraus, die seit den 1920er Jahren nach ihrem Vorsitzenden, einem päpstlichen Kammerherrn, auch einfach nur Hlinka-Partei genannt wurde. Ihre Politik war insbesondere anti-tschechisch orientiert, trug aber in einigen Teilen, vor allem nach der Machtergreifung Hitlers, zunehmend antisemitische Züge. Die von der neuen Regierungföderativen slowakischen Teilrepublik 1938 ausgegebene Parole „Bereichert Euch!“ wurde dann auch von der Bevölkerung angenommen, die sich vor allem am Eigentum wehrloser Juden schadlos hielt.

Vorgeschichte
Eugenio Pacelli wurde am 2. März 1939 zum Papst Pius XII. gewählt und zehn Tage später inthronisiert. Er war nazi-freundlicher als sein Vorgänger Pius XI., der regelmäßig in Rage geriet, nicht etwa wegen der Terrorherrschaft oder Kriegstreiberei Hitlers, sondern wegen Verletzungen des Konkordates, Verletzungen katholischer Interessen. Hitler war ja nur das kleinere Übel, mit dem man das größere, die Machtübernahme durch die KPD nach sowjetischem Vorbild, verhindern wollte. Ansonsten war der Nationalsozialismus – bei von allen Seiten ständig betonten Gemeinsamkeiten – v.a. auch ideologischer Konkurrent: Herz-Jesu-Kult versus Blut-und-Boden-Kult. Himmlers Blatt „Das Schwarze Korps“ hatte seit Pacellis Regierungsantritt die katholische Kirche jedenfalls nicht mehr angegriffen.

Am 15. März 1939 wurde unter Bruch des Münchener Abkommens die „Rest-Tschechei“ von der deutschen Wehrmacht besetzt und das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren errichtet. Nicht einmal eindringliche Versuche vermochten den neuen Papst zum Anschluss an die Proteste demokratischer Staaten gegen dieses Vorgehen zu bewegen. Pius XII. lehnte dieses Ansinnen sehr entschieden ab und erklärte sogar, wie sehr er Deutschland schätze und dass er gewillt sei, viel für Deutschland zu tun. Wenige Wochen später zu Hitlers 50. Geburtstag sandte er ihm eine handschriftliche Botschaft, die in Berlin sehr gut aufgenommen wurde. Und am 25. April, sechs Wochen nach der Annexion, sagte er bei einer Audienz: „Wir haben Deutschland immer geliebt und wir lieben es jetzt noch viel mehr. Wir freuen uns der Größe, des Aufschwungs und des Wohlstandes Deutschlands, und es wäre falsch zu behaupten, dass wir nicht ein blühendes, großes und starkes Deutschland wollen.“

Der Vatikan hatte an der Zerstörung der „Hussitenrepublik“, in der zwischen 1918 und 1930 über eine Million Katholiken aus der Kirche ausgetreten waren, schon vor Hitler gearbeitet, indem er die separatistische Bewegung der slowakischen Katholiken insbesondere die „Slowakische Volkspartei“ unterstützte. Ein Jahr nach Hlinkas Tod wurde der Priester und ehemalige Theologieprofessor Jozef Tiso ihr Vorsitzender, der die Slowakei im Bunde mit Hitler und dem Vatikan noch im März 1939 zu einem „selbständigen“ Vasallenstaat des Reiches machte. Zunächst Ministerpräsident, wurde er im Oktober ihr Staatspräsident. Als einer der ersten erkannte der Heilige Stuhl den neuen Staat an.

Innerhalb der Slowakischen Volkspartei gab es Konkurrenz zwischen dem klerikalen Flügel unter der Leitung Tisos und dem radikalen Flügel unter VojtechTuka und Alexander Mach. Bei einem Treffen mit der Nazi-Führung in Salzburg, dem „Salzburger Diktat“ Ende Juli 1940, hatte er sich als Kleriker gegen die Radikalen durchgesetzt, musste aber auf Weisung Hitlers Mach zum Innenminister, Tuka zum Ministerpräsidenten ernennen. Tuka war fanatischer Hitler-Verehrer, allerdings hatte er nicht genügend Rückhalt in Partei und Bevölkerung, um ihn zur Nummer 1 zu machen. Der ehemalige zweite Mann in der Hlinka-Partei, Ferdinand Ďurčanský, war bei den Deutschen in Ungnade gefallen. Er hatte auf mehr Eigenständigkeit des Landes bestanden und war mit den slowakischen Annexionen von Javorina und Arwa nicht einverstanden, die sich Tiso durch Beteiligung am Polenfeldzug sicherte.

Ein dilettantisch geplanter Putschversuch durch Tuka wurde im folgenden Jahr von Berlin aus verhindert. Nach diesem internen Machtkampf führte Tiso auch in der Slowakei das Führer-Prinzip ein und nannte sich später slowakischer „Vodca“ (=Führer). Der deutsche Botschafter Wolfgang von Killinger, der den Putschversuch unterstützt hatte, wurde durch Hanns Ludin ersetzt. Als Präsident war Tiso nun unumstritten. Er war Oberbefehlshaber der Armee, konnte Minister einsetzen und entlassen, konnte Gesetze annullieren und vom Parlament – ein Viertel der Abgeordneten waren Geistliche – nur mit einer 80%-Mehrheit daran gehindert werden und war Vorsitzender der einzigen zugelassenen Partei.

Selbstverständlich beteiligte sich die katholische Slowakei – ihre Gründung war ein Präzedenzfall für Kroatien zwei Jahre später – auch am Überfall auf die Sowjetunion und stellte zwei Divisionen für die Ostfront zur Verfügung. Kurz danach wurde in der Slowakei der Juden-Kodex mit seinen 270 Artikeln erlassen mit dem Ziel, die Nürnberger Rassegesetze zu importieren. Jetzt wurde die soziale Quarantäne der jüdischen Bevölkerung forciert. Sie verloren ihre bürgerlichen Rechte, ihr Eigentum, ihre Berufe, mussten den Davidstern tragen und wurden in slowakische Lager verbracht. Es war der Auftakt für die Deportationen nach Polen.

Der slowakische Anteil am Holocaust
Und im Herbst 1941 traf Tiso Hitler in seinem Hauptquartier in der Ukraine zusammen mit Mach und Tuka. Hier wurde vor allem die „Jüdische Frage“ erörtert. Die Nazis wussten, dass die Regierung und große Teile der Bevölkerung, auch Teile der katholischen Hierarchie, die Juden loswerden wollten und boten deren „Umsiedlung“ nach Polen an, ein Vorschlag, den die slowakische Delegation begeistert annahm. Die Nazis mussten keinen Druck auf die Slowakei ausüben, um Zustimmung zu finden. Im Gegenteil, die konkurrierenden Lager – Kleriker und Radikale – benutzten die „Jüdische Frage“, um sich bei den Nazis anzubiedern, um von ihnen bei der Staatsführung favorisiert zu werden. Die Einzelheiten der sogenannten „Umsiedlungen“ wurden später zwischen dem SS-Offizier und Nazi-Berater in Sachen slowakischer Endlösung, Dieter Wisliczeny, und der Abteilung 14 des slowakischen Innenministeriums ausgehandelt. Ministerpräsident Tuka traf hier regelmäßig deutsche Gäste, um das weitere Vorgehen gegen die jüdische Bevölkerung zu besprechen. Am 3. März 1942 kündigte er dem Ministerrat die Deportation der Juden an, der Staatsrat – der führende Bischof der Slowakei, Ján Vojtaššák, war hier Mitglied – bestätige dieses Vorgehen wenig später.

Die Deportationen sollten Ende März 1942 beginnen. Mehrere Quellen sprechen von einer vorgesehenen „Quote“ von 60.000. Sie endeten dann – vorläufig – im Oktober 1942, nachdem insgesamt 58.500 Juden abtransportiert worden waren und begannen erst wieder zwei Jahre später nach der deutschen Besatzung. Es gab auch einen Beschluss, dass die Slowakei für jeden abtransportierten Juden 500 Reichsmark an Nazi-Deutschland bezahlen würde. Man erkannte ihnen die slowakische Staatsbürgerschaft ab, um spätere Nachforschungen über ihr Schicksal zu verhindern.

Natürlich wusste Tiso bereits 1941 von slowakischen Soldaten an der Ostfront, welches Schicksal der jüdischen Bevölkerung widerfuhr, die den Deutschen in die Hände fiel. Im ukrainischen Schitomir kam es im August 1941 zu einem Pogrom von SS und Einheiten der Wehrmacht, bei dem über 400 Juden erschossen wurden. Diese Stadt wurde zwei Monate später zu einem slowakischen Hauptquartier, das auch von Tiso besucht wurde. Bereits am 14. März, zwei Wochen vor Beginn der Deportationen, übergab der päpstliche Nuntius Giuseppe Burzio der slowakischen Regierung eine Protestnote des Vatikans, mit der Feststellung, dass die Juden nicht in Arbeitslager gebracht, sondern ermordet würden. Im Juni des selben Jahres erhielt er von einer jüdischen Untergrundorganisation Zeugenberichte von den Vernichtungslagern in der naiven Hoffnung, dass „sein hartes Herz erweichen“ würde.

Sechs Wochen Deportations-Stopp
Jelineks Arbeit befasst sich vor allem mit der Suspendierung der Deportationen zwischen Anfang August und Mitte September 1942. Er berichtet über eine Arbeitsgruppe jüdischer Aktivisten im Untergrund, die sich für die Rettung ihrer Glaubensbrüder einsetzte. Sie verhandelte u.a. mit Dieter Wisliczeny. Dabei ging es um Bestechungsgelder, die für jeden ausgelassenen Transport bezahlt werden sollten. Neben dem Deutschen Wisliczeny waren vor allem die Slowaken Ansprechpartner der Arbeitsgruppe, denn sie waren es, die den Abtransport organisierten, nicht die Deutschen. Der Transportminister Sano gehörte der „moderaten“ Tiso-Fraktion an und stellte die Züge zur Verfügung, über welche Eichmann nicht in ausreichendem Maße verfügte. Nachgewiesen sind mehrere Unterredungen von führenden Mitgliedern der Arbeitsgruppe, wie Rabbi Armin Frieder, mit Tiso persönlich, es gibt sogar Augenzeugenberichte, dass Tiso selbst über die Abfahrt jedes einzelnen Deportations-Zuges entschied. Möglicherweise versuchte man ihn bei dieser Gelegenheit mit hohen Geldsummen zu bestechen.

Viel aufschlussreicher sind die mehrfach dokumentierten Kontakte der Arbeitsgruppe mit der tschechoslowakischen Exilregierung in London. Sie erhielt Dokumente, die zuvor den deutschen Behörden in Bratislava (Preßburg) gestohlen worden waren, auch Berichte über die Vernichtungslager in Polen von Juden, die fliehen konnten, und die den wahren Charakter der „Umsiedlungen“ offenlegten. Die tschechoslowakische Exilregierung übergab dem katholischen Bischof von London, Edward Myers, am 6. Juli 1942 ein Memorandum über das entsetzliche Schicksal deportierter slowakischer Juden mit der Bitte, dieses an den britischen Kardinal Arthur Hinsley weiterzuleiten, der im März 1939 an der Papstwahl teilgenommen hatte. Ein ähnliches Memorandum von 1944 – eine Wiederaufnahme der Deportationen nach einer fast zweijährigen Pause wurde debattiert – bestätigt, dass die Intervention beim Vatikan damals Früchte trug, dass die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung eingeschränkt und die Deportationen zeitweise eingestellt wurden, nachzulesen in einer Quelle von 1944 im Archiv des tschechischen Außenministeriums. Auch ein Brief des Außenministers der Londoner Exilregierung, Jan Masaryk, an den tschechoslowakischen Generalkonsul in Jerusalem vom 8. Juli 1942 bestätigt die Intervention des Vatikans, ebenso ein Brief des Exil-Ministers Hubert Ripka an Bischof Myers vom 4. Februar 1944, der darauf hinweist, dass sich dessen damalige Bemühungen in dieser Angelegenheit beim Heiligen Stuhl als extrem hilfreich erwiesen.

Jelinek macht klar, dass diese Dokumente die Aktivitäten der Exilregierung bezeugen, dass der Vatikan auf Druck der Exilregierung hin im Sommer 1942 intervenierte und dass es daraufhin zu einem sechswöchigen Deportations-Stopp von Anfang August bis Mitte September kam. Diese Intervention war vermutlich der entscheidende Grund für die Suspendierung. Es gibt keinen eindeutigen, dokumentierten Beweis dafür, dass Verhandlungen mit dem SS-Offizier Dieter Wisliceny oder Bestechungen zu dieser Unterbrechung der Abtransporte geführt haben, obwohl das natürlich auch eine Rolle gespielt haben kann. Im Gegensatz dazu sind die Dokumente, die den Vatikan betreffen, ausreichend, verlässlich und überzeugend. Die katholische Kirche konnte also erfolgreich intervenieren, wenn sie das nur wollte! (…)

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