Die Amtskirchen und die konfessionsbedingten Unterschiede bei den NSDAP-Wahlergebnissen  

Von Dr. Stefan Winckler

Die NSDAP gewann seit 1928 Wähler aus fast allen Schichten der Bevölkerung, allerdings in unterschiedlichem Maße. Die stärksten Zuwächse erzielte sie fern von Gründungsort und Parteizentrale in den protestantischen Regionen Mittel-, Ost- und Norddeutschlands. Dagegen blieb sie bei Katholiken, die ein Drittel des deutschen Volkes ausmachten, weit unter dem Reichsdurchschnitt.

Bei den Reichstagswahlen 1930 entschieden sich neun Prozent der katholischen Wähler für die Hitlerpartei, aber 18 Prozent der Nicht-Katholiken. Die Werte für die Wahlen im Juli 1932: 16 Prozent der Katholiken, 38 Prozent der Nicht-Katholiken; daran änderte sich im November 1932 wenig. Noch in den März-Wahlen 1933, trotz eingeschränkter Presse- und Versammlungsfreiheit und massiver NS-Propaganda, blieb Hitler bei Katholiken eher wenig populär: Er gewann 28 Prozent der katholischen Wähler – so die Schätzung des Politikwissenschaftlers Jürgen W. Falter in seinem Standardwerk „Hitlers Wähler“.

Auf Reichsebene erhielt die NSDAP dagegen 43,9 Prozent. Die katholischen Parteien Zentrum und Bayerische Volkspartei (BVP) konnten ihre Wähler März 1933 im Wesentlichen halten, trotz Zugewinnen der NSDAP.

Schwerer Stand der NSDAP in Aschaffenburg
Beispielsweise erzielte die NSDAP im Kreis Aschaffenburg am 5. März 1933 ganze 4.611 Stimmen (19, 4 Prozent), die SPD 5.725 und die BVP 10.592 von 23.706 insgesamt. Der Kreis war konfessionell „tiefschwarz“: 44.610 Katholiken gegenüber 707 Protestanten und 85 Juden. Im ähnlich strukturierten, ebenfalls fast völlig katholischen Nachbarkreis Alzenau verhielt es sich entsprechend: Die Hitlerpartei kam bei der Märzwahl 1933 auf 4.348 Stimmen (von 17.233 insgesamt, also 25,2 Prozent), während die BVP 8.049 Stimmen erhielt.

Ähnliche Ergebnisse sind in den katholischen Gegenden wie Südoldenburg, Emsland, Teilen Westfalens, dem Rheinland, Oberschlesien, Oberschwaben und Altbayern zuhauf nachweisbar. Auffällig die Wahlentscheidung im Wallfahrtsort: Im Kreis Altötting vereinigte die NSDAP 6.381 Stimmen auf sich, die BVP hingegen 11.331 von insgesamt 24.880 Stimmen.

Gleichgroße Nachbargemeinden im Vergleich
Die Unterschiede im Wahlverhalten lassen sich besonders gut anhand ähnlich großer, benachbarter Kommunen nachweisen: In der evangelischen Kleinstadt Babenhausen/Südhessen erreichte die NSDAP am 5. März 1933 eine Zweidrittelmehrheit. Zehn Kilometer weiter kam die NSDAP im katholischen Dieburg auf 24 Prozent. In Babenhausen war das Zentrum eine Splitterpartei, in Dieburg dagegen mit fast 50 Prozent dominierend.

In der Tat kam die NSDAP in den protestantischen Landgemeinden auf erdrückende Mehrheiten. In Rothenburg ob der Tauber konnte die NSDAP eine Dreiviertelmehrheit (1932) auf 83 Prozent (1933) ausbauen – in vielen Orten wie etwa Uffenheim/Mittelfranken oder Frankenberg/Hessen war es ähnlich. Dort war der Antisemitismus schon vor 1933 ausgeprägt.

Auf der Ebene der 35 Wahlkreise des Reiches wird diese Spaltung ebenfalls deutlich: 1933 erzielte die NSDAP in Ostpreußen 56,5 Prozent, in Pommern 56,3 Prozent, im Wahlkreis Frankfurt/Oder 55,2 Prozent. Dagegen war das Zentrum im katholischen Koblenz-Trier und Köln-Aachen am erfolgreichsten.

Ein weltlicher Messias beißt sich mit katholischen Vorstellungen
Wie kam es zu diesem konfessionell so disparaten Wählerverhalten? Die katholische Kirche war strikt gegen den Ausschließlichkeitsanspruch der totalitären Parteien NSDAP und KPD, den „ganzen Menschen“ zu erfassen und zu lenken. Nicht zuletzt war für sie der Rassismus, gerade auch der Rassen-Antisemitismus, nicht akzeptabel, und Gewaltanwendung schlichtweg Sünde. Unmöglich war für sie der „Glaube“ an einen weltlichen Messias mit Erlösungsanspruch. So übte die Kirche Widerspruch aus sittlich-moralischen Gründen, ohne allzu politisch zu werden.

Ein weiterer Grund für die geringere Gefolgschaft dem Nationalsozialismus gegenüber war wahrscheinlich auch die Tatsache, dass es für die Katholiken eine hohe Autorität außerhalb Deutschlands in Rom gab. Für die Protestanten gab es so eine alternative Autorität nicht.

Frühe Warnung von 1929
Der Nuntius in Deutschland, Eugenio Pacelli, äußerte schon 1929 über Hitler: „Ich müsste mich sehr, sehr täuschen, wenn dies hier noch ein gutes Ende nehmen würde. Dieser Mensch ist völlig von sich besessen, alles, was ihm nicht dient, verwirft er, was er sagt und schreibt, trägt den Stempel seiner Selbstsucht, dieser Mensch geht über Leichen und tritt nieder, was ihm im Weg steht. Ich kann nur nicht begreifen, dass selbst so viele von den Besten in Deutschland das nicht sehen, oder wenigstens aus dem, was er schreibt und sagt, eine Lehre ziehen – wer von all diesen hat überhaupt das haarsträubende Buch ,Mein Kampf' gelesen?“

Die Bischöfe von Mainz, Freiburg und Rottenburg warnten am 19. März 1931 vor dem Nationalsozialismus wegen dessen Unvereinbarkeit mit der kirchlichen Lehre. Die bayerischen Bischöfe erklärten 1932 eine NSDAP-Mitgliedschaft von Katholiken sei nicht tolerabel. Im Mahnschreiben der deutschen katholischen Bischöfe vom 28. Februar 1933 ist zu lesen: „Wählet Abgeordnete, deren Charakter und erprobte Haltung Zeugnis gibt von ihrem Eintreten für Frieden und soziale Wohlfahrt des Volkes, für den Schutz der konfessionellen Schule, der christlichen Religion und der katholischen Kirche.“

Dennoch hielt sich die Kirche zumeist ängstlich zurück, die Hetze gegen die Juden oder gar deren Entrechtung, Beraubung und Deportation konkret anzuprangern. Ein päpstliches Lehrschreiben gegen Antisemitismus blieb wegen des Todes von Pius XI. 1939 unveröffentlicht.

Kirchenaustritte von Nazis
Wie reagierte die NSDAP? Fanatische Nationalsozialisten wandten sich vom christlichen Glauben und v.a. von der Kirche ab. Im „schwarzen“ Unterfranken waren nicht die wenigen Kommunisten, sondern die Kirche der Hauptfeind. Gauleiter Otto Hellmuth kehrte seine strenge katholische Erziehung in Kirchenhass um und benannte seine Tochter demonstrativ nach der heidnischen Herzogin Gailana, die im späten siebten Jahrhundert den Frankenapostel Kilian hatte hinrichten lassen. Kilian, Würzburgs Stadtpatron, war einer der meistverehrten Heiligen im Bistum.

Dreimal stürmten SA-Männer das bischöfliche Palais und zerschlugen das Eingangsportal. Während die Nazis vor der Einkerkerung des hochangesehenen Bischofs, der keinen Gottesdienstbesuch in NS-Uniform duldete, zurückschreckten, wurden Kleriker wegen angeblicher Sittlichkeitsdelikte und Devisenvergehen angeklagt oder ins KZ Dachau gesteckt. In Mömbris nahe Alzenau (Bistum Würzburg) kritisierte Pfarrer August Wörner kurz vor Weihnachten 1936, dass ein Schaukasten mit dem antisemitischen Hetzblatt „Der Stürmer“ im Dorf angebracht werden sollte. Er befürwortete eine Unterschriftenaktion dagegen und wollte, falls erfolglos, sogar auf das weitere Feiern der Sonntagsmesse verzichten. Als sich viele Bürger in eine Unterschriftenliste eintrugen, bestrafte die Gestapo den Priester mit acht Monaten Gefängnis. Sein Nachfolger Hermann Dümig blieb ähnlich standhaft, KZ-Haft war die Folge.

Dagegen favorisierten viele Pastoren der politisch heimatlos gewordenen, betont nationalen evangelischen Kirche die NSDAP. Martin Niemöller wählte seit 1924 Hitler. Der spätere Reichsbischof Ludwig Müller trat der NSDAP 1931 bei.

Historiker Wolfram Pyta erklärt die Erfolge des NS im ländlich-protestantischen Milieu: Eine sich agrarkonservativ gebende NSDAP stieß in die Lücke, die die rechten Parteien hinterließen – „Rettung der Dorfgemeinschaft vor dem kapitalistischen Weltmarkt, Bewahrung der Dorfgemeinschaft vor Klassenkampf und Individualisierung, Rechristianisierung des deutschen Volkes“ (Dorfgemeinschaft und Parteipolitik 1918-1933, Düsseldorf 1996, S. 478). Sie gewann dort die Meinungsführer durch den Slogan „Volksgemeinschaft“: Bauern, Pastoren, Lehrer.

In einem rein protestantischen Deutschland hätte sich Hitler bereits 1932 durchgesetzt.

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