Der Youtube-Star Tilo Jung und die Hamas als „palästinensische CDU“  

Von Monty Maximilian Ott

Der Komiker Oliver Polak ist nicht gerade dafür bekannt, dass seine Witze in feiner Gesellschaft vorgetragen werden können. Manch einer würde sagen, dass er oft über das Ziel hinaus schießt. Dennoch kugeln sich die meisten Menschen in seinen Shows, oder es bleibt ihnen das Lachen im Halse stecken. Doch was macht Oliver Polak dann aus? Vielleicht, dass er oft einen wunden Punkt trifft.

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Das werden sich die meisten schon bei Oliver Polaks erstem Buch „Ich darf das, ich bin Jude“ gedacht haben. Doch bei allem, was er schreibt oder hier und da sagt, bleibt immer etwas haften, das einen zum Denken anregt. Dieses kuriose Potpourri macht auch seine Kolumne in der Zeitung „Die Welt“ aus. Vor kurzem schlug er dort noch vor, dass man Auschwitz wieder eröffnen solle. Dann sollten „all diejenigen, die Steine werfen, Häuser anzünden und auf Menschen urinieren, in Viehwaggons (gepackt und) Richtung Osten transportiert(...)“ werden. Wie gesagt: Contenance ist nicht Polaks Stil. Doch in seiner neuen Kolumne trifft er dann doch wieder den Nagel auf den Kopf. In dieser Kolumne äußert er, in Polakscher Manier, Kritik an Tilo Jung. Doch wer ist dieser Tilo Jung überhaupt und warum wird er von Polak angegriffen?

Tilo Jung ist heute wahrscheinlich vielen Internet-Nutzern durch seine kleine Youtube-Sendung „Jung & naiv“ bekannt, immerhin hat er dort 40.800 Abonnenten und über 5 Millionen Aufrufe. Das liegt vielleicht daran, dass der Youtube-„Journalist“ schon so einige Hochkaräter vor seiner Linse hatte: da finden sich Peer Steinbrück und Gregor Gysi oder auch der IDF-Pressesprecher Arye Sharuz Shalicar. Was gibt es daran auszusetzen? Der Stein des Anstoßes ist ein gerade mal 10 Sekunden andauernder Filmbeitrag, den Jung am 8. September getwittert hat. Der Ausschnitt ist durch Jung wie folgt kommentiert: „Schwul? Lebensbejahend? Wenn Regierungssprecher über meinen Hoodie lästern...“. Gemeint sind der Regierungssprecher Steffen Seibert und dessen Kollege aus dem Auswärtigem Amt, die in der Bundespressekonferenz nicht bemerkten, dass ihre Mikrofone bereits angeschaltet waren.

Wer die Lautstärke seiner Lautsprecher aufdreht, bekommt beim Tuscheln der beiden mit etwas Glück zu hören: „... unterstellen, dass er schwul ist ...“ Und darauf die Antwort von Seibert: „Es ist jedenfalls ein lebensbejahendes Rosa.“ Das Video erinnert etwas an die Pointe des Fernsehmoderators, der mit offenem Mikrophon die Toilette aufsucht.
Doch Jungs Versuch das Video für sich auszuschlachten ist nicht einmal Polaks Hauptaufreger. Viel mehr ist es die Scheinheiligkeit mit der Jung seine Arbeit betreibt. So stützt sich Jungs Bekanntheit nach Polak auf einer Bildserie zum Weltfrauentag. In dieser Bildserie, die die Bilder von Murad Osmann nachahmt, tritt ein Mann einer Frau in den Rücken, die daraufhin im Sand landet. Jung betitelte das Bild mit „Weltfrauentag“. Daraufhin folgte eine Welle der Empörung. Ausgerechnet heute ist es Jung, der mit dem Video der Pressekonferenz für Furore sorgen will. Und dann stellt Polak die richtigen Fragen: „warum hast Du Deinen pinken Pullover eigentlich nicht getragen, als Du damals die Hamas so jung und naiv interviewt hast“ und kommentiert diese Nachfrage noch mit dem Halbsatz: „wobei, es war ja weniger ein Interview, mehr so: Lassen wir die Terroristen doch auch mal zu Wort kommen!“

Und diese Doppelmoral ist nach Polak nicht das einzig kritikwürdige an dem jungen Naiven: „You are: Israel-Bashing, sich über die Beschneidung empören und keine Ahnung haben. Und dann mit der Hamas und Ken Jebsen chillen – war das jetzt gerade eine Tautologie?“ Sieht man den Twitter-Account von Jung durch, dann braucht man nicht sonderlich lange, um Polak beizupflichten. Am 10. Juli 2012 heißt es da bei Tilo Jung: „Merke: Die rituelle Beschneidung dient dem Wohl der Eltern, nicht des Kindes.“ Wäre das nicht Grund genug für einen allmorgendlichen Wutanfall, bietet die Kommentarspalte noch mehr Material: „aber das ist dann ein Hinterwäldlerproblem dieser religiösen Gemeinden, kein Problem des unschuldigen Kindes“, führt Jung später aus. Bei diesem „seriösen Journalisten“ scheint es sich eher um einen politischen Akteur zu handeln, der dem Ressentiment freien Lauf lässt. Dies unterstreicht das tölpelhafte Interview mit dem Fatah-Sprecher Husam Zomlot (dieses lässt sich heute noch auf Youtube ansehen). Hier kommen tatsächlich durch die vollkommen deplatzierten Nachfragen Austausche wie dieser Zustande: Zomlot erklärt die Fatah zur SPD auf palästinensisch und die Hamas zur CDU, darauf folgt die knallharte Nachfrage des ehemaligen Krautreporters: „Da hab ich noch nie was von gehört. Die Hamas wäre so etwas wie Angela Merkels Partei in Deutschland, nur mit Gewalt?“ Das folgende „Ja“ von Zomlot bleibt unkommentiert. Jung traut sich nicht mal den Verweis aufzubringen, dass die Hamas das Existenzrecht Israels bis heute nicht akzeptiert.

Polak fasst seine Einstellung zu Jung gegen Ende des Textes so zusammen: „Jung und naiv? Ich glaube, Du bist einfach nur, ähm, wie soll ich sagen, sehr, ähm, wie war das Wort nochmal, ah ja – dumm“. Die Krautreporter traten einst an, um eine neue, unaufgeregte, sachliche Form des Online-Journalismus zu schaffen. Das was Jung hingegen kreiert, ist das Sprachrohr des Ressentiments und des politischen Kalküls.

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