September 8, 2017 – 17 Elul 5777
Warum gerade für Gedalja fasten?

image

Juden sollten ihre wahren Freunde erkennen  

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Es passiert nicht oft, dass ein bedeutungsvolles Datum des jüdischen Kalenders mit einem wichtigen Ereignis des Landes zusammenfällt.
In diesem Jahr ist das jedoch der Fall: am 24. September, am Tag der Bundestagswahl, werden viele Juden das sogenannte Tzom Gedalja (Gedalja-Fasten) begehen. Dieses Fasten findet normalerweise direkt nach Rosch Haschana (Neujahrsfest) am 3. Tischrej statt. Wenn jedoch der 3. Tischrej auf den Schabbat fällt (wie dieses Jahr), wird das Tzom auf den 4. Tischrej, auf den Sonntag verschoben.

Da in dieser Welt nichts zufällig passiert, können wir davon ausgehen, dass mit der Tatsache, dass die Wahlen gerade auf diesen Tag gesetzt wurden, G“tt uns damit eine wichtige Botschaft sendet. Wir müssen versuchen die Bedeutung dieses Fastens zu verstehen und daraus die Lehre zu ziehen, die uns hilft richtig zu entscheiden.

Im jüdischen Kalender gibt es fünf Fastentage, die für alle verpflichtend sind. Warum genau diese Tage für das Fasten ausgewählt sind, ist bei den meisten leicht nachvollzielbar: am 17. Tammuz wird wegen mehrerer großer Tragödien gefastet, am 9. Av wird die Zerstörung unserer beiden Tempel in Jerusalem betrauert, am 10. Tewet wird wegen der Belagerung von Jerusalem durch Nebukadnezar gefastet, das Esther-Fasten vor dem Purim-Fest ist die Erinnerung an die Rettung des jüdischen Volkes in der Purim-Geschichte, die auch dank des dreitägigen Fastens herbeigeführt wurde. Auch Jom Kippur, das einzige Fasten, das von der Thora vorgeschrieben ist, muss nicht lange erklärt werden.

Der Grund für das Gedalja-Fasten scheint in dieser Reihe ein wenig merkwürdig zu sein: am 3. Tischrej, kurz nach der Zerstörung des ersten Tempels durch Nebukadnezar, wurde Gedalja ben Achikam ermordet. Dieser Mann war der Gouverneur des jüdischen Staats, der von Nebukadnezar eingesetzt wurde.

Auch wenn Gedalja ein gerechter, geschätzter und frommer Mensch war – ist sein tragischer Tod tatsächlich so bedeutend, dass das ganze jüdische Volk jedes Jahr deswegen fasten muss? Es gab viele tragische Morde in der jüdischen Geschichte, es gab mehrere große Persönlichkeit, die von den Eroberern, Antisemiten und manchmal sogar von Fanatikern aus dem eigenen Volk getötet wurden. Warum also war ausgerechnet der Tod eines scheinbar unbedeutenden Gouverneurs, der keine große Taten vollbrachte, so wichtig in den Augen unserer Weisen?

Und noch mehr: dieses Fasten findet im Monat Tischrej statt, der mit wichtigen Feiertagen (Rosch Haschana, Jom Kippur, Sukkot, Schmini Atzeret, Simchat Tora) gefüllt ist. Da scheint ein Gedenktag ziemlich unpassend zu sein. Es muss also etwas sehr Wichtiges in dieser „kleinen“ Tragödie enthalten sein, dass ein nationales Fasten rechtfertigt und für uns alle von großer Bedeutung sein soll.

Die Babylonier haben verstanden, dass es nicht genügt ein Land nur zu erobern. Man muss auch dafür sorgen, dass die Einheimischen nicht versuchen werden sich danach wieder zu befreien.
Dieses Problem hatte Nebukadnezar gut gelöst: aus jedem eroberten Land wurde die Elite des Landes und die besten Handwerker nach Babel entführt, und es wurden nur die einfachen Bauern im eroberten Land gelassen.

Das Gleiche passierte nach der Eroberung des Königreiches Judäa. Als Statthalter über die dortgebliebenen Juden wurde Gedalja ben Achikam in der Stadt Mizpa eingesetzt. Es gab große Hoffnung, dass unter seiner Regentschaft das jüdische Leben in dem zerstörten und geplünderten Land wieder aufblühen werde.

Das passte natürlich den Feinden der Juden nicht. Vor allem Baalis, der König von Ammon, hat alles daran gesetzt, um diese Hoffnung zu zerstören. Er hat Jischmael ben Netanja angeheuert, um Gedalja zu beseitigen. Sollte dieser Mord gelingen, wäre sogar ein doppelter Effekt erzielt: zum einen wäre ein guter Herrscher weg, der das Volk vereinen könnte, und zum anderen wäre der König von Babel verärgert: der Mord an einem seiner Gouverneure könnte als Aufstand gewertet werden und schlimme Konsequenzen nach sich ziehen.

Diese traurige Geschichte und ihre Folgen finden wir im Tanach beim Propheten Jirmijahu: Gedalja wurde vor der Verschwörung gewarnt, konnte jedoch nicht glauben, dass ein Jude zu einer so abscheulichen Tat wirklich fähig sein sollte.

„Da sprach Johanan, der Sohn Kareachs, heimlich zu Gedalja in Mizpa also: lass mich doch hingehen, ich will Jischmael, den Sohn Netanjas, erschlagen, dass es niemand erfährt! Warum sollte er dich totschlagen, so dass alle Juden, die sich zu dir versammelt haben, zerstreut werden und der Überrest von Juda umkommt? Da sprach Gedalja, der Sohn Achikams, zu Johanan, dem Sohne Kareachs: Du sollst diesen Anschlag nicht ausführen; denn du redest Lügen über Jischmael!“

So ließ der naive Gouverneur den Jischmael ben Netanja mit seinen Leuten unter den anderen Adeligen das Rosch Haschana-Fest bei sich feiern und besiegelte damit sein Schicksal:

„Es begab sich aber im siebenten Monat, dass Ismael, der Sohn Netanjas, des Sohnes Elisamas, aus königlichem Samen und von den Obersten des Königs, in Begleitung von zehn Männern, zu Gedalja, dem Sohne Achikams, gen Mizpa kam; und sie aßen daselbst miteinander.   Aber Ismael, der Sohn Netanjas, und die zehn Männer, die bei ihm waren, standen auf und schlugen Gedalja, den Sohn Achikams, des Sohnes Saphans, mit dem Schwerte und töteten den, welchen der König von Babel über das Land gesetzt hatte“.

Doch dieser Mord war nicht der Höhepunkt der Tragödie – das echte Unglück kam erst unmittelbar danach: die im Lande gebliebenen Juden mussten jetzt schnell entscheiden, was sie machen sollten: Wenn der König von Babel vom Tod seines Statthalters erfährt, so könnte seine Rache fürchterlich werden. Das einzige Land, wo die Juden dem Zorn von Nebukadnezar entkommen könnten, war Ägypten. Ägypten war damals das einzige große Land, das noch nicht von Babel erobert worden war.

Interessanterweise hatte gerade Ägypten einen nicht unbedeutenden Anteil am Untergang des jüdischen Staates: der Pharao war Verbündeter von Judäa, ließ im entscheidenden Moment jedoch die Juden fallen. Trotz dieses Verrats wollten die Juden nach dem Tod von Gedalja die Rettung in Ägypten suchen.

Weil die Babylonier überraschenderweise den Propheten Jirmijahu nach der Eroberung im Land Jisrael weiterhin wirken ließen, hatten die Anführer des Volkes, die schon drauf und dran waren nach Ägypten zu fliehen, die passende Person, um die Meinung G“ttes zu erfragen.
Zu ihrem Stauen antwortete ihnen Jirmijahu, dass G“tt den Juden befielt im Land Israel zu bleiben und verspricht, dass alles gut wird: „Fürchtet euch nicht vor dem König von Babel, vor welchem ihr Angst habt; fürchtet euch nicht vor ihm, spricht der HERR; denn ich bin mit euch, um euch zu helfen und euch von seiner Hand zu erretten“.

Die Reaktion der Anführer darauf war verblüffend: „Da sprachen Asarja, der Sohn Hosajas, und Johanan, der Sohn Kareachs, und alle frechen Männer zu Jirmijahu: Du lügst! Der HERR, unser Gott, hat dich nicht gesandt, zu sagen: Ihr sollt nicht nach Ägypten ziehen, um dort in der Fremde zu wohnen; sondern Baruch, der Sohn Nerijas, reizt dich gegen uns auf, um uns in die Hände der Chaldäer zu bringen, damit sie uns töten oder gefangen nach Babel führen! Also gehorchten Johanan, der Sohn Kareachs, und alle Obersten des Heeres und das ganze Volk dem Befehl des HERRN nicht, dass sie im Lande Juda geblieben wären“.

Der Prophet ließ sich von diesen absurden Anschuldigungen nicht beirren und versprach den Anführern, dass sie bald ihre falsche Entscheidung sehr bereuen werden. Seine Prophezeiung erfüllte sich in nur zwei Jahren: Nebukadnezar eroberte einen Teil Ägyptens, und zwar gerade den Teil, wo sich die geflüchteten Juden niedergelassen hatten. Und das Land, das eine Rettung für sie sein sollte, wurde ihnen einmal mehr zur Falle.

Damit war die Tragödie, die mit dem Tod von Gedalja begonnen hatte, vollendet.

Es drängt sich die Frage auf, warum die jüdischen Anführer, die ja Jirmijahu selbst um Rat gebeten hatten, ihm nicht nur nicht zugehört haben, sondern ihm auch noch böse Absichten unterstellt haben.

Es kann mehre Antworten darauf geben. Eine davon ist, dass die jüdischen Anführer zu stark von Ägypten beeindruckt waren: sehr lange hatte sich der Pharao als Freund des jüdischen Staates ausgegeben. Und trotz des Verrats war das „freundliche“ Ägypten in den Augen der jüdischen Anführer verlässlicher als die Meinung ihres eigenen weisen Propheten.

Diesen Fehler haben Juden leider zu oft auch in nächsten Generationen gemacht, meistens mit fatalen Folgen. Vielleicht haben unsere Weisen deshalb festgelegt, dass man dieses Ereignisses jedes Jahr gedenken sollte. Und vielleicht soll uns dieser Gedanke gerade an diesem 24. September helfen die echten Freunde zu wählen.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben