Eine Studentin aus Jerusalem entdeckt die Sprache der Amischen und deren Parallelen zum Jiddischen als Studienthema  

Noa Goldblatt von der Hebräischen Universität Jerusalem schrieb ihre Masterarbeit über das Pennsylvania-Deutsch (manchmal von Amerikanern auch fälschlicherweise als „Pennsylvania-Dutch“ bezeichnet). Diese deutsche Mundart wird hauptsächlich von den sehr religösen Amischen gesprochen, deren Vorfahren im frühen 18. Jahrhundert aus dem südwestdeutschen Raum nach Nordamerika kamen. Viele kennen die Amischen aus Spielfilmen (z.B. „Der einzige Zeuge“ mit Harrison Ford) oder TV-Dokumentationen, weil sie durch ihre schwarzen Pferdekutschen und durch die altmodische bäuerliche Kleidung auffallen, doch kaum jemand kennt deren besondere Sprache, die dem Pfälzischen ähnelt. Grundlage ihres Lebensstils, der sich seit ihrer Einwanderung kaum verändert hat, bildet in vielen Bereichen die Bibel. Man zählt sie zu den täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaften, die die Erwachsenentaufe praktizieren, den Militärdienst ablehnen und teils eigene Schulen betreiben. Ihre Bezeichnung leitet sich vom Namen ihres Begründers Jakob Ammann (1644–1730) ab.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Liebe Noa, die „Pennsylvania German Society“ aus den USA hat mich zufällig auf Dein besonderes Studienthema hingewiesen. In Deutschland ist nur wenig über die Amischen bekannt. Wie bist Du gerade in Israel auf dieses Thema für Deine Masterarbeit gestoßen?

Noa Goldblatt: Es ist eigentlich eine komische Geschichte. Vor acht Jahren habe ich eine Folge der Fernsehserie „Grey’s Anatomy“ gesehen und darin kam ein Mädchen der Amischen vor, das krank oder verletzt war. Sie hat seltsam geredet und ich dachte „Das klingt wie Deutsch, ist aber kein normales Hochdeutsch. Also, was ist es dann?“. Auf Google suchte ich „Welche Sprache sprechen die Amischen?“ und auf diese Weise habe ich zum ersten Mal Pennsylvania-Deutsch kennengelernt. Ich fand diese Sprache sehr interessant und habe ein paar Aufsätze für verschiedene Kurse darüber geschrieben. Als ich ein Thema für meine Masterarbeit auswählen musste, habe ich mich entschieden, mich noch intensiver mit Pennsylvania-Deutsch zu beschäftigen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie hat Dein Professor reagiert, als Du ihm das Thema vorgeschlagen hast? Und was haben Deine Mitstudenten zu dem Thema gesagt?

Noa Goldblatt: Meine Professoren, Frau Dr. Larissa Naiditch und Herr Dr. Eitan Grossman, waren sehr unterstützend. Sie haben mein Thema auch interessant gefunden und hatten viele wichtige Empfehlungen während des Schreibprozesses. Für meine Mitstudenten war es ein spannendes und ziemlich exotisches Thema gleichermaßen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Gab es vor Deiner Masterarbeit schon Literatur oder andere akademische Arbeiten zum Pennsylvania-Deutsch von Israelis?

Noa Goldblatt: Nach meinem Wissen gab es keine andere Literatur dazu aus Israel. Frau Dr. Dalit Assouline, die zur jiddischen Sprache forscht, hat ein bißchen zum Pennsylvania-Deutsch geschrieben – hauptsächlich als Vergleich mit dem Jiddisch der orthodoxen Juden in Israel.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Du kannst auch Deutsch. Wie kommt das?

Noa Goldblatt: Meine Familie hat keine direkten Verbindungen zur deutschen Kultur, obwohl meine Großeltern noch Jiddisch redeten, aber niemals mit uns Enkelkindern. Nach meinem Militärdienst bei den IDF bin ich nach Deutschland gekommen. Ich war Au-Pair-Mӓdchen bei einer wunderbaren israelischen Klarinettistin und ihrer Familie in Hannover. Für das Au-Pair-Visum muss man einen Deutsch-Grundkurs besuchen. In diesem Zusammenhang habe ich erst Deutsch gelernt. Es war ein großer Spaß und sehr interessant für mich. Nach einem Jahr in Deutschland kam ich zurück nach Israel. Als ich mein Bachelor-Studium an der Hebräischen Universität Jerusalem begonnen habe, wählte ich die Fächer Sprachwissenschaft und Germanistik.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Hast Du die Amischen auch in Pennsylvania besucht?

Noa Goldblatt: Nein, das klappte leider nicht. Während meines Master-Studiums war es für mich zu kompliziert und zu teuer, in die Vereinigten Staaten zu reisen. Deshalb musste ich andere Datenquellen finden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Hast Du die Herkunftsgebiete der Amischen in Südwestdeutschland kennengelernt?

Noa Goldblatt: Ja, als Touristin habe ich ein paar Reisen durch Südwestdeutschland gemacht, aber nicht zu akademischen Recherchezwecken.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Für einen Deutsch-Muttersprachler ist es manchmal schwierig, das Pennsylvania-Deutsch zu verstehen und die Feinheiten dieser Mundart zu ergründen. Wie hast Du das geschafft?

Noa Goldblatt: Für meine Masterarbeit habe ich Earl C. Haags Kolumne „Es Neinuhr Schtick“ aus Lokalzeitungen in Pennsylvania untersucht, die auch auf der Internetseite der „Pennsylvania German Society“ (www.pgs.org/dialect.asp) zu finden sind. Weil ich Hochdeutsch schon beherrschte, war es nicht so schwer, Pennsylvania-Deutsch zu verstehen. Mit einiger Übung konnte ich die Texte ziemlich gut lesen und analysieren.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Deiner Master-Arbeit?

Noa Goldblatt: In meiner Arbeit studierte ich insbesondere das Wort „duh“ (tun) als Hilfsverb. Ich wollte wissen, welche Funktionen dieses Verb im Pennsylvania-Deutschen bzw. in den Zeitungskolumnen hat und ob diese Funktionen mit denen der parallelen Hilfsverben im Hochdeutschen und anderen germanischen Sprachen verglichen werden können. Die Haupterkenntniss der Arbeit war, dass dieses mehrfunktionale Hilfsverb verschiedene Funktionen in verschiedenen Sprachen hat. Zum Beispiel hat es im Pennsylvania-Deutschen sehr häufig einen habituellen Aspekt, der im Standard-Hochdeutsch nicht existiert.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Hast Du außer dem Wort „duh“ im Pennsylvania-Deutsch noch andere typische Wörter entdeckt, die Du besonders schön oder interessant findest?

Noa Goldblatt: Während ich meine Masterarbeit anfertigte, stieß ich in der Mundart auf viele Anleihen aus dem Englischen, die ich interessant finde: zum Beispiel „ennihau“ (anyhow), „schur“ (sure), „geschmookt“ (smoked) oder „geyuust“ (used).

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Haben sich die Amischen in den USA über Deine akademischen Untersuchungen gefreut? Wurden Deine Recherchergebnisse auch in Pennsylvania veröffentlicht?

Noa Goldblatt: Ja, tatsächlich waren sie sehr hilfreich. Die „Pennsylvania German Society“ hat mir einige Materialien wie ein Wörterbuch und weitere Literatur zur Verfügung gestellt. Außerdem haben sie sich sehr großzügig bereit erklärt, meine Masterarbeit in ihrem Jahrbuch „Der Reggeboge“ in diesem Frühjahr zu veröffentlichen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Ist diese deutsch-amerikanische Mundart eigentlich bedroht?

Noa Goldblatt: Das ist ein bisschen kompliziert. Für die Amischen ist Pennsylvania-Deutsch noch eine lebendige Alltagssprache. Die Kinder der Amischen lernen die Mundart als ihre Muttersprache und es ist meist ihre einzige Sprache bis zum sechsten Lebensjahr, also bis zur Einschulung. Auf diese Weise ist sie in der religiösen Amisch-Gemeinschaft nicht bedroht. Die Amischen bekommen auch sehr viele Kinder, wodurch die Zahl der Sprecher sogar leicht zunimmt. Früher haben aber fast alle Einwanderer aus der Pfalz und Südwestdeutschland so oder so ähnlich gesprochen. Unter den Deutschamerikanern, die keiner amischen, mennonitischen oder anderen täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft angehören, wird immer weniger auf Pennsylvania-Deutsch kommuniziert. Heute beherrschen etwa 350.000 Menschen den Dialekt.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Kann man die Amischen mit orthodoxen Juden vergleichen?

Noa Goldblatt: Ja, definitiv! Es gibt viele Ähnlichkeiten bei beiden Gemeinschaften – darunter die Sprache und auch die Lebensweise. Ich glaube, das einzigartige Charaktermerkmal beider Gruppen ist das Konservieren der althergebrachten Sprachen. Es ist oft so, dass die Sprachen der Immigranten nach mehreren Generationen verschwinden. Aber dank der ausschließenden Natur dieser Gemeinschaften sind die Sprachen „geschützt“.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Könntest Du Dir vorstellen, auch einmal für kürzere oder längere Zeit so zu leben wie Amische oder orthodoxe Juden?

Noa Goldblatt: Ich weiß nicht…es wäre wirklich eine interessante Erfahrung. Vielleicht würde ich es für ein paar Tage schaffen, aber länger als das wäre wirklich schwierig, denke ich! Ich brauche mein Handy und mein Netflix.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Du hast Dein Studium nun abgeschlossen. Hast Du noch weiter Verbindungen zum Pennsylvania-Deutsch?

Noa Goldblatt: Ja, mein Master-Studium habe ich beendet. Danach wurde ich Doktorandin und habe einen Doktortitel in Sprachwissenschaft erworben. Das Thema meiner Dissertation sind deutsche Sprachinseln. Deshalb habe ich mich weiter mit Pennsylvania-Deutsch beschäftigt und sogar noch mit anderen Sprachen deutscher Herkunft in Nord- und Südamerika, der ehemaligen UdSSR, Australien und Namibia.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Liebe Noa, vielen Dank für das Gespräch!


Mit Noa Goldblatt sprach Björn Akstinat.

Björn Akstinat ist Leiter und Gründer der IMH-Internationale Medienhilfe (www.medienhilfe.org), der Arbeitsgemeinschaft deutschsprachiger und jiddischer Medien weltweit. Zur IMH gehören unter anderem Medien in Israel und den Vereinigten Staaten von Amerika.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben